Die Euphorie vor dem Glockenspektakel

ST.GALLEN ⋅ Heute Sonntag sollen sich in St. Gallen 118 Kirchenglocken auf 29 Türmen zu einem Orchester vereinen. Ein letzter Test hat die Initianten gestern zuversichtlich gestimmt: Sie sind für die weit über die Stadtgrenzen hinaus beachtete Weltpremiere bereit.
21. August 2016, 08:20
PHILIPP LANDMARK

ST.GALLEN. Wer grosse Ideen umsetzen will, muss unzählige kleine Details beachten. Davon können die Macher des heutigen Konzerts für 118 Kirchenglocken mehr als nur ein Liedchen singen. Immer wieder sind im Verlauf des letzten Jahres neue Probleme aufgetaucht, immer wieder wurden diese kreativ gelöst. Bernd Jansen, Senior Solution Architect beim IT-Unternehmen Namics, hat viele dieser Lösungen ausgetüftelt, die gestern ein letztes Mal getestet wurden. «Ich glaube, heute kann ich ruhig schlafen,» sagt er erleichtert, als er im Turm der Kirche Linsebühl seinen Laptop einpackt. «Wir haben gemacht, was wir können, alles weitere können wir nicht beeinflussen.» Dass etwa ein laut knatternder Helikopter den Hörgenuss trübt, wie dies bei Proben auch schon der Fall war.

Bernd Jansen kontrolliert im Turm der Kirche Linsebühl, ob die dortigen Glocken präzise gemäss dem Script läuten. Wenn auf dem Bildschirm eine Glocke von blau auf rot wechselt, ist das für Helfer das Signal, eine Glocke anzuschlagen oder, bei automatischen Glocken, das Signal an die Steuerung, den Schlag auszulösen. ()

«Der helle Wahnsinn!»

Wenige Minuten nur wurde gestern getestet, ob die Glocken von vier ausgewählten Türmen den Vorstellungen der Komponisten und Initianten Natalija Marchenkova Frei und Karl Schimke gehorchen. Die beiden lauschten am «idealen Hörort» auf Drei Weieren und durften feststellen, dass ihre Idee Wirklichkeit wird. «Es ist der helle Wahnsinn!» berichtete Karl Schimke euphorisch den Helfern bei einem Bier: «Ich freue mich wie ein Kind auf Weihnachten.»

Tatsächlich erklingen nun automatisch geschlagene wie auch von Helfern geläutete Glocken präzise dann, wenn es die Komposition verlangt. Dabei galt es nicht nur, die Distanz der Kirchtürme zum Hörort zu berücksichtigen, und dass etwa die Schallgeschwindigkeit von vielen Faktoren beeinflusst wird. Bei maschinell angeschlagenen Glocken können vom Signal bis zum Erklingen Sekunden vergehen. Diese Verzögerungen wurden allesamt genaustens ausgemessen und berücksichtigt. Ebenso die Stärke und Länge des eigentlichen Signals, das die Glockensteuerungen von einem jeweils vorgeschalteten Kleinstcomputer (Raspberry Pi) erhalten: Ist es zu lang, würde die Glocke zweimal läuten.

Für die 49 Helfer, die an zum Teil abenteuerlichen Standorten Glocken von Hand zum Läuten bringen, wurde eigens eine App programmiert. Ihre Einsätze signalisiert ihnen heute das eigene Handy. Während Proben mit den Helfern haben die Techniker festgestellt, dass die Zeitangaben der Mobiltelefone alles andere als präzise sind, auch dieser Faktor wurde inzwischen korrigiert.

Kein Zurück mehr

Unmittelbar vor dem Beginn des Konzerts wird den Kleincomputern und den Handys der Helfer von einem Server in Frankfurt das definitive Script mit den letzten Anpassungen übermittelt. Danach laufen die Geräte autonom, ab hier gibt es kein Zurück mehr. Auch ein Ausfall des Internets oder des Mobilfunknetzes hätte keine Auswirkungen. Und damit auch nicht ein Anruf von Tante Trudi die Helfer aus dem Konzept bringt, werden alle Handys im Flugmodus arbeiten.

Dank findigen Köpfen und modernster Technik wird heute ein aussergewöhnliches, archaisches Klangerlebnis möglich.


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