«Mut hat sich gelohnt»

Die überzeugendste Lösung stammt vom Londoner Architekten Peter St John, die originellste von Pipilotti Rist. Der St. Galler Dom soll endlich eine definitive Altarlandschaft erhalten.
10. Dezember 2010, 01:04
josef osterwalder

st. gallen. Eine subtile Aufgabe: Mitten im barocken Dom soll ein Altarbereich geschaffen werden, der den Geist der heutigen Zeit atmet und doch nicht wie eine Faust auf das Auge wirkt.

Eigentlich hätte man die Aufgabe schon vor 43 Jahren lösen müssen; als die Kathedrale umfassend saniert wurde. Doch damals traute man sich eine definitive Lösung noch nicht zu. Man behalf sich mit jenem Provisorium, das bis heute besteht. Auf das Gallusjubiläum hin hat sich nun aber der Katholische Administrationsrat (Exekutive der St. Galler Landeskirche) in Absprache mit dem Bischof entschlossen, eine definitive Lösung anzustreben.

Lösungen aus fünf Ländern

Im Bewusstsein, dass es eine heikle Aufgabe ist, liess man sich von Marcel Ferrier von der «Schweizerischen Lukas-Gesellschaft für Kunst und Kirche» beraten und lud Architekten beziehungsweise Künstler aus der Schweiz, aus Österreich, Portugal, England und Kalifornien ein; aus unterschiedlichen «Barockländern» also.

Gestern nun wurde das Ergebnis des Wettbewerbs vorgestellt. Mit einem sichtlich erleichterten Präsidenten des Administrationsrats. Es sei ein gewagtes Unterfangen gewesen, sagte Hans Wüst bei der Pressekonferenz; «doch der Mut hat sich gelohnt.»

Sieben Kunstschaffende waren eingeladen, sechs haben teilgenommen, drei Arbeiten wurden von der international besetzten Jury in die engere Wahl genommen; jene von Peter St John, London, Aires Mateus, Lissabon, und Pipilotti Rist aus der Schweiz.

Licht von der Kuppel

Gewonnen hat das Projekt des Büros «Caruso St John Architects, London». Wie differenziert die Aufgabe gelöst wurde, erläuterte gestern Peter St John. Besonderes Anliegen ist ihm, die Altarinsel sowohl vertikal wie horizontal mit dem Raum zu verbinden. Über dem Altarbereich lässt er einen ovalen goldenen Reif schweben, der den Altar als zentralen Ort im Raum markiert. «An der Kuppel gibt es ja die von Licht umgebene Darstellung der Dreifaltigkeit. Mein Reif will dieses Licht in den Raum hinunter strahlen lassen. » Die ebenfalls oval geformten Treppenstufen verbinden den Altar auch mit den Längsachsen und rücken diesen in die Nähe der Gottesdienstteilnehmer.

Entlang den Altarstufen rankt sich ein Motiv von Rebblättern. Ein altes christliches Symbol, das für die Verbindung von Weinstock (Christus) und Reben (Gläubige) steht. Im Falle des Doms handelt es sich auch um eine optische Weiterführung der Rebblätter, mit denen das schmiedeiserne Chorgitter geschmückt ist. Als Material soll ein heller Beton verwendet werden, wobei der Altar mit einer Marmorplatte, der Ambo mit einem Eibenblock, der Taufstein mit einem Silberblatt bedeckt wird.

Bis zur Ausführung werden noch Feinabstimmungen nötig sein; zudem muss im Katholikenparlament ein Ausführungskredit von rund 1,5 Mio. Franken beantragt werden.

Pipilotti Rists Findlinge

Die Wettbewerbsarbeiten sind bis zum 21. Dezember ausgestellt. Zu sehen ist auch die Lösung von Pipilotti Rist, die durch ihre Originalität auffällt: Altar und Ambo bestehen aus Findlingen; die Altarinsel ist mit einem Teppich voller bunter Blumen und einem heiteren Himmel belegt.

Ausstellung: Klosterhof 6b; Mo–Fr 8.30–17 Uhr, So 9–12 Uhr

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