"Je dümmer eine Aussage ist, desto eher wird sie geglaubt"

IMPFGEGNER ⋅ Wer masturbiert, leidet womöglich an der Impfkrankheit: Dies behauptet eine Heilpraktikerin aus Uznach. Der bekannte Immunologe Beda Stadler ärgert sich über diese Aussage. Und zieht Parallelen zu den USA, wo Lügen unter Donald Trump gesellschaftsfähig geworden sei.

17. Februar 2017, 10:51
Daniel Walt
Herr Stadler, wer sich impfen lässt, beginnt mit Masturbieren – was sagen Sie zu dieser Aussage einer Impfgegnerin aus Uznach?
Beda Stadler: Man kann sich nur noch ärgern. Diese Frau ist mit US-Präsident Donald Trump gleichzusetzen, indem sie Lügen zu Fakten macht. Das Schlimme dabei ist: Je dümmer eine Aussage ist, desto eher scheint sie von den Menschen geglaubt zu werden.
 
Fake News aus einer Heilpraxis im Kanton St.Gallen also?

Stadler: Absolut. Wir müssen gar nicht lachen über das, was im Moment in den USA abgeht – wir sind schon längst soweit. Vor einigen Jahren ist die Alternativmedizin, also die Lehre von den Scheinarzneimitteln, mit 67 Prozent in die Bundesverfassung aufgenommen worden. In keinem anderen Land auf der Welt ist das der Fall. Wenn Fakten und Meinungen auf die gleiche Ebene gesetzt werden, braucht es keine Wissenschaft mehr – dann bricht ein Grundpfeiler unserer modernen Gesellschaft weg. Das Problem dabei ist: Je mehr man diese Impfgegnerin aus Uznach in eine Ecke drängt, desto eher wird sie in ihren Kreisen zur Märtyrerin.
 
Schlafstörungen, Legasthenie, Stottern – welche Krankheiten werden von Gegnern sonst noch mit dem Impfen in Verbindung gebracht?

Stadler: Autismus beispielsweise. Oder dann Phänomene wie Schreikrämpfe oder Schlaflosigkeit, die bei Kleinkindern völlig normal sind. Sogar wenn gewisse Dinge zwei Jahre nach dem Impfen auftreten, bringen diese Leute sie noch  mit dem Impfen in Zusammenhang.
 
Im Toggenburg scheinen Infoanlässe zu florieren, die vor den Folgen von Impfungen warnen. Ist Ihnen diese Region auch schon als besonders impfkritisch aufgefallen?
Stadler: Das Toggenburg liegt relativ nahe am Appenzellerland, wo sich seit langem eine gewisse Naturesoterik hält. Das sind ja alles keine bösen Leute – sie sind einfach ignorant. Sie wollen für ihre Kinder zwar das Beste, gefährden sie aber mit ihren Überzeugungen.
 
Welche Leute stehen Impfungen Ihrer Wahrnehmung nach besonders kritisch gegenüber?
Stadler: Praktisch alle Sekten haben ein Problem mit dem Impfen. Dann gibt es Leute, welche die Welt retten wollen und nur auf die Natur setzen – zurück ins Mittelalter also. Und drittens gibt es die wachsende Gruppe der Verschwörungstheoretiker.
 
Haben Sie die Hoffnung aufgegeben, dass die Impfgegner jemals aussterben werden?
Stadler: Nein. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich keine Ahnung habe, mit welchem Argument man aus einem Impfgegner einen Befürworter machen könnte.
 
Dann haben Sie auch noch nie jemanden getroffen, der seine Meinung zum Impfen geändert hätte?
Stadler: Ich kenne Fälle von Menschen, die als Erwachsene eine schwere Krankheit, beispielsweise die Masern, durchgemacht haben. Einige von ihnen sind durch ihre Erfahrungen bekehrt worden – aber eben erst im Nachhinein.
 
 
 

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