Ritalin und die SVP

Die St. Galler SVP hat im Kantonsrat bereits mehrere Vorstösse zum Einsatz von Ritalin eingereicht. Sie stützt sich unter anderem auf Material ab, das ein Ableger von Scientology bereitstellt.
19. November 2012, 10:58
ANDREAS KNEUBÜHLER

Es gibt viele Kritiker am steigenden Einsatz von Ritalin und ähnlicher Medikamente bei Kindern und Jugendlichen. Darunter sind Elternvereinigungen, Ärzte, Pharmakritiker oder auch Erziehungswissenschafter. Aktiv ist aber auch ein Ableger der Psychosekte Scientology, die Organisation Citizens Commission on Human Rights (CCHR). Die Organisation figuriert in Bern auch unter dem deutschen Namen «Bürgerkommission für Menschenrechte» und betreibt unter anderem eine Homepage, auf der sie vor Psychopharmaka im allgemeinen warnt. Dort finden sich auch umfangreiche Materialen, welche die Diagnose ADHS als Ursache von Leistungsstörungen in der Schule in Frage stellen und vor Medikamenten wie Ritalin warnen.

Hegelbachs Vorstösse

Zu den Empfängern von CCHR-Informationsmaterial gehören viele kantonale und nationale Politikerinnen und Politiker. Im Kanton St.Gallen zählt beispielsweise SVP-Kantonsrat Marcel Hegelbach (Jonschwil) dazu. Er hatte 2005 einen Vorstoss zum Thema Ritalin eingereicht und damals auf Anfrage bestätigt, von CCHR mit Informationsmaterial und Kontaktadressen von Elternvereinigungen versorgt worden zu sein. Auf seiner persönlichen Homepage fand sich damals auch ein Link zu CCHR. Hegelbach distanzierte sich aber von der extremen Haltung des Scientology-Ablegers. Ritalin sei zu einem riesigen Geschäft geworden und es gebe dazu viele Fragen, aber nur wenig Informationen, erklärte der Kantonsrat 2005.

Im September 2012 hat Hegelbach einen weiteren Vorstoss zum gleichen Thema eingereicht. Er fordert nun ein generelles Abgabeverbot von Psychopharmaka an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren. Im Interpellationstext findet sich unter anderem ein Link zur CCHR-Homepage. Im April 2012 hatte Hegelbachs inzwischen abgewählter SVP-Fraktionskollege Christopher Chandiramani (Rapperswil) eine Einfache Anfrage eingereicht und darin diverse Fragen zur «Abgabe von Ritalin, Concerta, Equasym, Medkinet» gestellt. Damit war er nicht alleine: Vorstösse mit identischen Textbausteinen und teilweise den gleichen Fragen wurden in den vergangenen Monaten auch im Kanton Basel-Land – von einer SVP-Kantonsrätin –, und im Kanton Solothurn vom GLP-Kantonsrat Markus Flury eingereicht.

«Fast nur SVP-Mitglieder»

Wer hat hier koordiniert? Markus Flury verneint auf Anfrage, dass er an einer konzertierten Aktion teilgenommen habe. Das Thema beschäftige ihn schon länger. «Alle stellen eine Fehlentwicklung fest, aber niemand unternimmt etwas dagegen.» Der Grünliberale erklärt, dass er für seinen Vorstoss Informationsmaterial von einer gewissen Heidi Altorfer erhalten habe, auch der Vorstoss von Chandiramani sei ihm bekannt gewesen. Unter dem Namen Heidi Altorfer findet sich die Homepage eines Scientology-Mitglieds. Dessen Gatte, Felix Altorfer, ist Präsident von CCHR Schweiz. Die Verbindung zum CCHR sei ihm nicht bekannt gewesen, sagt Flury. Er erinnert sich, dass er an einer Veranstaltung einer Gruppe für Bundesparlamentarier namens Psychopharmaka-Nein teilgenommen habe. «Ich habe mich gewundert, dass fast nur SVP-Mitglieder dabei waren.» Eine der wenigen Ausnahmen sei die St.Galler Nationalrätin Yvonne Gilli gewesen.

Sie sei ein einziges Mal bei dieser Gruppe dabei gewesen, die tatsächlich von der SVP dominiert gewesen sei, bestätigt Yvonne Gilli. Von Gruppierungen wie dem CCHR werde sie immer wieder angeschrieben, weil sie sich als Ärztin mit solchen Themen befasse. Die Verbindungen zwischen der SVP und CCHR wundern sie nicht. Die Partei biete solchen Gruppierungen einen politischen Boden, sagt Yvonne Gilli und verweist auf die Nähe des ehemaligen Vereins zur Förderung psychologischer Menschenkenntnis (VPM) zur SVP. Die Konstellation mit dem Scientology-Ableger mache die Auseinandersetzung mit dem Thema Ritalin schwierig, «weil man sich mit solchen Gruppen nicht vernetzen kann», sagt die St.Galler Nationalrätin. Sie plädiert aber dafür, sich trotzdem damit zu befassen, «aber differenzierter».


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