Der Betrufer vom Hoor

Roland Bischof ist Bauer mit Leib und Seele. Im Sommer führt er sein Vieh z'Alp – an den Ort, wo auch er am allerliebsten ist. Olivia Hug (Text) und Urs Bucher (Bilder) haben den Toggenburger in den Bergen besucht und ihn bei seiner täglichen Arbeit begleitet.
29. September 2012, 11:41

  • Den Alpsegen ruft Roland Bischof jeden Abend beim Eindunkeln. Das Gebet ist Pflege des Brauchtums und Kommunikation zugleich.
  • Die Kühe werden auf die Alp Hoor gebracht.
  • Sennischer Alpaufzug.

Der 52-jährige Toggenburger Roland Bischof fährt jedes Jahr z'Alp. Mehr als 100 Tage verbringt er auf der Hochalp Hoor - und jeden Abend ruft er den Alpsegen. (Bilder: Urs Bucher)

Roland Bischof steht an einer Felskante auf 1600 Metern über Meer. Die Zehen ragen ins Leere. Unter ihm in der Tiefe liegt das 370-Seelen-Dorf Stein. Zu seiner Rechten verschwindet die Sonne hinter den Hügeln des mittleren Toggenburgs, die ihre Schatten über das Thurtal legen. Die Kirchenglocke im Dorf schlägt halb zehn, Bischof hebt den hölzernen Trichter an den Mund und setzt zum Betruf an. Sein Ave Maria hallt über das Tal, weit weg, getragen vom Wind. Irgendwo in der Ferne ruft jemand zurück, stösst einen Juchzer aus.

Es herrscht schweigendes Verständnis zwischen dem Unbekannten im Tal und dem Älpler oben am Berg. «Den Alpsegen zu rufen, hat etwas Zwischenmenschliches», sagt Bischof. «Es gibt Leute, die warten jeden Abend darauf, ihn zu hören. Wehe, ich bin fünf Minuten zu spät dran. Das bekomme ich bei der nächsten Begegnung im Dorf schon zu hören.»

Roland Bischof ist deswegen nicht frommer als andere. Den Alpsegen ruft er, weil es immer schon so war. Bereits sein Vater hat während der Sommermonate, wenn er auf der Alp geblieben ist, ins Tal gerufen. Für den Sohn war seit jeher klar, dass auch seine Zukunft so aussehen würde. Immer schon wollte er Landwirt werden, nie gab es einen anderen Wunsch, obschon der Pfarrer im Dorf all seine Hoffnungen auf den eifrigen, zuverlässigen Ministranten gesetzt hatte.

Doch Bischof wollte nicht Pfarrer werden, und auch nicht Lehrer, selbst wenn seine Noten damals alles zugelassen hätten. Vor 25 Jahren hat er den elterlichen Hof übernommen. Der 52-Jährige hat seinen Entscheid nie bereut.

110 Tage in einem einfachen Bau

Der Hof im Sonnenhalb umfasst knapp zwölf Hektaren Land, im Stall stehen elf Kühe und 15 Rinder.

Könnte Bischof im Sommer nicht auf seine Alprechte auf der Voralp Ruhboden und auf der Hochalp Hoor zurückgreifen und damit seine landwirtschaftliche Nutzfläche erweitern, wäre nicht genügend Nahrung für sein Vieh da. Nicht dass Bischofs Milchwirtschaftsbetrieb gewinnbringend wäre – «einschliesslich meiner Nebenverdienste kann ich just meine Kosten decken», sagt der Landwirt. Er verdient zusätzliches Geld als Schauexperte und arbeitet winters als Skilehrer.

Weil der Betrieb für weitere Arbeitskräfte zu klein ist, führt Bischof ihn allein. Im Sommer, während der rund 110tägigen Alpzeit, bedeutet das lange Arbeitstage. Dann verbringt der Bauer die Nacht auf der Alp, wo sein Vieh ist. Zwischen vier und fünf steht er auf und verarbeitet die am Vortag gewonnene Milch. Bis zu einer Tonne Käse entsteht jeden Sommer. Mechanisch, mit Strom aus einer Gasflasche.

