Die Blumeninsel und die Nazis

33 KZ-Häftlinge verstarben nach ihrer Befreiung aus Dachau 1945 in der Krankenstation auf Mainau. Am Sonntag wird auf der Insel ein Gedenkstein eingeweiht – ein Schritt auch zur Bewältigung der Nazi-Vergangenheit.
16. November 2012, 01:33
URS OSKAR KELLER

Über eine Million Touristen besuchen jährlich die deutsche Blumeninsel Mainau im Bodensee. Doch zwischen der üppigen Blütenpracht versteckt sich seit 67 Jahren ein Stück NS-Geschichte, an das sich auch die neue Generation der Familie Bernadotte bisher nicht erinnern wollte.

Französische Häftlinge

Die Amerikaner, die Dachau am 29. April 1945 befreit hatten, verboten der französischen Armee, ihre befreiten Landsleute wegen Typhusgefahr nach Hause zu holen. Deshalb wurden einige der KZ-Opfer auf den Bodenseeinseln Reichenau und Mainau, die in der französischen Besatzungszone lagen, isoliert untergebracht.

Der Konstanzer Historiker Arnulf Moser nahm schon 1995 die Insel Mainau genauer unter die Lupe: «Als Krankenstation für befreite KZ-Häftlinge war sie ein Versuch, nationalsozialistisches Unrecht zu bewältigen.» Aber aus diesem Versuch entstanden neue Probleme.

Moser weist auf Verbindungen des damaligen Mainau-Grafen Lennart Bernadotte (1909 bis 2004) mit dem NS-Regime hin. Als Beleg dient ihm eine nachträgliche Stellungnahme des einstigen NS-Rüstungsministers Albert Speer, welche den Mainau-Grafen in keinem besonders guten Licht erscheinen lässt. Bernadotte, dessen Familie zum schwedischen Königshaus gehört, verbrachte die Kriegszeit in Schweden. Die Mainau hatte er 1943 für monatlich 5000 Reichsmark an die Organisation Todt verpachtet, die bautechnische Abteilung im Rüstungsministerium.

«Nach dem Krieg erklärte er, die Verpachtung an die Nazis sei notgedrungen gewesen», schreibt der Konstanzer Stadtrat Holger Reile (Die Linke) in seinem Online-Magazin «SeeMoZ».

Militärspital Herisau

Im Sommer 1945 starben 33 der ehemaligen KZ-Häftlinge auf der Mainau – «zum Teil wohl auch an der falschen Ernährung nach der Befreiung», wie der Konstanzer Historiker Arnulf Moser glaubt. Schwere Fälle wurden ins Militärspital Herisau verlegt, in ein sogenanntes Notspital auf militärischem Gelände. Die Schweizer Ärzte haben 1948 ein Buch über diese ehemaligen KZ-Insassen geschrieben.

Auf der Südostseite der Mainau wurde damals ein Friedhof angelegt. Als Lennart Bernadotte 1946 aus Schweden zurück an den Bodensee kam, verlangte er die Verlegung des Friedhofs auf den französischen Teil des Konstanzer Hauptfriedhofs.

«Der Friedhof auf der Mainau war mit neunzig Buchs- und Taxusbäumen angelegt, die mit auf den Hauptfriedhof umgesetzt wurden. Dafür verlangte Bernadotte Schadenersatz von der Stadt Konstanz», sagt Arnulf Moser. Und so wurden die Toten im Frühjahr 1946 auf den Konstanzer Friedhof umgebettet und später nach Frankreich überführt.

An die Opfer erinnern

Ist für den Konstanzer Historiker Tobias Engelsing, Mitglied der Mainau-Historikerkommission, eine Gedenktafel eine sinnvolle Möglichkeit, um einen Teil der düsteren Insel-Vergangenheit zu dokumentieren? «Zunächst einmal zur Klärung der Tatsachen: Die Familie Bernadotte hat für den Tod dieser ehemaligen KZ-Häftlinge aus dem KZ Dachau im Rechtssinne nicht <einzustehen>, weil sie deren Sterben nicht verursacht und nicht verschuldet hat», sagt Engelsing. Gleichwohl sei es selbstverständlich angebracht, an diese Opfer des NS-Regimes zu erinnern, und dazu sei die Familie Bernadotte auch bereit.

«Der Gedenkstein auf der Mainau wird am 18. November im Beisein des französischen Botschafters übergeben», sagt Jürgen Klöckler, Leiter des Stadtarchivs Konstanz und Mitglied der von Gräfin Bettina und Graf Björn Bernadotte eingesetzten Historikerkommission. «Die Forschungen zur Biographie des Grafen Bernadotte sind im Gange.»


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