Ein Umzug in den Morgenstunden

AMDEN. 80 Asylsuchende sind gestern ins ehemalige Kurhaus Bergruh in Amden eingezogen. Mehr Flüchtlinge dürfen vorerst nicht ins neue Asylzentrum. Das stellt den Kanton vor Probleme: Es warten noch 19 weitere Personen auf einen Platz.
05. Januar 2016, 06:34
RAMONA KRIESE

Das Polizeiauto sticht als erstes ins Auge. Es steht direkt vor der «Bergruh» in Amden, und es steht schon eine Weile dort. Eine dünne Schneeschicht liegt auf den Dächern der Häuser im 1400-Seelen-Dorf. Es nieselt. Im Haus neben der «Bergruh» gehen die Fenster auf. Eine Frau schüttelt die Bettwäsche aus, wirft einen neugierigen Blick zum ehemaligen Kurhaus. Dort, wo bis vor wenigen Monaten noch die Baldegger Schwestern Gäste aus aller Welt beherbergten, fahren an diesem Morgen mehrere Kleinbusse auf den Parkplatz. Es ist kurz vor zehn Uhr. Zwei Polizisten kommen aus dem Gebäude, grüssen, steigen ins Auto und fahren davon. Sie werden später wiederkommen, um nach dem Rechten zu sehen.

Ruhe statt Kritik

Eine Gruppe von Männern hievt zwei Matratzen aus einem der Kleinbusse. Ein kurzer Wortwechsel, dann bahnen sich zwei der Männer mit der Matratze ihren Weg durch den Eingangsbereich. Das Material kommt vom Haus Pelikan, dem ehemaligen Altersheim in Weesen. Dieses wurde in den letzten Monaten als kantonales Asylzentrum genutzt. Von dort kommen auch die Flüchtlinge, die an diesem Morgen aus weiteren Kleinbussen aussteigen. Ihre Zimmer im Haus Pelikan haben sie schon in den frühen Morgenstunden geräumt. Noch vor neun Uhr ist die erste Gruppe in der «Bergruh» angekommen, wie Zentrumsleiter Stephan Trachsel sagt. 50 Personen sind bis zum Vormittag in der neuen Asylunterkunft einquartiert, weitere 30 werden am Nachmittag folgen. Trachsel ist froh, dass es an diesem Morgen ruhig geblieben ist im Dorf hoch über dem Walensee. Die Nachricht, dass die «Bergruh» als Asylzentrum genutzt wird, hatte im Vorfeld in der Bevölkerung viel Unmut und Kritik ausgelöst.

Viele Familien mit Kindern

Unter den neuen Bewohnern hat es laut Trachsel viele Familien mit Kindern. Rund die Hälfte der 80 Personen seien Kinder und Jugendliche. Die Familien sind aus Syrien, Eritrea und Afghanistan geflüchtet. In der «Bergruh» werden sie in Zimmern mit bis zu sieben Betten einquartiert, wie der Zentrumsleiter sagt. Für Ehepaare und Einzelpersonen stehen Zweierzimmer zur Verfügung. Für die Flüchtlinge gehe es jetzt erst einmal darum, sich in Ruhe am neuen Ort einzurichten. Im ehemaligen Kurhaus warten sie darauf, einer der 77 Gemeinden im Kanton zugewiesen zu werden.

Beim Einzug der Asylsuchenden helfen Mitarbeiter des kantonalen Asylzentrums Bommerstein in Mols. Etwa die Hälfte seines Teams sei vor Ort, sagt Bruno Jäger. Er leitet das Asylzentrum Bommerstein, ist aber auch für Asylunterkünfte im Linthgebiet zuständig. Sobald in der «Bergruh» der Alltag eingekehrt ist, sei für die Bevölkerung ein Tag der offenen Tür geplant, sagt Jäger. Zwar stehe noch kein genaues Datum fest. Der Anlass soll allerdings innerhalb der nächsten drei Monate stattfinden.

«Es hat schlicht zu wenig Betten»

Dass gleich 80 Personen auf einmal ins Asylzentrum nach Amden ziehen, und vor allem ausnahmslos Flüchtlinge aus dem Haus Pelikan, war so nicht geplant, heisst es beim Migrationsamt St. Gallen. Eigentlich hätten jene Asylsuchenden aus Weesen auf die St. Galler Gemeinden verteilt werden sollen, sagt Urs Weber, Leiter der Asylabteilung. Das Problem war allerdings: Für sie konnte in den Gemeinden kein Platz gefunden werden. Aus diesem Grund zogen die Asylsuchenden aus Weesen allesamt in die «Bergruh». Damit ist das Problem aber nicht vom Tisch: Wie Weber sagt, warten im Haus Pelikan noch weitere 19 Asylsuchende auf ein Dach über dem Kopf. In den nächsten Tagen müssen sie ihre bisherige Unterkunft verlassen: Bald fahren dort die Bagger auf, das ehemalige Altersheim wird abgerissen. Wohin die 19 Personen dann gehen, ist noch unklar. Die kantonalen Zentren sind laut Weber keine Option: Diese seien schon zu 140 Prozent ausgelastet. «Es hat überall schlicht zu wenig Betten.»


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