Das ist zwar nicht sennisch – ursprünglich wird Alpkäse auf dem Holzfeuer hergestellt – dafür gibt es keinen Schmutz vom Russ, und das Erhitzen der Milch auf die gewünschten 29 Grad lässt sich besser regulieren. Gleichzeitig kann Bischof Butter produzieren – ebenfalls mechanisch.

Das Käserzimmer in Bischofs zweistöckiger Alphütte ist wenige Quadratmeter gross.

Das Kessi hat er ans Fenster gestellt, damit er beim Rühren die Sicht auf die Churfirsten geniessen kann. Schöner sieht das Toggenburger Wahrzeichen nur noch vom Platz vor der Hütte aus. Die Hütte ist ein einfacher Bau. Zwei Schlafzimmer im oberen Stock, eine Küche, dazu ein Keller sowie ein Käserzimmer. Direkt daran angebaut ist ein Stall, der Platz für 35 Stück Vieh bietet, und im Dachstock darüber hat Bischof das Lager für den Käse eingerichtet. Vor 13 Jahren hat er die Hütte gebaut, die er heute sein Lebenswerk nennt.

Das Wasser, das er braucht, gewinnt er direkt aus der Regenrinne, Strom wird mittels Gasflaschen erzeugt, Wärme liefert der Holzherd. Weil das Dach der alten Hütte mit Schindeln gedeckt war, hatte das Wasser, das der Älpler zum Kochen, Kaffee machen, Abwaschen und Zähne putzen verwendet, früher eine bräunliche Färbung. «Mein Vater hat für uns Buben Wein und Zucker hineingeschüttet, um es zu desinfizieren», erinnert sich Bischof.

Den Vorplatz der Hütte nutzt Bischof, um das gewaschene Käsereigeschirr zu trocknen. An einem Geländer sind Blumentöpfe befestigt, deren Inhalt in der Sonne welkt, am hölzernen Mast flattert schwach eine Schweizer Fahne. Wandernde, die auf dem Weg an der Hütte vorbei kommen, sollen sich wohl fühlen. Es benutzen nicht viele diese Route, auf der man den Gipfel des Neuenalpspitz erreicht. Nur die routinierten und jene, die sich beständigen Wetters sicher sind.

Doch der Älpler liebt es, ab und zu jemanden zu bewirten, Gastgeber zu sein und seinen Hoor-Kaffee mit Schnaps der Äpfel vom Baum vor seinem Haus zu servieren oder eine Toggenburger Nidelzunne.

Bis der Sohn übernimmt

Während die Gäste vor seiner Hütte ausruhen, macht Bischof sein Tagwerk, denn die Tage sind fast zu kurz, um alles, was auf der Alp ansteht, und alles andere, was im Tal gemacht werden sollte, zu erledigen.

Noch bevor er sich zum Morgenessen hinsetzt – es gibt Käse, Milchkaffee und ein Stück Brot aus dem Frischhaltebeutel – erledigt er die Arbeit im Stall; die Kühe werden gemolken und ins Freie gelassen. Die Milch giesst er in Gebsen genannte flache Schüsseln um und stellt sie in den Keller. Während der kommenden Stunden kann sich der Rahm, der später zu Butter verarbeitet wird, von der Milch trennen, aus der anschliessend der Bloderkäse entsteht.

Während er isst, kann Bischof überlegen, wie der Tag weitergehen soll. Mit dem Entscheid, als Landwirt zu arbeiten, hat er auch entschieden, sich der Natur anzupassen. Verspricht der Tag schön zu werden, muss er ins Tal, denn dort wächst das Gras weiter, und es ist niemand da, der es mäht. Sieht es nach Regen aus, muss er Gülle austragen. Ist weder Heu- noch Güllwetter, kann Bischof auf der Alp bleiben.

