«Keine Akteneinsicht»

Historiker Arnulf Moser fordert eine Gedenktafel für KZ-Opfer, die auf der Mainau Zuflucht fanden.
04. Januar 2012, 01:03

Herr Moser, 17 Jahre nach der Veröffentlichung Ihres Buches «Die andere Mainau 1945. Paradies für befreite KZ-Häftlinge» kommt Bewegung in die Geschichte (Ausgabe vom 3. Januar). Freut Sie das?

Arnulf Moser: Es kommt immer wieder vor, dass Themen, die ich vor Jahren bearbeitet habe, plötzlich wieder gefragt sind. Das freut mich dann schon.

Das Mainau-Management hat drei bekannte Zeithistoriker aus Konstanz aufgeboten. Ihr Name fehlt. Sind Sie zu kritisch?

Moser: Eine Kommission berufen kann heissen: Zeit gewinnen, auf die lange Bank schieben, in sechs Monaten spricht keiner mehr davon. Es kann auch heissen: Hoffentlich kommt die Kommission zu einer anderen Bewertung der Fakten als ich.

Eine Ohrfeige für Sie?

Moser: Seltsam ist es schon. Aber ich bin den drei Experten der Kommission freundlich verbunden. Sie wissen, was ich mache, und ich weiss, was sie machen.

Werden Sie den drei Kollegen – Lothar Burchardt, Tobias Engelsing und Jürgen Klöckler – zur Seite stehen?

Moser: Ich denke schon.

Sie haben jahrelang an Ihrem 135seitigen Mainau-Opus recherchiert und geschrieben. Was muss die Kommission nun noch aufarbeiten?

Moser: Denkbar wäre die Aufarbeitung der Biographien der auf der Mainau verstorbenen KZ-Häftlinge oder ein Vergleich der Verhältnisse auf der Mainau mit jenen im Notspital in Herisau.

Die drei Berater werden also die historischen Ereignisse, so gut es geht, zusammenstellen?

Moser: Als ich am Buch gearbeitet habe, hat mir das Staatsarchiv in Freiburg im Breisgau die Einsicht in manche Akten verwehrt, weil sie angeblich zu viele private Dinge zu Bernadotte enthalten. Heute sind die Akten zugänglich. Mich hat damals interessiert, welche Wert- und Einrichtungsgegenstände die Organisation Todt auf die Insel Mainau gebracht hatte, woher sie stammten und was aus ihnen geworden ist.

Erstmals haben Sie im Dezember in Ihrem «offenen Brief» die Namen der auf der Insel Mainau verstorbenen KZ-Häftlinge aus Frankreich veröffentlicht. Sollte diesen Biographien nachgegangen werden?

Moser: Die Akte mit den Namen der auf der Mainau Verstorbenen war mir früher schon bekannt, aber ich bin den Einzelschicksalen nicht weiter nachgegangen. Heute sind die Suchmöglichkeiten dank elektronischer Hilfsmittel sehr viel besser. Eine Aufarbeitung wäre sicher sinnvoll.

Was erhoffen Sie sich aus dem möglichen Einlenken der Verantwortlichen des grossen Tourismusunternehmens Mainau GmbH?

Moser: Ich halte eine Gedenktafel an der Stelle des französischen Friedhofs für sinnvoll. Ich habe dies schon bei Erscheinung des Buches vorgeschlagen. Die Mainau könnte das damalige Geschehen durchaus positiv verbuchen: Hier konnten ehemalige KZ-Häftlinge sich erholen. Das würde so manchen ausländischen Touristen beeindrucken.

Sie sind im aktiven Ruhestand, haben einige Bücher geschrieben und sind als Zeithistoriker in der Euregio Bodensee engagiert. Welches sind Ihre nächsten Projekte?

Moser: Ich werde am Auschwitz-Gedenktag Ende Januar im Zentrum für Psychiatrie Reichenau einen Vortrag halten über «Erbgesundheitsgesetz und Zwangssterilisation in Baden 1933–1945». Das Thema betrifft auch das Gesundheitsamt Konstanz. Ich war an der Diskussion um die Aufhebung des Grabes des Dichters Wilhelm von Scholz beteiligt und bin jetzt an der biographischen Aufarbeitung.

Interview: Urs Oskar Keller

Dokumentarfilm «Der junge Graf und seine Schwestern – Die Bernadottes auf der Insel Mainau», Donnerstag, 5. Januar, ab 20.05 Uhr auf SF1. Wiederholung am 6. Januar.

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