Billett lösen wird überflüssig

OSTSCHWEIZ ⋅ Fünf Ostschweizer Unternehmen lancieren am 1. Juni die mobile Ticketapplikation «Fairtiq» im «Ostwind», dem grössten Verkehrsverbund der Schweiz. Damit kann der Kunde aufs Billett verzichten.
10. April 2017, 06:13
Christoph Zweili
Der Wettbewerb um die beste ÖV-App hat die Ostschweiz erreicht: Nach der Südostbahn (SOB), die mit Hochdruck an einer eigenständigen Plattform arbeitet, die neben einem elektronischen Ticket die ganze Mobilitätskette, etwa auch Taxis, umfassen soll, bringen nun fünf Ostschweizer Unternehmen am 1. Juni das Billett-App «Fairtiq» auf den Markt. Die Verkehrsbetriebe St. Gallen, die Regionalbahn Thurbo, Bus Ostschweiz, die Appenzeller Bahnen und Regiobus sind alle im Regionalverkehr unterwegs, der von der öffentlichen Hand finanziert wird. Mit der App, entwickelt von Gian-Mattia Schucan, früher Vertriebschef bei den SBB, setzen sie auf eine bereits am Markt erprobte Technologie und verzichten auf teure Eigenentwicklungen. Dafür beteiligen sich die Transportunternehmen an der Weiterentwicklung der Software mit einer «tiefen sechsstelligen Pauschale» und einem jährlichen Beitrag im «höheren fünfstelligen Bereich». Anders als bei der SOB, die für das automatische Erfassen der Kunden beim Ein- und Ausstieg ihre Rollmaterialflotte umrüsten muss, nützt «Fairtiq» die Smartphones der Zugreisenden.
 

Mit GPS wird der Standort geortet

Und so funktioniert’s: Der 64-Jährige, der in Andwil in den Regiobus nach Gossau steigt, öffnet die «Fairtiq»-App auf seinem Handy (Apple iOS und Android) mit einer Wischbewegung nach rechts, nachdem er sich einmalig registriert hat. Dabei hat er die Präferenzen für Halbtax und Klasse festgelegt. Das System erkennt die Haltestelle automatisch. Während der Fahrt telefoniert der Mann normal mit seiner Frau. In Gossau steigt er in den Zug nach Rorschach um. Dort vergisst er nach der Ankunft, sich beim System abzumelden. Die App erkennt aufgrund der Ortung, dass sich der Mann wahrscheinlich nicht mehr im Zug befindet. Daran erinnert zieht er nun das Stopp-Zeichen nach links – die Farbe der App wechselt von Grün auf Rot. Am nächsten Morgen um fünf Uhr wird der Fahrtweg vom System verrechnet.
 
Auch wenn noch weitere Fahrten am Vortag gemacht oder die Transportunternehmen gewechselt wurden: Die App sucht automatisch den günstigsten Tarif – sie verrechnet im Nachgang maximal den Preis einer Tageskarte. Ein «faires Ticket» eben, auch wenn die gemachten Fahrten den Preis einer Tageskarte übertreffen. Der Kunde bezahlt via Kreditkarte oder Handyrechnung.
 

Schaffhausen stösst zum «Ostwind»-Verbund

«Fairtiq» ist seit einem Jahr auf dem Markt und funktioniert in den Tarifverbunden Frimobil (Freiburg), Passepartout (Innerschweiz), Libero (Bern-Biel-Solothurn), Zug, STI (Thun) und im Oberengadin. Mit «Ostwind» kommt nun ein interessanter Partner für die App-Entwickler ins Boot: «Ostwind», der flächenmässig grösste Verkehrsverbund der Schweiz, umfasst heute fünf Kantone (SG, TG, AI, AR, GL), im Dezember stösst Schaffhausen neu dazu. Unter dem Tarifdach sind 26 Transportunternehmen vereint, die auf 3000 Streckenkilometern unterwegs sind.
 
«E-Tickets sind ein Zukunftsmarkt, gerade im Grenzgebiet, wo es bei Billetten über die Landesgrenze noch immer Hindernisse gibt. Im Idealfall soll sich ein Reisender aber weder um Fahrpläne noch um Tarifregionen kümmern müssen», sagt Hans Koller, Leiter Markt bei Bus Ostschweiz. Das Unternehmen mit 250 Mitarbeitern, in dem RTB, Bus Sarganserland und Werdenberg sowie Wil mobil vereint sind, transportiert 8,5 Millionen Personen pro Jahr und fährt mit zwei Linien täglich auch nach Vorarlberg und mit einer nach Liechtenstein.
 
Koller glaubt nicht, dass das E-Ticket-System zweistellige prozentuale Zuwachszahlen bringt, «aber je mehr Kunden diese Möglichkeit nutzen, desto stabiler wird der Fahrplan». Heute sei jeder Busfahrer auch noch ein Billettverkäufer: «Gegen Stau im morgendlichen Pendlerverkehr sind wir ohnehin nicht gefeit, aber wenn dann noch viele Billette im Bus gelöst werden, lässt sich der enge Fahrplan nicht mehr einhalten», sagt Koller.  «Wir müssen grosszügiger denken – über die Kantons- und Landesgrenzen hinweg», sagt Werner Fritschi, stellvertretender Geschäftsführer bei der Regionalbahn Thurbo, die täglich mit 93 000 Personen unterwegs ist (34 Millionen pro Jahr). «Fairtiq» lasse auch die Einbindung von grenzüberschreitenden Linien zu – Liechtenstein beteiligt sich bereits an «Fairtiq», Vorarlberg signalisiert Interesse.
 

Die letzten Tests im Mai

Die fünf Ostschweizer Unternehmen haben grünes Licht für die App-Lancierung im Tarifverbund «Ostwind» gegeben. Nun wird das ganze Streckennetz programmiert. Bis Ende Mai sind Tests mit ausgewählten Personen vorgesehen. Für Fritschi und Koller ist klar: Das grösste Hindernis im öffentlichen Verkehr sind heute die komplizierten Tarifstrukturen und das Lösen der Billette. Es sei ein Gewinn, wenn der Kunde nicht mehr überlegen müsse, in welchem Verbund er unterwegs sei. Beim E-Ticket gelte in Zukunft nur noch: «Ich steige ein, ich steige aus.»

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