11 Kapitel aus dem Olma-Geschichtsbuch: Vom Hallenbrand bis zum Mondgestein

PUBLIKUMSMAGNET ⋅ Am Donnerstag startet die 75. Olma. Wie heute stand auch früher nicht immer die Landwirtschaft im Vordergrund. Zu sehen war auch schon Löwen, Delfine oder sogar Mondgestein. Und der Brand der Halle 7 ist so manchem noch in schmerzhafter Erinnerung.
10. Oktober 2017, 20:09
Roman Hertler/Adrian Vögele

Eine «praktisch gestaltete» Messe (1943)
Die erste Olma wurde am 7. Oktober 1943 eröffnet – während des Zweiten Weltkrieges. Im «Tagblatt» begann die Berichterstattung über die Messe bescheiden. Am Eröffnungstag ist auf der Lokalseite unter einem schlicht gestalteten Olma-Logo ein kurzer Hinweis mit dem Titel «Praktische Vorführungen von Maschinen und Geräten» zu lesen: «Wo Zugkräfte fehlen, an Halden, auf Moorböden, ist die Seilwinde ein unentbehrlicher Helfer für den Ackerbau sowie für die Waldwirtschaft. An der landwirtschaftlichen Ausstellung St.Gallen wird eine kombinierte Seilwinde mit den dazugehörenden Maschinen (Bergpflug, Hackegge) gezeigt.» In einem ausführlichen Text über die neue Messe in einer der folgenden Ausgaben heisst es dann: «Hier stösst man auf die grossen und kleinen Maschinen und Utensilien, die der Bauer selbst besitzt oder besitzen sollte, sowie auf die grossen Maschinen, die ihm von den Genossenschaften zur Verfügung gestellt werden und von denen nur die stattliche Dreschmaschine angeführt sei, die zeitweise in Betrieb gesetzt werden soll. Das ist überhaupt der Vorzug der Ausstellung, dass man überall wieder auf im Betrieb stehende Einrichtungen stösst, womit die Belehrung praktisch gestaltet wird.» Die erste Olma im Jahr 1943.

Die erste Olma im Jahr 1943.

 
Lärm, Schlägereien und andere Nachtbubenstreiche (1946/48)
Schon in den 1940er-Jahren gab es erste Negativschlagzeilen zur Olma. Immer wieder beklagten sich Anwohner über den Lärm, der meist nach Mitternacht einsetzte und bis in die frühen Morgenstunden andauerte. 1946 prügelten im Vorraum des «Schützengarten»-Saals ein Dutzend Burschen auf einen Mann ein. Nach zehn Minuten gelang es, die Kerle von ihrem Opfer zu trennen. Auf der Strasse machten sie sich kurzerhand über den nächstbesten Passanten her. Es folgten zwei weitere Schlägereien, bis die Polizei eintraf und den Haupttäter festnahm. Die anderen wurden später verhaftet. Andere Nachtbuben versetzten immer wieder Signaltafeln der Verkehrspolizei. 1948 schnitt ein Mann aus dem Appenzellerland im Gedränge einem 13-jährigen Mädchen die Zöpfe ab. Er wurde in Gewahrsam genommen. Kein Wunder, markierten die städtischen Abstinenzvereine bereits 1944 Präsenz und schenkten alkoholfreien Süssmost aus.
 
Schweizerinnen mit Hang zum Düsteren (1948)
1948 schrieb Hanna Willi im «Tagblatt» eine ganze Seite zum Thema «Frauen an der Olma». Was ihr auffiel: Viele Frauen drängten sich besonders um den Stand, an dem Pflaster und Verbandsmaterialien feilgeboten wurden. Dieses Inter­esse an der «unerfreulichen Seite des Daseins» befremdete die Schreiberin zunächst. Doch dann erinnerte sie sich an einen «ausländischen Psychologen», der behauptete, die Schweizerin sei eine Frau mit viel Sinn für die Tragik und fühle sich vom Düsteren magisch angezogen. Höhepunkt des schweizerischen Frauendaseins seien Katastrophen in ihrer Umwelt. Gegen diese Darstellung habe sie sich heftig gewehrt, so Willi: «Auch wir haben Sinn für Fröhlichkeit und Humor.» Als sie aber den weiblichen Andrang am Leukoplast-Stand sah, schien ihr das Psychologenurteil «doch irgendwie gerechtfertigt».

