Reportage setzt neue Massstäbe

ST.GALLEN. Vier journalistische Arbeiten aus dem Jahr 2010 wurden gestern mit dem Ostschweizer Medienpreis ausgezeichnet. Ausserdem gab's «Lebenswerk»-Preise für zwei prominente Ostschweizer TV-Journalisten – Matthias Hüppi und Kurt Felix.
15. Juni 2011, 07:59
Marcel elsener

Am Ende wähnte man sich bei der Verleihung des Ostschweizer Medienpreises im – sonst ja wenig Grandezza versprühenden – Pfalzkeller an einer Fernsehgala: Schlag auf Schlag folgten sich die Auftritte von Matthias Hüppi und von Kabarettist David Bröckelmann, der Hüppi so famos imitiert wie etwa Hakan Yakin oder Kurt Aeschbacher, und sodann jene des langjährigen Fernsehjournalisten Anton Schaller (u. a. Tagesschau, Rundschau, Arena) und eines überraschenden Preisträgers – Kurt Felix.

Ausser allen Traktanden habe man spontan beschlossen, den unlängst 70 gewordenen TV-Entertainer, der zuvor namens der Fernsehpreis-Jury seinen jüngeren Kollegen Hüppi geehrt hatte, ebenfalls zu ehren, sagte Schaller; schliesslich habe Felix vor genau 50 Jahren seine unnachahmliche Fernsehkarriere gestartet. Und schon lief das berühmte «Söll emol cho» aus der «Versteckten Kamera», und ein gerührter Kurt Felix, beschenkt mit einem stattlichen Bonsai, trat noch einmal ans Mikrophon: Er danke seiner Frau, die «immer so gut zu ihm geschaut habe», aber sonst wäre jetzt «jedes Wort zu viel».

Geteilter Fernsehpreis

Matthias Hüppi, St. Galler und «bekennender Berufs-Ostschweizer», hatte im Gegensatz zu Felix (wie der freimütig erzählte) früh das Zeug zum Sportreporter und ist nach nun just 30 Jahren beim SF und 25 Jahren beim «Sportpanorama» eine TV-Sport-Institution; und erst noch mit «rekordverdächtiger Ausdauer», wie etwa seine Lauberhorn-Moderation über ein Vierteljahrhundert und seine achtstündigen Sendungen vom Schwingfest zeigten.

Hüppi freute sich, den Preis mit einer jüngeren Kollegin zu teilen, die nicht beim «grossen Bruder Leutschenbach», sondern beim Lokalsender Tele Südostschweiz arbeitet: Sereina Venzin wurde – zum zweiten Mal – für eine ungewöhnliche und zeitintensive Reportage ausgezeichnet. Nach dem Bericht aus einem Gefängnis erzählte sie nun von den Erfahrungen einer traditionellen Muslima, die verschleiert in Chur unterwegs ist. «Zmitzt dinna», der Titel der Sendereihe, ist hier wörtlich gemeint: Venzin trug den Gesichtsschleier (Nikab) selber.

Zwei, eigentlich drei Fernsehpreise also, aber kein Radiopreis für 2010: Warum er entfiel, wurde gestern mit keinem Wort erwähnt. Inoffiziell war von einem Jurymitglied zu erfahren, dass es den eingereichten Beiträgen schlicht an Qualität gemangelt habe.

Geschichte einer Drogenjugend

Umso unbestrittener die Qualität einer selten langen Reportage, die wiederum im grosszügigen Monatsmagazin «Saiten» erschienen war. Die vom WOZ-Journalisten Carlos Hanimann erzählte Horrorgeschichte von Pedro, der in den 90er-Jahren als Heroinraucher in der St. Galler Drogenszene auf dem Schellenacker versumpft, liest sich laut Jurypräsidentin Ruth Cathomas-Bearth «spannend wie ein Krimi, aufklärend wie ein Sachbuch und bar jeder überstülpten Moral und Wertung». Noch nie habe ein Beitrag dermassen «ohne Bedenken» alle Mitglieder überzeugt; ja er setze «Massstäbe für jene Art von Qualitätsjournalismus, die unser Preis fördern will». Jene Art, die der St. Galler Regierungsrat Benedikt Würth in seinen Grussworten ermutigt hatte; guter Journalismus müsse nicht gefällig sein, aber «fair, fundiert, unterhaltsam».

Leichte Kost auf der anderen Seite der prämierte Tagestext aus der Thurgauer Zeitung, die vorbildliche Kolumne einer «phantasievollen Chronistin»; Ida Sandls muntere Vision von Kreuzlingen als «Wallfahrtsort» mit nacktem Papst, dem eine SVP-Gemeinderätin Asyl gewährt. Auch dies eine Premiere: Sandl ist aus Bayern zugewandert, der Träger des Fotopreises gebürtiger Sauerländer. Der 60jährige Münchner Fotograf Hubertus Hamm erhält den Ostschweizer Medienpreis für seine Serie «O Soglio Mio», die in der neuen Zeitschrift «Alps – Alpine Lebensart» überraschende Blickpunkte von Soglio und der rauhen Landschaft des Bergells zeigte.


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