Er kann den Kuhmist auf der Wiese zusammentragen – im Herbst wird er ihn brauchen, um die Wiesen zu düngen. «Es gibt genügend zu tun, womit ich einen ganzen Tag füllen kann», sagt Bischof. Erst wenn sich sein Wunsch erfüllt und sein Sohn den Betrieb übernimmt, kann er sich einzig der Alp widmen. «Bis dahin mag noch Zeit vergehen, doch ich freue mich auf den Tag.»

Stehen einmal Aufgaben an, die nicht täglich erledigt werden müssen und für die Bischof auf Hilfe angewiesen ist, zieht er seine Familie bei. Seine Töchter Manuela, Patricia und Judith und sein Sohn Adrian bedeuten ihm alles. Nicht nur, dass er sie früher in den Schlaf gesungen hat: «Ich würde jederzeit auf alles verzichten für sie.» Der Sohn wohnt noch zu Hause mit dem Vater.

Zwei der Töchter sind verheiratet, eine hat selber zwei Kinder und führt mit ihrem Mann einen Landwirtschaftsbetrieb. Für sie, die nicht z'Alp gehen, ist die Unterstützung des Vaters und Schwiegervaters selbstverständlich, wie beim «Öberefahre». Früher hat Bischof hierfür die Kollegen aus dem Jodlerclub um Hilfe gebeten, als die Kinder noch zu klein waren. Heute ist die Bestossung der Alp, bei der Bischof mit den Kälbern das Schlusslicht bildet, ein Familienerlebnis. Manchmal geht es abends los, so dass Menschen und Tiere dem Sonnenuntergang entgegenschreiten können.

Traditionell fährt Bischof sennisch: Die Frauen tragen Tracht, die Männer Brusttuch und Fahreimer, und zuvorderst gehen die Schellenkühe. Das Leben des Brauchtums ist dem Steiner Landwirt viel wert.

Unterstützung von der Familie

Auch beim Aufstellen der Zäune entlang der Bergkuppen Anfang Juni, wenn das Gras noch nicht hoch steht und das Vieh erst auf der Voralp ausgelassen wird, greift Bischof auf die Hilfe seiner Familie zurück. Zu dritt ginge die Arbeit am besten, heuer hilft ihm Schwiegersohn Andreas.

Den ganzen Tag verbringen sie auf der weitläufigen Alpwiese, deren Ende von der Hütte aus gesehen nicht abzuschätzen ist. Die Pfähle, die Bischof einschlägt, lagern im Winter in geschützten Felsspalten oder unter Felsvorsprüngen längs der abgezäunten Grenze. So muss er sie nicht bis zur Hütte tragen. Das Gelände ist so steil, dass die Männer froh sind um eine freie Hand, mit der sie sich am Gras festhalten können.

Die Alp ist entsprechend gefährlich, im Sommer droht Steinschlag, im Winter können Lawinen Schaden anrichten. Nicht immer kommen alle Tiere zurück in Bischofs Stall. Auch schon ist ein Tier im steilen Hang abgestürzt, ein anderes hat sich ein Bein gebrochen. Jeden Frühling sieht der Älpler, welche Spuren der Winter hinterlassen hat. «Dieses Jahr war es ganz schlimm, da hat eine Lawine einen Teil der Strasse mitgerissen», erzählt Bischof, während er seinen Allrad angetriebenen Wagen über das schmale Schottersträsschen zur Hütte lenkt.

Jeden Tag fährt er zweimal hier durch; manchmal blockiert ein ruhendes Rind den Weg, manchmal ein herunter gestürzter Stein. «Immerhin habe ich eine Strasse, über die ich bis vor die Hütte fahren kann», sagt Bischof. Zu seines Vaters Zeiten gab es bloss einen Fussweg. Täglich nahm der kleine Roland den beschwerlichen Weg unter die Füsse, um dem Vater zur Hand zu gehen, während die Mutter mit vier Buben und drei Mädchen im Tal blieb.

