Amélie studiert jetzt an der HSG

30. April 2014, 02:35
Kaspar Enz

Hat man selbst dort studiert, muss man die HSG manchmal gegen ihr Image verteidigen. Denn wenn man selber dort war, ist die HSG eine Uni, wie jede andere, auch wenn Joe Ackermann da mal studiert hat. Klar, die Chance, dass man an der HSG unverhofft einen deutschen Industriellensohn mit Polo, Pulli und Porsche einen guten Kollegen nennt, weil der im Grunde ein feiner Kerl ist, der anständige Musik hört, ist hier grösser als an andern Schweizer Unis. Dass man von aussen aber immer nur die Deutschen mit Porsche, Pulli und Polo mit der HSG verbindet, liegt daran, dass man den andern nicht ansieht, wo sie studieren. Man vergisst leicht, dass Joe Ackermann als Student ganz normal ausgesehen haben könnte, während der deutsche Industriellensohn heute vielleicht fürs Rote Kreuz die Welt rettet.

Happy End nach acht Semestern

Jetzt nimmt die Uni ihr Image selbst in die Hand, mit einem Film, der seit gestern auf YouTube zu sehen ist. «Love, Loss And Other Lessons Learned» heisst der. Für Nicht-HSGler: «Liebe, Verlust und andere gelernte Lektionen» (Für HSGler: «Market Penetration, Management Buy-Out And Best-Practice-Review»). Die Dramaturgie ist dem Popsong entlehnt: Junger Mann trifft junge Frau, junger Mann verliert junge Frau, junger Mann und junge Frau kommen nach ausgiebigem Benchmarking wieder zusammen. Dafür brauchen sie exakt acht Semester, auf Popsonglänge gekürzt. Die HSG ist demnach eine ganz normale Uni.

Die Geschichte passt gut zur HSG. Denn die steht in der Stadt der Liebe! Die Handorgel, die den ganzen Film lang spielt, die Hauptdarstellerin und die Farbtöne lassen einen jedenfalls glauben, man schaue «die fabelhafte Welt der Amélie». Man muss schon genau hinschauen, um zu sehen, dass die beiden in die Weihern statt in die Seine springen und dass die Türme, die man bei der Party auf der Dachterrasse im Hintergrund sieht, nicht zu Nôtre Dame gehören, sondern zur Stiftskirche. Und Rechtsprofessor Thomas Geiser, der für einige Sekunden zu sehen ist, scheint mit seiner Haarpracht und Fliege sowieso einem französischen Film entsprungen.

Allerdings erfährt der Zuschauer nicht, was er an der HSG studieren soll. Mal taucht auf einem Arbeitsblatt eine ökonomische Formel auf, mal ein Management-Modell. Nur erkennt die nicht, wer sie nicht einmal hat lernen müssen.

Lifestyle an der Sitter

Vielleicht wollen heutige Maturanden das ja auch gar nicht wissen. Sie wählen ihre Uni nach Lifestyle und StudiesLife-Balance aus. Das erklärt auch, weshalb der Film die Parties von Studentenvereinen wie dem berüchtigten «AC» verschweigt. Dort riecht es zu sehr nach Ballermann und zu wenig nach Montmartre-sur-Sitter. So ist der Film wohl ein voller Erfolg.

Der deutsche Industriellensohn verkauft heute übrigens Bier. In Paris. Ehrenwort.


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