Handys haben Schulverbot

Smartphones sind auch in den Primarschulen auf dem Vormarsch: Mindestens zwei Drittel der 5.- und 6.-Klässler besitzen ein Handy. An den meisten Schulen herrscht ein Handyverbot, obwohl dieses als wenig sinnvoll erachtet wird.
27. Februar 2015, 02:36
JULIA BARANDUN

ST. GALLEN. Der zwölfjährige Emil* hat vor drei Jahren sein erstes Handy erhalten. So können ihn seine Eltern erreichen, wenn er allein unterwegs ist. «Am meisten brauche ich es aber, um mit meinen Freunden auf WhatsApp zu chatten», sagt der Primarschüler. Auch auf Instagram postet er Bilder. «Wenn mir langweilig ist, dann sehe ich mir Videos auf YouTube an. Fernsehen schaue ich eigentlich gar nicht mehr», erzählt er. In die Schule nehme er sein Smartphone nie mit, da er es sowieso nicht benutzen dürfe.

Fast alle haben ein Smartphone

Im Primarschulhaus Engelwies dürfen Handys mitgenommen werden, während der Unterrichtszeit müssen sie aber ausgeschaltet sein. «Wirklich strikt sind wir, wenn es darum geht, dass sich Kinder filmen und die Videos auf YouTube oder Instagram stellen», sagt Schulleiterin Donata Grieger. In zwei Fällen solcher Übertretungen sei die Jugendpolizei hinzugezogen worden. Fast alle Schüler der fünften und sechsten Stufe im Schulhaus Engelwies haben ein Smartphone. So auch die elfjährige Fatima*: «Ich brauche es aber nicht oft», sagt die Fünftklässlerin. Meist schreibe sie SMS mit ihrer Familie. Auch als Lernhilfe konnte sie ihr Handy schon benutzen: Mit Hilfe einer App hat sie Mathematik gelernt.

Der elfjährige Rowan* benutzt sein Smartphone auch ab und zu für die Schule. Dabei kommt es als Taschenrechner oder für die Internetrecherche zum Einsatz. Mit Hilfe des Google-Übersetzers dient es ihm auch als mobiles Wörterbuch. «Ich verbringe jeden Tag etwa fünf Stunden an meinem Handy», sagt der Schüler. Meist nutze er dann WhatsApp, Instagram, Facebook, Viber, Skype und Online-Spiele.

Handys an Primarschulen seien ein grosses Thema, sagt Dolores Waser Balmer, Bereichsleiterin Prävention des Kinderschutzzentrums St. Gallen. Vor allem in der fünften und sechsten Klasse, aber auch in der dritten und vierten Stufe sehe man immer mehr Handys. Die meisten davon seien Smartphones. Obwohl es in keinem Ostschweizer Kanton ein generelles Handyverbot gibt, kennt Waser Balmer keine Primarschule, in der Handys erlaubt sind.

Eltern sind froh um Hinweise

Das Kinderschutzzentrum St. Gallen bietet regelmässig das Modul «Computer, Handy & Co» an. Dabei wird mit Lehrkräften, Schülern und Eltern zusammengearbeitet. Letztere seien sehr dankbar für Hinweise, womit sich ihr Nachwuchs in der virtuellen Welt beschäftige und wie man damit umgehen könne, sagt Waser Balmer. Auch vor Gefahren wie Cybermobbing, Abhängigkeit und Kostenfallen wird gewarnt. Themen wie Ego-Shooter-Spiele und Sexting seien vor allem bei Oberstufenschülern ein Problem. Die meisten Familien hätten jedoch mit ihren Kindern bereits gute Regeln für den Umgang mit Smartphones gefunden, stellt Waser Balmer fest. Doch es gibt auch eine andere Seite. «Aus einer neuen Studie geht hervor, dass sich viele Jugendliche wünschen, dass ihre Eltern zum Beispiel beim Essen das Handy weglegen», sagt Waser Balmer.

Wenig Unterricht mit Handy

Angehenden Lehrpersonen wird gezeigt, wie sie Computer, Tablets und Smartphones in den Unterricht integrieren können. «Die Pädagogische Hochschule St. Gallen beschäftigt sich seit längerem mit dem sinnvollen Einsatz von Handys im Unterricht», sagt Martin Hofmann, Dozent für Mediendidaktik und Medienpädagogik. Mit dem Smartphone lasse sich beispielsweise eine Internetrecherche durchführen oder mit einer App Wörter für eine Fremdsprache üben. Laut Hofmann würden einige Lehrpersonen mobile Lernbegleiter bereits so einsetzen – an den meisten Schulen werde das Handy aber noch wenig in den Unterricht einbezogen. «Es ist wichtig, dass die Kinder bereits in der Primarschule einen vernünftigen Umgang mit dem Smartphone erlernen», sagt Hoffman. Ein generelles Handyverbot an der Schule sei deshalb nicht sinnvoll. Bei Missbräuchen könne ein temporäres Verbot aber durchaus von Nutzen sein. «Das Handy an der Schule verursacht jedoch weniger Probleme, sondern vielmehr Herausforderungen für Lehrpersonen, dieses nutzbringend im Unterricht einzusetzen», sagt Hofmann.

* Name geändert

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