Auch im Jugendlichenalter kümmerte er sich nebst seiner Anstellung in einer Schreinerei um Haus und Hof. «Bevor meine Mutter zum Frühstück gerufen hat, war ich bereits beim Melken», erinnert sich Roland Bischof. Das Wohl der Tiere ist heute noch sein wichtigstes Anliegen. «Wenn ich alleine da oben bin», Bischof schaut in Richtung der Alphütte, «fürchte ich mich nie, auch bei Unwettern nicht. Aber dass es dem Vieh nicht gut gehen könnte, diese Angst verfolgt mich täglich.»

Ängste hatte schon sein Vater. Er sei immer sehr durchdacht gewesen, habe sein Tagwerk gut vorbereitet. «Er wäre nie ohne Proviant und genug zu Trinken aufgebrochen», weiss Wendel Bischof, Rolands älterer Bruder. Der 58-Jährige kommt häufig zu Besuch, sei es, um dem Bruder zur Hand zu gehen oder bloss, um die Ruhe am Berg zu geniessen. Dann kümmert er sich um kleinere Reparaturarbeiten oder spaziert in den Wald, wo er und sein Bruder vor Jahrzehnten Seilbahnen gebastelt und Hütten gebaut hatten.

Viele Erinnerungen hängen an diesem Ort. Roland Bischof sieht sich und seinen Bruder heute noch als kleine Buben Mist austragen. Oder Milch in einer Tanse zur Alphütte buckeln, weil damals die Kühe teilweise noch im Freien gemolken wurden. Bis zu dreizehnmal hintereinander ist der junge Bischof zwischen drei und vier Uhr nachts die 100 Höhenmeter aufgestiegen. Heute wird maschinell im Stall gemolken.

Die Melkmaschine ist an einen Generator angeschlossen, der gleichzeitig ein kleines Radio mit Strom versorgt. «Seit 13 Jahren läuft beim Melken ein- und dasselbe Bändli», erzählt Bischof lachend.

Erinnerung an vergangene Zeiten

Vieles ist hier oben gleich geblieben. Das Schild vor der Hüttentüre, das auf den Namen der Alp verweist, ist vergilbt, das einst farbig gemalte tanzende Paar in Tracht nur noch schwer zu erkennen. Das Regenfass steht da, wo es schon immer stand.

Bischof mag dieses Gleichbleibende, es erinnert ihn an die Tage, als seine Kinder noch klein waren. Einmal habe sich sein badender Bub aus lauter Scham im Regenfass vor Wanderern versteckt. Wie so oft, wenn er in Erinnerungen schwelgt, leuchten seine grünen Augen. Dann verliert er sich: Wie seine Mutter ins Silo gestürzt war und man daraufhin beschloss, den Betrieb an den Sohn zu übergeben.

Wie er als 21-Jähriger von seiner Reise aus Neuseeland heimkehrte, barfuss, Ende April, als im Toggenburg noch Schnee lag. Wie seine Tochter als 15jährige Bloderkäse hergestellt hat, weil er nach einem Muskelriss im Oberarm nicht mehr werken konnte. Oder wie seine Kinder ihm einmal verrieten, dass sein altes Auto schon von weither hörbar gewesen sei, so dass sie rechtzeitig vor Vaters Heimkehr die Hütte hatten aufräumen können.

Es sind vor allem die Tage Anfang September, wenn sich die Alpsaison dem Ende zu neigt und die Kühe nicht mehr gemolken werden müssen, weil sie trächtig sind, da Bischof seinen Gedanken nachhängt. Beispielsweise seinem Traum vom Fliegen, den er so oft hat und den er sich mit einem Paragleitflug eines Tages erfüllen will. Doch erst wenn die abgegrasten Wiesen gegüllt, die Fensterläden geschlossen, die Dachrinnen abmontiert und die Türen verriegelt sind, ist der Sommer vorbei.

Dann wirft Bischof einen letzten Blick zurück auf die Alphütte, seufzt und ist sich gewiss: «Hier im Hoor, hier möchte ich einmal sterben.»


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