Energiewende beginnt im Kindergarten

WATTWIL ⋅ Der Lehrplan 21 verlangt, dass künftig Energiethemen mehr Gewicht im Unterricht erhalten sollen. Wie dies aussehen könnte, zeigen die Volksschulen in Wattwil und Mosnang. Dort wird der Energieunterricht der Zukunft erprobt.
09. November 2016, 07:09
Chris Gilb

WATTWIL. Mit der Schliessung der Heberlein Textildruck AG in Wattwil im Jahr 2001 ging im Toggenburg eine Epoche zu Ende. Das Tal verlor sein grösstes Industrieunternehmen – ein Schock, der bis heute nachhallt. Die Region versucht seither, wieder an Attraktivität zu gewinnen. Seit einigen Jahren profiliert sich das Toggenburg insbesondere im Bereich Energieeffizienz. Diese Bemühungen tragen nun Früchte: Gestern wurde dem Tal der Zürich-Klimapreis verliehen (siehe Zweittext). Hinter dem Erfolg steht der 2009 gegründete Förderverein Energietal Toggenburg, der von allen Toggenburger Gemeinden getragen wird und eng mit der lokalen Wirtschaft vernetzt ist. Ziel des Vereins ist es, dass das Toggenburg bis ins Jahr 2034 unabhängig von Energieimporten wird und bis 2059 die 2000-Watt-Gesellschaft erreicht.

«Visionäre Ziele sind schön und gut, doch es braucht auch das Bewusstsein für deren Umsetzung», sagt Rudolf Sterzing, ein Mann mit Glatzkopf, langem grauem Bart und wachen Augen. Sterzing ist Wattwiler Gemeinderat, Realschullehrer und Projektleiter für die Einführung der Nachhaltigen Energiebildung (NEB) an den Toggenburger Volksschulen. Während in anderen Regionen der Lehrplan 21 noch für politische Diskussionen sorgt, wird im Toggenburg seit längerem daran gearbeitet, ihn praxistauglich zu machen.

«Der Lehrplan 21 fordert eine höhere Gewichtung von Energiethemen. Da uns dies als Energietal entgegenkommt, haben wir uns entschieden, vorwärts zu machen», sagt Norbert Stieger, Schulratspräsident von Wattwil-Krinau. Der Toggenburger Energieunterricht findet auf allen drei Stufen der Volksschule statt. Wie dieser Unterricht in der Praxis abläuft, lässt sich an einem Montagmorgen in Wattwil beobachten. Eine wichtige Rolle bei der Vermittlung spielt die Kinderbuch-Figur Globi. Kindergartenlehrerin Livia Herzog vom Kindergarten Hofjünger in Wattwil sitzt neben einer grossen Globi-Puppe. «Schaut mal, was Globi euch mitgebracht hat.» Die Puppe zeigt auf eine Kartonkiste, die mit einem Tuch verdeckt ist. Jedes Kind kann sich einen Gegenstand herausnehmen, darunter etwa ein Spielzeugauto, eine Waage oder eine Käsereibe. Die Kinder sollen die Gegenstände unterschiedlichen Kartons zuordnen. Auf einem klebt das Bild einer Batterie, auf dem anderen das Bild einer Steckdose. Ziel ist es, dass sie lernen, wie die Gegenstände angetrieben werden. «Auf der ersten Stufe lernen die Kinder beispielsweise, strombetriebene Geräte zu erkennen. Auf den nächsten Stufen geht es darum, die Funktion der jeweiligen Energie zu verstehen, die Wirkung reflektieren zu können oder sich mit Recycling auseinanderzusetzen», sagt Projektleiter Sterzing. Da das Thema auch eine gesellschaftliche Aktualität habe, betreffe der Energieunterricht nicht nur den naturwissenschaftlichen Teil des Stundenplans, sondern auch andere Fächer und Bereiche.

Das Haus des Tüftlers als Energieplatz

Etwas oberhalb von Wattwil liegt das Haus von Markus Aepli, ein Tüftler in Sachen erneuerbarer Energien. Aepli kommt auch im neuen Buch «Globi und die Energie» vor, das in Zusammenarbeit mit dem Verein Energietal Toggenburg herausgegeben wurde. Am Wasserfall hinter seinem Haus können die Schüler ausprobieren, wie ein Wasserrad funktioniert, im Garten vor dem Haus erklärt er ihnen die Funktionsweise eines Sonnenkollektors. Die passende Theorie zum Erlebten finden sie im Globi-Buch. «Das Lernen im Energieunterricht soll mit Erlebnissen verbunden werden», sagt Schulratspräsident Stieger. «Deshalb wollen wir sogenannte Energieplätze im ganzen Toggenburg schaffen, wo die Schüler praktischen Aussenunterricht erhalten, die aber auch anderen Interessierten offen stehen.»

Im Schulhaus Grüenau in Wattwil wird derweil experimentiert. An mehreren Stationen können die Schüler der zweiten Realstufe herausfinden, wie elektrischer Strom angewendet wird. «Das ist richtig spannend», kommentiert einer der Schüler, der gerade über einen Regler Strom in eine Leitung führt. Das Material zu den NEB-Lektionen hat die Projektgruppe über die letzte Zeit zusammengestellt und aktualisiert es fortlaufend. «Unser Ziel ist, dass die Lehrkräfte ohne grossen Eigenaufwand den Bereich Energie in ihren Unterricht einbinden können», sagt Sterzing. Und Schulratspräsident Stieger betont, dass gleichzeitig auch die Lehrer weitergebildet werden sollen. «In Zusammenarbeit mit dem Berufs- und Weiterbildungszentrum Toggenburg (BWZ) sollen die Lehrkräfte regelmässig über den neusten Stand in Sachen Energienutzung von Fachleuten informiert werden.»

Mit Hilfe von PHSG-Studenten entwickelt

Unterstützt wird die Umsetzung des Pilotprojekts von einer Begleitgruppe aus Fachleuten, der auch Nicolas Robin angehört. Robin ist Leiter des Institutes für Fachdidaktik Naturwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen (PHSG). «Energietal Toggenburg ist für uns der perfekte Partner. So bekommen wir Inputs aus dem Bereich Energie von einem breiten Netzwerk aus Wirtschaft, Gemeindebehörden und Bevölkerung.» Aus den Inputs würden dann Masterstudenten der PHSG mit Unterstützung ihrer Dozenten passende Unterrichtseinheiten entwickeln. Ein Beispiel für diese Kooperation seien die Energieplätze, die sich Studenten erst angesehen und dann passende Lektionen dazu erarbeitet hätten.

Im kommenden Sommer soll der Lehrplan 21 eingeführt werden. Die Versuchsgemeinden Wattwil-Krinau und Mosnang wollen dann die Energiebildung fest in den Unterricht integrieren, andere Toggenburger Gemeinden sollen folgen. Laut Robin liesse sich das Konzept der Energiebildung auch in anderen Regionen einsetzen. «Das Projekt hat Vorbildcharakter.»


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