Sein Herz schlug links

Bruno Margadant wurde als Plakatsammler und Publizist bekannt. Aber er inspirierte auch jüngere Generationen mit seiner Leidenschaft für linke Politik. Jetzt ist der Sozialist im Alter von 84 Jahren gestorben.
18. Dezember 2013, 02:33
Ralph Hug

Wer Bruno Margadants Lebenswerk sehen will, muss bis nach Berlin reisen. Dort sind in den Staatlichen Museen seine Sammlung von Schweizer Plakaten sowie von Picassos Gebrauchsgrafik ausgestellt. Das Zürcher Museum für Gestaltung beherbergt seine sozialistischen Plakate. Schon dies zeigt an: Bruno Margadants Leben war vom Internationalismus bestimmt. Zur Provinz, in der er lebte, hatte er ein spannungsreiches Verhältnis. Die Ostschweiz, die seit 1961 seine Heimat war – zuerst Flawil, dann St. Gallen – bezeichnete er einmal als «ewiggestrigen Klumpfuss der Schweiz».

Die Eltern waren Kommunisten

Das politische Verdikt hat seine Wurzeln in frühester Jugend. Just am Neujahrstag 1929 kam Bruno Margadant im antifaschistischen Milieu von Zürich zur Welt. Seine Bündner Eltern waren überzeugte Kommunisten, die im Sohn einen tapferen Soldaten für die Weltrevolution erblickten. Es war die Zeit der «Grossen Hoffnung», wie Bruno Margadant selbst in einer autobiographischen Skizze formulierte. Schnell fand er als junger Mann den Weg zur Kommunistischen Partei und nach deren Verbot im Jahr 1940 zur späteren «Partei der Arbeit». An deren Organ «Vorwärts» arbeitete er eifrig mit, als Verfasser von Artikeln, aber auch als Schriftsetzer und Gestalter.

Der amtliche Schatten

Wie viele andere, die in konsequenter Opposition zum Establishment standen, hatte Margadant bald einen amtlichen Schatten, der ihm während vierzig Jahren nicht von der Seite wich. Der Staatsschutz observierte ihn als potenziellen Staatsfeind – und sorgte in McCarthy-Manier mit Denunziationen bei den Arbeitgebern dafür, dass er mehrmals die Stelle verlor. So 1949 bei der NZZ, als er nach dem Besuch des Weltjugendfestivals in Budapest gefeuert wurde, oder 1959 beim damals noch jungen «Blick», wo er als erster Redaktionsgrafiker angestellt war.

Drei Kilo Fiche

«Wir bitten Sie, sich Ihren Lohn auszahlen zu lassen und das Haus sofort zu verlassen», las er im blauen Brief. Am Schluss war seine Fiche bei der Bundespolizei fast drei Kilo schwer.

Allerdings erreichte die Bundespolizei ihr Ziel nicht. Margadants grosse Lebenskraft triumphierte über alle staatlichen Nachstellungen. Nicht zuletzt deshalb, weil er sein Hobby, das Plakatsammeln, in den 1970er-Jahren zum Beruf machen und sich als Publizist etablieren konnte. 1971 erschien «Für das Volk, gegen das Kapital». Darin sind die Plakate der schweizerischen Arbeiterbewegung dokumentiert. Mit «Das Schweizer Plakat» aus dem Jahr 1983 wurde Margadant in breiten Kreisen bekannt. Als sein Hauptwerk bezeichnete er selber den 1998 erschienenen Band «Hoffnung und Widerstand», ein eindrückliches Fresko des 20. Jahrhunderts in Plakatform und zugleich eine Dokumentation des nie endenden globalen Kampfs für Gleichheit und Gerechtigkeit.

Die Arbeit im Kleinen

Daneben wirkte er stets auch im Kleinen. Während Jahren betreute er das mit einem Künstlerblatt versehene Cover der 1. Mai-Ausgabe der «Ostschweizer AZ». Noch in den letzten Jahren führte er diese Tradition beim «Vorwärts» fort, zuletzt mit dem Künstler Thomas Hirschhorn.

Vom Kommunismus Moskau'scher Prägung verabschiedete er sich noch vor der Besetzung Prags im Jahr 1968. Er hatte genug von Stalins Nachfahren. In Flawil, seinem damaligen Wohnort, trat er der SP bei.

Moritz Leuenberger zu Gast

1975 zog er mit seiner Frau Alexa Lindner nach St. Gallen. Die Altwohnung am Burggraben blieb mit den gelbgerauchten Wänden, den Gestellen voller marxistischer Klassiker und den Rollschränken mit ihrem unerschöpflichen Fundus an Grafiken ein erratischer Block gegen die Zeit. Mit Sicherheit hing dort am 1. Mai eine rote Fahne über der Brüstung.

Hier empfing Margadant so manche Koryphäe aus dem linken Politspektrum zum Besuch. Zuletzt, wenige Tage vor seinem Tod, waren der Zürcher Psychiater Berthold Rothschild und ex-Bundesrat Moritz Leuenberger zu Gast. Er erzählte gerne von der Begegnung mit dem grossen Dichter Bertolt Brecht im Churer Genossenkreis im Jahr 1948 anlässlich einer Uraufführung im Theater oder vom Marxisten und Kunsthistoriker Konrad Farner, einem Opfer der Kommunistenhysterie im Anschluss an den Ungarn-Einmarsch 1956.

Selbst entworfene Todesanzeige

Die Erinnerung an die Auswüchse des Kalten Kriegs hat ihn geprägt, und die unerbittliche Logik seines Eigensinns gebot es ihm, die lebenslange Verfolgung durch den Staat auch noch in der Todesanzeige kundzutun, die er rechtzeitig für sich selber entwarf. Sie wird demnächst in diesem Blatt zu lesen sein. Margadants Herz schlug links, und daran konnte der Weltlauf in all seinen Wirrungen nichts ändern. Nun hat es aufgehört zu schlagen. Bruno Margadant verschied am 14. Dezember nach kurzer Krankheit im Alter von 84 Jahren.


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