Ein exemplarischer Kesb-Streitfall

SCHMERIKON ⋅ Bestandteil der Klage von Rapperswil-Jona und Kesb Linth (Ausgabe von gestern) ist auch die jüngste Berichterstattung der Gratiszeitung ON. Dokumente bringen Ungereimtheiten zum Vorschein.
12. August 2016, 07:05
PATRIZIA KURIGER

SCHMERIKON. In ihrer Berichterstattung vom 28. Juli nahmen die Obersee-Nachrichten den Fall eines 73jährigen Schmerkners auf. Dieser sei nach einem Aufenthalt im Spital Uznach in die Psychiatrische Klinik Pfäfers gesteckt worden. Ein von der Kesb Linth eingesetzter Beistand habe ihm die Dossiers seiner Treuhandkunden abgenommen und seine Firma geschlossen.

Für die ON ist klar: Die Kesb hat dem Klienten seine Selbstbestimmung und seine Kunden weggenommen. Um die Story zu untermauern, hat die Zeitung auf ihrer Internetseite mehrere Dokumente aufgeschaltet: zwei vom Rentner unterschriebene Ermächtigungen, die Urkunde über die Beistandsernennung, eine Korrespondenz zwischen Beistand und Klient sowie ein Schreiben des Beistands.

Mehrere Meldungen

Wie wurde der Schmerkner zum Kesb-Klient? Den ON gegenüber bestätigte Gemeindepräsident Felix Brunschwiler, dass er selbst die Gefährdungsmeldung an die Kesb Linth gemacht habe. Auf Anfrage sagt er: «Wir geben nicht aus dem Nichts heraus eine solche Meldung heraus, das ist wohlüberlegt.» Zudem habe er die Kesb bereits früher auf die Situation aufmerksam gemacht. Auf Anfrage bestätigt Kesb-Linth-Präsident Walter Grob, der sich in Bezug auf diesen Fall von der Aufsichtsbehörde vom Amtsgeheimnis hat entbinden lassen: Seit 2013 seien drei Gefährdungsmeldungen eingegangen, zwei von der Gemeinde, eine vom Vermieter. Der 73-Jährige erscheine verwahrlost, sei ungepflegt und bettle um Geld. Zweimal habe die Kesb nach sorgfältigen Abklärungen das Verfahren wieder eingestellt.

Schulden verschwiegen

Erst seit auch eine rapide demenzielle Entwicklung dazugekommen sei, habe die Kesb ihm im Mai dieses Jahres einen Beistand zur Seite gestellt. Diese Vorabklärungen lassen die ON unerwähnt. Keine Erwähnung findet auch der Umstand, dass der Mann beim Vermieter seines Büros 10 000 Franken Schulden hat. Das geht aber klar aus der Korrespondenz hervor. Laut Grob verweigerte der Vermieter aufgrund der Mietzinsausstände dem Mieter den Zugang zu seinen Akten. Der Beistand, selbst Treuhänder, sollte einen Überblick erstellen, damit Schritte eingeleitet werden konnten, um Haftungsrisiken zu vermeiden, weil der Klient seine Mandate nicht mehr erfüllen konnte. Die Nettoeinnahmen aus seinen Mandaten erreichten hingegen nicht einmal die Höhe einer monatlichen AHV-Rente. Angesprochen auf die Tatsache, dass diese Information über Schulden weggelassen wurde, antwortet Journalist Bruno Hug ausweichend: «Wenn ein 73jähriger Mann, dem der frühere Arbeitgeber die Pensionskasse geräumt hat, 10 000 Franken Schulden hat, ist das noch lange kein Grund, dass man ihn für 36 Tage gegen seinen Willen in die Psychiatrie steckt und ihm die Kundendossiers wegnimmt.» Der Aspekt der Pensionskasse ist weder in den publizierten Dokumenten noch im Artikel ersichtlich.

Diskussion auf Facebook

Auf Facebook fragt ein ON-Leser kritisch, warum der Rentner den Entscheid der Kesb nicht einfach angefochten habe. Hug antwortet: «Wie soll ein 73-Jähriger, halb krank, in die Psychi gesteckt und dann polizeilich begleitet seiner Kunden bestohlen und erst noch seiner Selbstbestimmung beraubt, sich gegen diesen Kesb-Apparat wehren?»

Der Anwalt der Stadt, Adrian Bachmann, meint dazu, ein einfaches, mündliches «Nein» hätte genügt. Wer dem Pensionär das nicht zutraue, ihn aber umgekehrt für fähig halte, weiterhin ohne Unterstützung durch einen Beistand komplexe Steuermandate zu führen, sei unglaubwürdig, sagt Bachmann. Inzwischen wurde für den Klienten Hilfe durch die Spitex und ein Mahlzeitendienst organisiert. Mit der Spitex-Hilfe sei er zufrieden, sagt der Mann. Mit den Anordnungen der Kesb hingegen nicht.


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