Der Goldacher, der Winterthur rettete

FUSSBALLMÄZEN ⋅ Der St.Galler Physiker Hannes W. Keller hat in der Sulzerstadt ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. Bekannt geworden ist er als Sponsor des FC Winterthur – ein eigenwilliger Patron alter Schule und Sprücheklopfer mit sozialem Gewissen.
05. April 2017, 10:03
Marcel Elsener
Winterthur, sechstgrösste Schweizer Stadt und undankbare Zweite im Kanton Zürich, zieht viele Thurgauer an. Der bedeutendste, um nicht zu sagen weltberühmteste Ostschweizer in der inoffiziellen Thurgauer Hauptstadt ist jedoch ein St. Galler, präziser: Goldacher. Der Physiker und Druckmesstechnik-Unternehmer Hannes W. Keller hat Winterthur gerettet – nicht die ganze Stadt, aber nichts weniger als ihren traditionsreichen Fussballclub, der in der Nationalliga B, pardon Challenge League spielt.

Der FC Winterthur stand 2001 vor dem Ruin, als Keller, damals mit seiner Firma bereits Trikotsponsor, am denkwürdigen 11.9. das Ruder als Präsident übernahm. In den folgenden Jahren sollten Kellers Finanzspritzen und das Engagement seines geschätzten Geschäftsführers Andreas Mösli, früher Punkmusiker und Journalist, dem FCW zu neuer Vitalität und einem Image als «St.Pauli der Schweiz» verhelfen: Im Stadion Schützenwiese dominieren nicht VIP-Logen, Cüpli-Bluffer und grössenwahnsinnige Deals, sondern Stehrampen-Romantik, echtes Bier-Wurst-Fussball-Erlebnis und linke Fankultur mit Projekten übers Spielfeld hinaus. Was durchaus dem Willen des 2015 zurückgetretenen Präsidenten entspricht; er verstand seinen Support auch als «soziale Aufgabe» – um «das arbeitende Volk ein bisschen glücklich zu machen», wie er einmal sagte. Und auch wenn der FCW derzeit gegen den Abstieg kämpft, ist zumindest seine Nachwuchsförderung schweizweit Spitze: Im Nati-Spiel jüngst gegen Lettland standen mit Mehmedi, Zuber und Freuler gleich drei Spieler auf dem Platz, die in Winterthur ausgebildet wurden. Der Lieblingsspieler Kellers war allerdings immer der Kameruner Bengondo, «eine Seele von Mensch».
 

Dem noblen Bürgertum in der Arbeiterstadt eins ausgewischt

Über 15 Millionen Franken hat Keller seit der Jahrtausendwende in den Halbprofi-Club gebuttert und ein Vier-Millionen-Jahresbudget ermöglicht; die letzten zwei Millionen nach seinem Abgang zur Überbrückung bis zu diesem Sommer. Wie es mit dem zeitweiligen «Keller-Werksclub» weitergeht, liegt nun an seinen Söhnen Mike, der den Club interimsweise leitet, und Tobias, der die Firma Keller mit ihren 400 Mitarbeitern führt. Neue Geldgeber zu finden ist ebenso schwierig wie loszulassen, doch der Ausstieg ist beschlossen; immerhin das Trikotsponsoring soll vorläufig bleiben.

«Ich bereue keinen Rappen und bin dankbar, dass ich etwas von meinem Glück verteilen konnte», sagt der heute 78-jährige Patron, der trotz einer Nahtoderfahrung nach einem Aortariss 2012 seinen rebellischen Geist behalten hat. «Im Herzen Sozialist, im Kopf Kapitalist», wie ihm Bekannte nachsagen, hatte er den Fussballclub übernommen, um der Arbeiterstadt ihren Komplex zu nehmen und nebenbei dem noblen Bürgertum mit dessen elitärer Kunst- und Kulturförderung eins auszuwischen. Der hauptsächliche Grund für Kellers Einstieg beim FCW war ein zäher Rechtsstreit um eine Mobilfunkantenne, die auf seinem Firmenareal – eine einstige Gelatinefabrik an der St.Gallerstrasse – aufgestellt werden sollte. Die Immissionen der Antenne hätten die Produktion der hochsensiblen Drucksensoren verunmöglicht. Damals merkte der Ostschweizer, dass er in der Stadt Verbündete brauchte. «In Winterthur kannte mich fast niemand, deshalb wollte ich etwas machen, damit man mir nicht vorwirft, dass ich mich nirgends engagiere», erklärte er einem Lokalblatt. Der Entscheid für den Fussball entsprach demnach dem Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung, aber auch der ehrlichen Sympathie zu den Leuten von der Strasse; zu den Handwerkern und Arbeitern, auch den ungelernten, von denen seine Firma so viele beschäftigt.
 

