Eine neue Variante der Rente

Weil die Bevölkerung immer älter wird, sind neue Ideen gefragt. Zum Beispiel die «Zeitvorsorge». BDP-Kantonsrat Richard Ammann möchte das Projekt auf den ganzen Kanton ausweiten. Die Zahlen sprechen dafür, doch es braucht Geld.
01. April 2016, 02:40
SINA BÜHLER

ST. GALLEN. Es wird auch «vierte Säule» genannt, das Rentensystem der Zeitvorsorge. Es ist ein Projekt, um der zunehmenden Pflegebedürftigkeit einer immer älter werdenden Bevölkerung zu begegnen. Und zwar ohne Geld. Die Idee dahinter: Jüngere Pensionierte, die körperlich und geistig fit sind, unterstützen Ältere, die es eben nicht mehr sind. Die Freiwilligen lesen beispielsweise den Betagten vor, gehen mit ihnen spazieren, kümmern sich um den Haushalt und entlasten damit die Familienangehörigen. «Im Unterschied zur traditionellen Freiwilligenarbeit bekommen sie aber etwas dafür», erklärt Priska Muggli, Geschäftsführerin der Stiftung Zeitvorsorge. Wie der Name der Organisation bereits sagt: Die Entschädigung ist eine Zeitgutschrift. Damit sichern sich die Freiwilligen die Unterstützung der nächsten Generation. Sie können die Stunden wieder beziehen, wenn sie selber nicht mehr mobil sind.

7000 Stunden angespart

Seit bald zwei Jahren läuft das Pilotprojekt in der Stadt St. Gallen. Nun möchte der Abtwiler BDP-Kantonsrat Richard Ammann das Projekt auf den ganzen Kanton ausweiten. Er hat einen entsprechenden Vorstoss im Parlament eingereicht. Der Erfolg des St. Galler Projekts spricht für eine Ausweitung. 7000 Vorsorgestunden sind bereits angespart, von 90 Zeitvorsorgenden, die 65 bedürftige Personen betreuen. Von Letzteren höre sie oft, dass es ihnen über die Zeitvorsorge leichter falle, Hilfe in Anspruch zu nehmen, sagt die Geschäftsführerin. Weil sie eben wüssten, dass es keine Gratisarbeit sei, sondern eine moderne Art der Generationensolidarität. Die Stadt übernimmt dabei nur die Kosten der Geschäftsstelle, welche die Hilfeleistungen vermittelt. Insgesamt sind es 150 000 Franken jährlich. Danach läuft das System von selber. Die erste Generation, die heute in den Genuss der Pflegeleistungen kommt, hat zwar noch keine Stunden auf dem Vorsorgekonto. Doch dies sei bei der Einführung der AHV vor bald 70 Jahren auch nicht anders gewesen, erklärt Priska Muggli und nennt es die Gunst der Stunde.

Ob das System auch in ländlichen Gebieten funktioniere, sei noch schwer abzuschätzen, meint Priska Muggli. In der Agglomeration aber, den Schlafstädten rund um das Zentrum, funktioniere das, ist sie überzeugt. Wichtig sei dabei Unterstützung von Organisationen, wie der Pro Senectute oder der Spitex: «So kommen wir an die Namen von Personen, welche die Hilfeleistungen in Anspruch nehmen möchten.» Zurzeit sei dies noch ein Knackpunkt – erst die kleinste städtische Spitex ist beim Projekt dabei.

Für Priska Muggli ist die Zeitvorsorge aber keine Konkurrenz zur Pflegeleistung von Profis. Im Gegenteil: «Die Helfer übernehmen gerade jene Tätigkeiten im häuslichen Umfeld, die von den Pflegenden nicht übernommen werden können, weil sie nicht auf dem Leistungskatalog der Krankenversicherung stehen, die Lebensqualität der Betroffenen aber stark erhöhen.» Oder jene, für welche ihnen die Zeit fehlt, wie für persönliche Gespräche. Mit der Ausweitung auf den ganzen Kanton könnte auch eine bisher unbeantwortete Frage geklärt werden. Nämlich, was passiert, wenn Zeitvorsorgende umziehen. «Bisher verfallen die geleisteten Stunden einfach. Wenn die neue Wohngemeinde kein solches System hat, ist eine Vergütung nicht möglich.»

Noch ist nichts entschieden

Zurzeit gibt es die Zeitvorsorge oder ähnliche Projekte erst in den Kantonen Obwalden, Luzern und in der Gemeinde Cham. Ein Projekt im Kanton Aargau wurde aus Kostengründen wieder gestoppt. «Man muss dazu schon Geld in die Hand nehmen wollen», sagt die Geschäftsführerin der Stiftung. Es sei aber Geld, dass längerfristig ohnehin in die Altersvorsorge gesteckt werden müsse. Ob der Kanton dazu bereit ist, ist noch offen. Die Verwaltung hat ihre Position zu Ammanns Vorstoss bereits deponiert – jetzt muss die Regierung noch darüber diskutieren.


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