Immer weniger Priester unter 65

Wird ein Priester Vater, ist die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Zölibats schnell auf dem Tisch. Wäre dessen Abschaffung das Allerheilmittel gegen den Priestermangel? Und wie geht das Bistum St. Gallen mit dem Priestermangel um?
23. März 2011, 01:04
Regula Weik

St. Gallen. Der Gossauer Priester Niklaus Popp wird Vater – und tritt als Pfarrer zurück. Muss das sein, fragen sich Katholiken und Nichtkatholiken. Kann er nicht auch als Vater oder verheirateter Mann das Priesteramt weiter ausüben? Und: Ist es nicht endlich Zeit, den Zölibat abzuschaffen, um dem Priestermangel effizient zu begegnen?

Bischof Markus Büchel verwahrt sich gegen eine Abschaffung des Zölibats – auch wenn ihm in den vergangenen Tagen das Gegenteil in den Mund gelegt wurde. Er verschliesst sich aber nicht der Debatte über die Zulassungsbedingungen zum Priesteramt. «Eine tolerantere Haltung wird diskutiert», sagt er. Und: «Eine Lockerung des Pflichtzölibats könnte helfen, dem Priestermangel in mitteleuropäischen Ländern zu begegnen.»

Akuter Priestermangel

Auch im Bistum St. Gallen ist der Priestermangel akut. Wie begegnet ihm das Bistum? Heute gibt es im Bistum 151 Priester; vor zehn Jahren waren es 160 gewesen. Doch die Zahlen allein sagen wenig über den tatsächlichen, aktiven Einsatz in der Kirche aus. So gibt es pensionierte Priester, die einmal im Monat irgendwo einen Gottesdienst feiern oder mit wenigen Stellenprozenten aushelfen – sie sind mitgezählt. Spannender ist der Blick in die Zukunft: «In zehn Jahren», so Bischof Markus Büchel, «werden im Bistum St. Gallen noch ungefähr 30 Priester jünger als 65 sein.»

Für den Bischof ist der Priestermangel dennoch relativ, weil er sich an vergangenen Zeiten orientiert. 1970 zählte das Bistum rund 320 Priester, ihr Durchschnittsalter war 50. Auch der Blick über die Grenze zeige: «Es gibt viele Länder – etwa Frankreich oder dann in Afrika oder Lateinamerika –, in denen es weit weniger Priester pro Katholik gibt als bei uns.»

Weniger Messen

Was hat die Kirche falsch gemacht, dass heute der Priesternachwuchs fehlt? «Den Priestermangel in Europa gibt es nicht nur wegen Fehlern oder Versagens der Kirche», sagt Bischof Markus Büchel. «Die Entwicklung kirchlicher Berufe ist immer auch ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen.» So hätten früher bestimmte Berufe fast nur «im Schoss der Kirche» gelernt und praktiziert werden können – etwa Krankenschwester oder Lehrer. Beides ist heute schwer vorstellbar. Und: Heute habe die Kirche insgesamt an Bedeutung in der Gesellschaft verloren.

Bischof Markus Büchel gibt zudem zu bedenken: «Viele Menschen sehen heute ihren Glauben als Privatsache an, dafür brauchen sie keine Kirche mehr – oder sie suchen den Kontakt zur Kirche nur noch sporadisch bei wichtigen Ereignissen wie Taufe, Erstkommunion, Hochzeit oder bei Todesfällen.»

Neue Berufsbilder

Der Priestermangel geht nicht spurlos an der Kirche vorbei. So finden heute weniger Eucharistiefeiern (heilige Messen) statt. Die Nachfrage sei auch nicht mehr so gross wie noch vor dreissig Jahren, sagt der Bischof. «Die Zahl der Eucharistiefeiern ist allerdings bei weitem nicht der einzige Gradmesser für eine Kirche. So wenig wie es die Zahl der Gottesdienstbesucher ist.»

Umgekehrt arbeiten heute im Bistum St. Gallen 118 Laienseelsorger; vor zehn Jahren waren es noch 99 gewesen. Sie nehmen – neben der Verkündigung im Gottesdienst – wichtige Aufgaben wahr, in der Jugend- und Sozialarbeit. Dies entlastet die Priester – bedeutet umgekehrt aber auch: «Der Priester ist nicht mehr in allen kirchlichen Bereichen allein zuständig. Es hängt nicht mehr alles von ihm ab. Er ist stärker gefordert, in einem Team mitzuarbeiten», sagt der Bischof.

Gibt es im Bistum St. Gallen in Zukunft verheiratete Männer als Priester oder gar Frauen im Amt? Der Bischof reagiert zurückhaltend: «Das Bistum St. Gallen ist gerade in diesen Fragen auch Teil der Weltkirche. Ein Bischof wird sie daher nie alleine entscheiden.»


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