Talentierter Handballer bei Fortitudo Rorschach

Fussball als Anti-Establishment-Reflex und späte Hinwendung zum populärsten Sport, der ihm in der Jugend verwehrt blieb. «Ich war nie ein grosser Fussballfan, sondern von Haus aus Handballer», sagt Keller, der seit Längerem nicht mehr ins Stadion geht (und sogar das heutige Cup-Halbfinal-Highlight gegen Basel nur aus der Ferne verfolgt). Tatsächlich war Fussball im katholischen St.Galler Milieu bis in die 1950er-Jahre verpönt; Kicken galt als verrohender «Büezersport», der allenfalls auf der Strasse oder auf gemähten Wiesen gespielt wurde. Wie andere katholische Buben fand Hannes Keller zum Handball und wurde bei Fortitudo Rorschach bald zur Teamstütze, «dem die andern den Ball zuspielten», wie er stolz schmunzelt. Kein Wunder, dass zeitweise auch das grosse Otmar St.Gallen Interesse am Kantischüler und späteren ETH-Studenten zeigte, zumal Keller in der gleichen Studentenverbindung war wie Kurt Furgler: in der Corona Sangallensis. Talent hatte er im Übrigen auch als Eishockeyspieler (auf dem nahen gefrorenen Weiher), wissen seine Geschwister; statt Ski zu Weihnachten wünschte er sich Schlittschuhe, «auch weil er immer das Andere wollte».

Anderes wollen, ausbrechen. Das Elternhaus in Goldach («Haus zur Treue») war streng katholisch, aber auch weltgewandt: Vater Fritz hatte sich als Sohn eines Briefträgers und KV-Stift zum Prokuristen einer international tätigen Getreidehandelsfirma (Bruggmühle) hochgearbeitet, Mutter Betty ihrerseits als Au-Pair-Mädchen in Biarritz oder London feine Häuser kennen gelernt. Ihre Kinder hätten sie gern in biederen «ordentlichen Berufen» in einer Bank oder einem Handelshaus gesehen, doch die schlugen eigene Wege ein, mit Erfolg: Tochter Betty (Jahrgang 1936) leitete das Gästehaus der Propstei St.Gerold in Vorarlberg, Fritz (1937–2009) wirkte als Maschinenbauingenieur bei der St. Galler Heizungsfirma Rickenbach, Max (1943) machte sich als Direktor in berühmten Luxushotels einen Namen, darunter Palace St.Moritz und Peninsula Hongkong; seine Hotelgeschichten liegen in Buchform im NZZ-Verlag vor.

Hannes (1939) will unbedingt Tierarzt studieren («Wenn nicht, werde ich Bauer», droht er) und landet dann aufgrund seines scharfen mathematischen Verstandes bei der Physik. Nach dem Studium an der ETH in Zürich tüftelt er bei der Winterthurer Firma Kistler an Drucktransmittern und erhält 1966 eine Stelle in der Forschungsabteilung des Technologiekonzerns Honeywell in Minneapolis. In den USA gelingt Keller eine bahnbrechende Erfindung in der Druckmesstechnik: die integrierte Silizium-Zelle. Er wird zum «Sensorflüsterer» und entwickelt seine Messgeräte weiter. Weil weder die Amerikaner noch, zurück in der Schweiz, die Winterthurer Firmenchefs an seine Ideen glauben, gründet er 1974 seine eigene Firma. Von den «superschlauen Bankern» gibt es kein Geld, sodass der skeptische Vater mit einem Startkredit von 80 000 Franken helfen muss. Der Rest ist eine 40-jährige Erfolgsgeschichte: Die Keller AG gilt mit einem jährlichen Umsatz von 70 Millionen Franken als Europas grösster Hersteller von isolierten Druckaufnehmern und piezoresistiven Drucktransmittern. Keller-Sensoren kommen weltweit in Flugzeugkabinen, Kaffeemaschinen, Wassertanks oder anderen Einrichtungen zum Einsatz, wo ständig der Druck gemessen werden muss.
 

