«Fang nie ein fallendes Messer»

WINTERSPORT ⋅ Für Christian Laesser ist der Ausbau der Skigebiete der falsche Weg, um den Wintertourismus zu retten. Investieren mit Köpfchen heisst für ihn investieren in Pauschaltouristen – auch aus Übersee.
06. November 2016, 12:01
Interview: Fabian Fellmann

Christian Laesser, die Zahl der Touristen soll laut Prognosen wieder etwas steigen. Warum profitieren davon aber nur die Städte?
Christian Laesser: Die Gäste machen keineswegs nur mehr Städtetourismus. Es kommen aufgrund der guten Wirtschaftslage einfach auch mehr Geschäftsreisende, das ist eine normale zyklische Erscheinung. Ein eigentlicher Erfolg ist das nicht, das war schon immer so.

Die Schweizer Skigebiete darben weiter, obwohl für die kommende Woche im Flachland bereits der erste Schnee erwartet wird.
Christian: Alle Hebel arbeiten gegen den Wintersport. Erstens scheidet mit den Babyboomern derzeit eine grosse Generation langsam aus dem Skisport aus. Für sie wurden die grossen Erweiterungen der Schweizer Skigebiete gebaut. Zweitens sind die nachrückenden Generationen zahlenmässig kleiner, zudem haben sie viel mehr Freizeitoptionen. Drittens ist die Schweiz wegen des starken Frankens weniger attraktiv geworden. Wintersportgebiete, die jetzt weiter ausbauen, verstossen gegen eine eherne Marktregel der Englischsprachigen: Never catch a falling knife. (Fang nie ein fallendes Messer).

Die Wintersportorte in Österreich erfreuen sich aber grosser Beliebtheit, gerade bei Schweizern.
Laesser: Die Frankenstärke hat für den Schweizer Tourismus einen brutalen Schock ausgelöst. Der Vorteil davon ist, dass wir uns schnell anpassen mussten und müssen. In Österreich hingegen wird die Schrumpfung noch versteckt, weil viele Schweizer dort in die Winterferien gehen und die Gäste, die früher in die Schweiz kamen, nun dort anzutreffen sind. Dabei ist auch bei unseren Nachbarn längst ein Verdrängungswettbewerb unter den Bahnen im Gang. Die Österreicher bauen noch mehr Lifte und Bahnen. Dabei müsste man vielmehr mit Köpfchen investieren.

Zum Beispiel?
Laesser: Schweiz Tourismus hat eine gute Idee endlich aufgenommen. Mehrere Gebiete offerieren für 150 Franken einen Skitag als Gesamtpaket, inklusive Mietmaterial und Skilehrer. Anlocken wollen sie damit vor allem Expats in der Schweiz oder auch Touristen, die einfach mal einen Tag das Skifahren ausprobieren wollen.

Aber auch mehr Tagestouristen verhindern nicht, dass viele Schweizer Skigebiete nicht überlebensfähig scheinen.
Laesser:Die meisten Bahnunternehmen besitzen Infrastruktur mit Überkapazität. Lösungen liegen zum Beispiel darin, einzelne Pisten nur noch beschränkt als Abfahrtsrouten zu präparieren. Auch über die vorübergehende Schliessung einzelner Pisten sollte nachgedacht werden. Drastischer ist die Stilllegung ganzer Geländekammern. Im Vergleich zur kompletten Schliessung sind das alles noch homöopathische Therapien. Sie haben aber den Vorteil, dass die Unternehmen damit in einen Lernprozess einsteigen und sich das Wissen erarbeiten, flexibler zu werden.

Das Gletschergebiet Saas Fee bietet die Saisonkarte für 222 Franken an, sofern 99 999 Personen eine bestellen. Ist die Winter-Flat-Rate eine gute Idee?
Laesser:Die Flat Rate ist keine neue Idee; Saisonabos werden ja überall angeboten. Die Frage ist nur, zu welchem Preis und zu welchen Bedingungen. Ich bin gespannt, welchen Erfolg Saas Fee haben wird. Es besteht die Gefahr, dass das Unternehmen sich kannibalisiert, weil auch Leute die billigere Saisonkarte erhalten, die den ordentlichen Preis bezahlt hätten. Das Preissignal ist verheerend: Sind die Preise einmal unten, kann man sie nicht mehr erhöhen.

