«Ich fühle mich nicht als Held»

Der Gossauer Pfarrer wird Vater: Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Für sein «Geständnis» und dafür, dass er zu seinem Kind steht, erntet Niklaus Popp fast nur Applaus. Trotzdem wird er Gossau verlassen.
24. März 2011, 11:28

Herr Pfarrer Popp, wie geht es Ihnen?

Niklaus Popp: Es geht. Der Rummel um meine Person ist gross. Ich bin aber trotzdem erleichtert und froh darüber, dass ich meine Situation offen und ehrlich in Absprache mit dem Bischof und dem ganzen Seelsorgeteam öffentlich kommuniziert habe.

Haben Sie denn nicht mit einem solchen Rummel gerechnet?

Popp: Doch. Ich habe nicht nur damit gerechnet, sondern auch befürchtet, dass es hektisch sein würde. Bei mir zu Hause stapeln sich sehr viele Briefe, es sind Hunderte von Mails gekommen. Mir fehlt im Moment noch die Zeit, um zu antworten.

Welcher Moment war für Sie am schlimmsten?

Popp: Als ich meinen Brief in den Gottesdiensten verlas. Ich wusste, dass ich den Menschen mit meiner Mitteilung weh tue, sie schockiere. Und ich war mir bewusst, welche Macht Worte haben. Mit wenigen Worten kann sich alles verändern.

Sie bereuen aber nicht, offen kommuniziert zu haben?

Popp: Nein, es war der richtige Weg. Ich bin froh über die vielen positiven Reaktionen aus meinem Umfeld und vor allem um den grossartigen Beistand des Bischofs. Sie stärken mich, geben mir Halt. Bischof Markus Büchel wünscht, dass ich meine Arbeit als Pfarrer noch bis im Sommer ausübe. Im September werde ich Gossau dann verlassen.

Der Gedanke an den Abschied scheint Sie traurig zu stimmen?

Popp: Ja, sicher. Vor bald zwölf Jahren kam ich als Kaplan nach Gossau, wurde dann bald darauf zum Pfarrer gewählt. Ich hatte eine gute Zeit hier und bin froh, dass ich noch ein paar Monate vor mir habe. Ich sagte immer offen, dass ich nach etwa zwölf Jahren an eine Veränderung denken möchte. Mein Leben hat nun eine überraschende Wendung genommen. Das ändert aber nichts daran, dass mir der Glaube sehr wichtig ist, und auch wichtig bleibt, geschehe was wolle.

Nützt es auch nichts, wenn Unterschriften für Sie gesammelt werden, damit Sie bleiben können?

Popp: Nein. Ich möchte, dass mein Entscheid respektiert wird. Ich nehme im Herbst eine Auszeit, um mir über meinen weiteren Weg klar zu werden. Ich freue mich jetzt auf diesen Weg. Ich habe mir lange genug Vorwürfe gemacht.

Warum Vorwürfe?

Popp: Anfänglich habe ich schon grosse Scham und Verzweiflung empfunden. Ich weiss, dass wir uns nicht hätten so nahe kommen dürfen. Ich bin Priester. Ich dachte auch an meine Eltern, wie enttäuscht sie von mir sein müssen.

Und, waren sie enttäuscht?

Popp: Es war sicherlich sehr schwer für sie. Aber mein Vater hat grossartig reagiert. In der ersten Begegnung umarmte er mich und sagte nur ganz leise: «Niklaus, jetzt müänd mer vorwärts luägä.» Zu meinem Erstaunen hat er Elisabeth in einem Brief geschrieben, dass sie sich keine Sorgen machen müsse, denn das sei nicht gut für das Kind. Und wenn dann doch Sorgen aufkommen, sage ich ihr, sie soll den Brief meines Vaters lesen.

Mit Ihrer Demission haben Sie die Diskussion um das Zölibat wieder angeheizt. Vielleicht sind Sie auch Türöffner, damit das Zölibat gelockert werden kann.

Popp: Vielleicht. Ich fühle mich deswegen aber nicht als Held. Das Zölibat ist durchaus eine sehr wertvolle und zeichenhafte Lebensform, die vor allem in Gemeinschaften gelebt werden kann und soll. Von einer Aufhebung des Zölibats will ich deshalb nicht sprechen. Mir scheint eine ernsthafte Diskussion rund um das Pflichtzölibat angebracht und überfällig.

Ist das Zölibat nicht Hindernis für viele junge Menschen, den Weg des Priesters einzuschlagen?

Popp: Nicht nur. Ich denke, es ist auch die Angst vor der Überforderung. Denn den Priestern wird heute sehr viel aufgebürdet.

Waren Sie denn überfordert?

Popp: Ich habe eine Last gespürt, vor allem auch im Hinblick auf die Zukunft. Elisabeth, die mir nebst ihrer beruflichen Tätigkeit seit sechs Jahren im Pfarrhaushalt geholfen hat, ist mir zur Seite gestanden und hat vieles mitgetragen.

Werden Sie heiraten?

Popp: Ich weiss noch nicht, wie es weitergehen wird. Ich weiss, dass ich zu meinem Kind stehe. Entscheidungen werde ich mit meiner Partnerin und den Verantwortlichen des Bistums nach der Zeit in Gossau in Ruhe treffen.

Interview: Rita Bolt


Leserkommentare

Anzeige: