Leitartikel

Der Abschied vom Haus im Grünen

25. März 2017, 10:32
Stefan Schmid
Alarm in der Ostschweiz: Die Stadt St.Gallen wächst nicht mehr. Anstatt wie die meisten Schweizer Städte weiter an Einwohner zuzulegen, hat die Ostschweizer Metropole 2016 ein paar Seelen verloren, wie der Zürcher «Tages-Anzeiger» jüngst in einer Mischung aus aufrichtigem Interesse und grossstädtischer Herablassung ausführte. Die Antwort des St.Galler Slam-Poeten und SP-Politikers Etrit Hasler, die Einwohnerzahl gehe den Bewohnern seiner Stadt «am Arsch vorbei», wirkt da auf den ersten Blick erfrischend gelassen. Gleichzeitig verbirgt sich hinter dieser gewiss weitherum geteilten Grundhaltung jene Prise Selbstgefälligkeit, die uns Ostschweizer träg und madig macht.

Noch Ende des 20. Jahrhunderts wetteiferte St.Gallen punkto Grösse und Ausstrahlung stets mit dem 60 Kilometer entfernten Winterthur. Doch mit der Einführung der Personenfreizügigkeit und der starken Zuwanderung in den Grossraum Zürich verlor St.Gallen den Anschluss. Winterthur, die Schlafstadt in Pendlerdistanz zu Zürich, hat die 100 000er-Marke längst überschritten, während wir im Osten mit Ach und Krach die 80 000er-Marke anpeilen.

Zahlen alleine machen nicht glücklich. Und auf die Grösse kommt es bekanntlich auch nicht immer an. Trotzdem: Wer weniger als 100 000 Einwohner hat, wird im Konzert der Schweizer Städte weniger gehört, wie St.Gallens Stadtpräsident Thomas Scheitlin (FDP) betont. Die Strategie der Stadt, dank Fusionen mit Nachbargemeinden an Gewicht zuzulegen, war nicht erfolgreich. Den Schalmeienklängen sind bisher nicht einmal finanzschwache Gemeinden wie Wittenbach erlegen. Die Stadt muss also an einem anderen Punkt ansetzen. Es führt kein Weg daran vorbei, die Attraktivität der Hauptstadt als Wohnort systematisch zu erhöhen. Die Politik des Stadtrats geht in die richtige Richtung, das Tempo aber ist zu gemächlich. Der moderne Stadtmensch lebt bewusst und gerne in urbanem Umfeld – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören gute Schulen, möglichst mit Tagesstrukturen, Kinderkrippen, verkehrsberuhigte, lebendige Quartiere, bezahlbare Wohnungen für Familien, Velowege, ein tolles Kulturangebot, und – natürlich – moderate Steuern. Zürich, Bern oder Basel haben diesen Weg längst eingeschlagen. Eine nachhaltige St.Galler Wachstumsstrategie müsste sich konsequent an diesen Parametern orientieren.

Gewiss wächst die ganze Ostschweiz im Vergleich mit den Boomregionen Zürich, Basel oder Lausanne/Genf eher unterdurchschnittlich. Klar ist es an der Peripherie des Landes schwieriger, Dynamik zu entwickeln, als in den hippen Zentren, wo alle hinwollen. Doch letztlich sind das Ausreden. Die Ostschweiz bietet sowohl pittoreske Gegenden wie das Appenzellerland als auch eine hoch kompetitive KMU-Landschaft. Mit der Universität, dem Bundesverwaltungsgericht, den zahlreichen IT-Firmen oder den Hauptsitzen von Banken und Versicherungen hat die Stadt St.Gallen eine ansehnliche Zahl hervorragender Arbeitgeber zu bieten. Das ist nicht das Problem.

Die Gründe für das zögerliche Wachstum liegen eher darin, dass nach wie vor viele Ostschweizer ihr Zuhause im grünen Ring suchen – oder mangels städtischer Alternativen suchen müssen. Jene, welche die Stadt verlassen, ziehen nicht in Scharen nach Zürich, sondern in die Agglomeration. So schreitet die Zersiedelung munter voran, das Bodenseeufer von Altenrhein bis Romanshorn verstädtert, ohne wirklich zur Stadt zu werden. Ebenso das untere Rheintal. Die Stadtflucht frisst Land, und sie lässt die Verkehrsströme masslos anschwellen – die täglichen Staus in und um die Stadt sprechen Bände. Nachhaltig ist das nicht. Die Stärkung des Zentrums, die damit verbundene geografische Nähe von Arbeitsplatz und Wohnort, sind Gebote der Stunde. Um es in den Worten des Slam-Poeten zu sagen: Es wäre gut, wenn derlei Fragen der städtischen wie der kantonalen Politik nicht «am Arsch vorbeigehen» würden.

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