«Kein Netter, aber ein Guter», der nie aufs Maul hockte

Als Selfmade-Man «es allen gezeigt zu haben», hat Hannes W. Keller, den sein Umfeld HWK nennt, geprägt. «Ich war nie ein Lieber, sondern immer ein frecher Siech», sagt er, noch im Alter mit unverfälschtem Rorschacher Dialekt. Und gern erzählt er von zwei Aufenthalten in der «Kiste» der Rekrutenschule, weil er «nie aufs Maul hockte», wenn er eine «absolute Idiotie» sah. Das freche Mundwerk gegenüber Militärköpfen und anderen hohlen Machtträgern verbindet ihn mit Rebellen wie dem wenige Jahre jüngeren Goldacher Schulbekannten Walter Stürm; für den «Ausbrecherkönig» zeigte Keller viel Verständnis. In einer grandiosen Schnitzelbank zum 75-Jährigen wird HWK von seinem Cousin Caspar Angehrn, Rorschacher Modegeschäftsinhaber und früherer CVP-Gemeinderat, prompt als streitbares Genie gefeiert, selbst ernannter «Indianerhäuptling Spöttischer Hund» und dem Lebensmotto verpflichtet, dass nur frei sein kann, wer niemandem in den Hintern kriechen muss. «Kein Netter, aber ein Guter», sagt die Verwandtschaft und meint damit auch die Tatsache, dass er als Firmenchef nie jemanden entlassen hat und stets ein Herz für sogenannte «Sozialfälle» zeigte. Trotzdem stand nie ausser Frage, wer das Sagen hatte: HWK führte nach dem legendären Satz «Eine Firma braucht eine ungerade Anzahl von Direktoren, aber weniger als drei», der Enzo Ferrari zugeschrieben wird. Sein Eigensinn hat ihm manche Steine in den Weg gelegt, jedoch oft geholfen, Hindernisse zu überwinden. Und Verlockungen zu widerstehen: Bis heute hat er alle Kaufangebote von Konkurrenten oder Investoren für seine Firma standhaft abgelehnt: «Kommt nicht in Frage.»
 

Hommage an den präsidialen Querkopf in der Bierkurve

Im Firmenlogo eine Möwe, im Büro das Ölbild einer Appenzeller Landschaft von Carl Walter Liner: Hat er seine Herkunftsregion je vermisst? Er zögert und verneint; er habe sich das gar nie gefragt in Zürich, Minneapolis, Winterthur und jüngst im süddeutschen Gailingen, wo er mit der zweiten Ehefrau lebt und ein Pferdegestüt besitzt. Tatsächlich hat die Möwe nichts mit dem Bodensee zu tun, sondern verkörpert die «Möwe Jonathan», die sich in der berühmten Geschichte mit ihrer individuellen Flugkunst und Lebensweise vom Schwarm abhebt und verbannt wird. Fast wie Überflieger HWK. In Winterthur, erst recht beim FCW, werden sie den spendablen Querkopf aus der Ostschweiz lange in Ehren halten. Und auch wenn HWK längst nur noch Smart fährt – in der Containerbar «Salon Erika» in der Bierkurve hängt unter all der wilden Fankunst eine kecke Fotomontage: der Präsi grinsend im Porsche. Fast der einzige Protz, den sich Keller zeitweise leistete: «Mit Luxus habe ich nie etwas anfangen können.»

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