13 Monate Haft für zwei Sekunden Rasen

PROZESS ⋅ Auch wer nur während zweier Sekunden viel zu schnell fährt, ist ein Raser. Zu diesem Schluss kommt das Kreisgericht See-Gaster. Ein Überholmanöver unter Kollegen kommt einen Töfffahrer teuer zu stehen.
10. April 2018, 06:45
Pascal Jäggi

Pascal Jäggi

ostschweiz@tagblatt.ch

«Einmal wollte ich an der Spitze sein». Auf diesem Zitat des Beschuldigten begründete die Staatsanwältin ihren Antrag von 13 Monaten Freiheitsstrafe bedingt. Angeklagt war ein 33-jähriger Familienvater, ein leidenschaftlicher Töfffahrer. Jedes ­Wochenende im Sommer sei er mit seiner schweren Maschine unterwegs gewesen, wenn es möglich war. Der Saisonstart 2016 ging aber ordentlich schief.

Mit drei Kollegen war der Mann aus dem Bezirk Horgen unterwegs auf einer Ausfahrt. Ein sonniger Sonntag im April, gemütliche Fahrt, wie der Schweizer betonte. Er habe sich stets zurückgehalten, sei hinten gefahren. Doch zwischen Wagen und Jona hatte es ihn gepackt. Er wollte einmal an die Spitze fahren, also beschleunigte er das Motorrad und setzte sich auf einer Geraden vor seine Kollegen. Dumm nur, dass ihn die Kantonspolizei dabei gefilmt hatte. Bis zu 147 Kilometer pro Stunde wurden beim Überholmanöver gemessen.

«Das war eine blöde Aktion»

«Ich wusste schon, dass ich schnell unterwegs war. Aber nicht so schnell», gab der Beschuldigte gestern am Kreisgericht in Uznach zu Protokoll. Er habe nicht auf den Tacho geschaut, wollte die Strasse im Blick haben, um niemanden zu gefährden. Dass die Maschine so schnell beschleunigt, sei ihm aber nicht bewusst gewesen. Er betonte, erst nach der Kurve zum Überholen angesetzt zu haben. Das Wetter sei gut gewesen, kein Gegenverkehr in Sicht. Die Strecke habe er nicht gekannt, antwortete der Mann auf die entsprechende Frage des Gerichtspräsidenten. Das Ganze tue ihm im Nachhinein leid. «Ich bin kein Raser», sagte er. Das seien doch Leute, die kilometerlang viel zu schnell fahren, nicht ein paar Sekunden. Seine Aktion sei blöd gewesen, aber man könne doch nicht alle in einen Topf werfen, bat der 33-Jährige die Richter. Schliesslich meinte er, schon genug büssen zu müssen.

Viel härter als eine mögliche bedingte Gefängnisstrafe trifft ihn nämlich der Fahrausweisentzug. Zurzeit ist er dem Handwerker auf unbestimmte Zeit entzogen. Mindestens zwei Jahre dürfte er weg sein. Das stellt den Schweizer vor grosse Probleme. So müsse er eigens einen Kollegen abstellen, der ihn zur Arbeit bringt oder von einer Baustelle zur anderen. Noch hat er seinen Job nicht verloren, doch der Chef werde ungeduldig.

Nur kurz zu schnell

Eigentlich schien der Fall klar. Der Zürcher fuhr im 80er-Bereich schneller als 140 – das entspricht dem Rasertatbestand. Die Mindeststrafe beträgt für solche Delikte 12 Monate Gefängnis bedingt. Die Staatsanwältin ging noch leicht weiter und verlangte eine Freiheitsstrafe von 13 Monaten. Der Verteidiger des Töfffahrers führte neue Entwicklungen ins Feld. Das Rasergesetz wird derzeit geändert und soll wieder Geldstrafen möglich machen. Und das Bundesgericht hatte geurteilt, dass es Ausnahmen gebe, in denen das Überschreiten gewisser Tempogrenzen nicht als Rasen gilt. Während das Überholen fünf bis sieben Sekunden dauerte, sei sein Mandant höchstens während ein bis zwei Sekunden auf Tempo 147 gewesen, so der Verteidiger. Das Ganze sei eher eine «Schönwetter-Ausfahrt» gewesen, kein Temporausch. Das Verhalten sei nicht skrupellos gewesen, auch nicht besonders gefährlich. Der Rasertatbestand sei nicht erfüllt. Er forderte eine bedingte Geldstrafe von 300 Tagessätzen zu 100 Franken.

Die Richter konnte der Verteidiger nicht überzeugen. Sie verurteilten den Beschuldigten zu 12 Monaten Gefängnis bedingt. Die Gesetzesrevision zähle nicht, sie sei noch zu weit weg. Ein Ausnahmefall sei die Töfffahrt auch nicht gewesen. Der 33-Jährige habe gewusst, wie seine Maschine reagiere. Er hätte den Tacho im Blick haben müssen. Das Gesetz sage zudem nichts darüber aus, wie lange man zu schnell fahren müsse, um als Raser zu gelten.


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