Die Hoffnung ist, dass so viele Leute eine Saisonkarte kaufen, dass die Rechnung dennoch aufgeht.
Laesser:Dafür braucht Saas Fee aber eine sehr grosse Menge an Gästen, die nachher zu Kunden werden in Hotels und Restaurants der Bahnunternehmung. Ich bezweifle, dass das aufgehen kann. Damit alles Geld in derselben Firma hängen bleibt, will Investor Samih Sawiris im Kanton Uri nach dem integrierten Modell operieren: Das ganze Wintersportgebiet soll ein einziges Unternehmen sein, vom Hotel über die Bergbahn und den Skilehrer bis zum Gipfelrestaurant.

Warum arbeitet noch kein Schweizer Berggebiet konsequent nach dieser Philosophie?
Laesser:In Flims-Laax erzielt die Weisse-Arena-Gruppe bereits grosse Anteile der Logiernächte im Sommer und im Winter. Wer einen grossen Teil der Wertschöpfungskette integrieren kann, hat viele Vorteile. Man kann zum Beispiel die Übernachtungen sehr günstig anbieten im Wissen darum, dass die Gäste das Geld dann am Berg ausgeben. Aber dieser Entwicklung sind Grenzen gesetzt, reine Resorts gibt es nicht einmal in den USA.

Wenn die Aussichten für die Wintersportgebiete schwierig bleiben, dürften bald weitere Stationen den Betrieb einstellen.
Laesser:Totalschliessungen wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Die Abhängigkeit der Destinationen von den Bahnen ist zu gross. An vielen Bahnen sind Gemeinden beteiligt, welche nicht zulassen werden, dass das Fundament des Wintertourismus verschwindet. Ich bin auf längere Sicht dennoch optimistisch für die Branche.

Inwiefern?
Laesser:Wir machen jetzt zwar eine brutale Zeit durch, werden dadurch aber auch deutlich wettbewerbsfähiger. Ist die Zeit des starken Frankens einmal durch, werden wir die Früchte davon ernten können. Irgendwann werden die Schweizer auch genug haben vom Tirol und wieder im eigenen Land Ferien machen wollen. Wenn unsere Bahnen dann schlank aufgestellt sind, brauchen sie nur noch guten Schnee.

Die Kunden spüren von der Verschlankung der Bahnen nicht viel: Die Tickets werden immer teurer.
Laesser:In den USA oder Kanada zahlen Skifahrer ohne weiteres 150 Franken für einen Tagespass. Schweizer Gebiete könnten das ausnutzen, wenn sie ihre Gäste präziser ansprechen: Ein Bewohner von Toronto im Herzen Kanadas könnte, statt nach Whistler an der Westküste zu fliegen, mit wenigen zusätzlichen Flugstunden in die Schweiz kommen. Auch für einen New Yorker sind die Alpen nicht viel weiter weg als die Resorts von Vail oder Aspen in Colorado. Ein bis zwei Flugzeuge pro Woche mit Amerikanern füllen, die hier Skifahren wollen: Das ist die Welt, in der wir denken müssen.

Und wie bringen die Wintersportgebiete mehr Asiaten auf die Ski, die in der Schweiz eine wichtige Gästegruppe darstellen?
Laesser:Die Kanadier haben für Chinesen fle-xible Pauschaltouren zusammengestellt. Dazu gehören einige Tage Aufenthalt in einer Stadt und einige Tage in einem Wintersportgebiet. Die Gäste wählen frei, wie viele Tage sie am einen oder anderen Ort verbringen wollen. Solche Angebote würden in der Schweiz aber bedingen, dass die Schweizer Bahn zum Beispiel mit einer Stadt wie Paris oder München zusammenarbeitet. Die Bahn müsste zudem wohl selbst ins Geschäft als Reiseveranstalterin einsteigen, um die ganze Marge unter Kontrolle zu haben. Sonst liefert die Schweiz nur schöne Berge, während andere damit das Geld verdienen.


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