30 Jahre zu früh (1949)
1949 stand im «Tagblatt»: «Durch das bedauerliche Versehen eines Graphikers ist mit den 25 Kantonsfahnen, um die Symmetrie herzustellen, an der Olma vorübergehend, selbstverständlich ohne jede politische Absicht und ohne Kenntnis der leitenden Organe, auch eine Fahne des Kantons Jura aufgehängt worden.» Der Fehler habe auswärts und insbesondere im Kanton Bern viel Aufsehen erregt. Das «staatspolitisch unmögliche Symbol» sei umgehend entfernt worden, liessen die Organisatoren verlauten, und die Olma-Leitung habe sich beim Berner Regierungspräsidenten entschuldigt. Zwei Jahre zuvor hatte der Jura-Konflikt einen Höhepunkt erreicht, als deutschsprachige Berner Politiker einem Welschen die Führung des Baudepartements verweigerten, weil es zu wichtig sei. Die Unabhängigkeitsfrage würde sich in Kürze geklärt haben, mochte sich der Olma-Grafiker gedacht haben. Doch war er seiner Zeit 30 Jahre voraus.

Es heimelt an - oder provoziert: Das Olma-Plakat liefert jedes Jahr Gesprächsstoff. Die Landwirtschaftsmesse feiert 2017 ihr 75-Jahr-Jubiläum. Klicken Sie sich durch alle Plakate. (Bilder: pd)

Ekstase mit Schalltrichtermusik (1950)
Am 17. Oktober 1950 schildert ein Journalist im «Tagblatt» einen Besuch des St.Galler Jahrmarkts: «Im Laufe der Jahre hat sich die verwandtschaftliche Verbindung zwischen Jahrmarkt und Olma derart gefestigt, dass beide eine Einheit werden mussten. Dieses Ganze könnte man das Herbstfest der Ostschweiz nennen. (…) Ja – dem bejahrten Mann wird man verzeihen, wenn er auf dem mit Tausenden Lichtern in hohen Glanz hineingetauchten Tummelplatz einmal in einen Wagen der 8er-Bahn steigt, um in mächtig gezogenen Schleifen aus der mit Lampengirlanden ausstaffierten Höhe wieder zurückzukehren zu der staunenden Menge in der Tiefe. (…) Die Erwachsenen müssen nur den Mut haben, auch dabei sein zu wollen, wenn der Ausrufer einlädt: <Istiege, bitte istiege!> (…) Einen ergebenen Gruss der alten Tante aller modernen Kinderreitschulen! Es lebe die Rössli-Ritti! (…) Halt – ich näherte mich der Ekstase.» Weit weniger euphorisch äussert sich ein Leserbriefschreiber über den Jahrmarkt 1950: «Seit einiger Zeit sind auf dem St.Galler Jahrmarkt die Jahrmarktsorgeln verschwunden, bzw. wenigstens in ihrem Betriebe eingestellt und durch Lautsprecher ersetzt worden. (…) Ergeht man sich heute auf dem Spelteriniplatz, so tönt und dröhnt einem überall die gleiche Musik entgegen und plötzlich überfällt einen irgendwo, wo man es gar nicht vermutet, Schalltrichtermusik. (…) Könnte man nicht zum alten System zurückkehren, so dass wenigstens die schönen Musikorgeln z.B. der Tunnelbahn oder der Achterbahn zur Geltung kämen?»
 
Raubtiere im Park (1953/1970)
Ins Stelldichein der Tiere an der Olma mischten sich manchmal auch richtige Exoten: 1970 zeigte der Circus Knie auf der Volksbadwiese eine Delfinschau – allerdings mit separatem Eintritt. Besondere Publikumslieblinge waren zudem zwei junge Löwen namens Gallus und Pretoria, die man während der Olma 1953 im Stadtpark bestaunen konnte. Die beiden Tiere waren ein Geschenk von St.Galler Geschäftsleuten in Südafrika zum 150-Jahr-Jubiläum des Kantons. Hoffnungen auf ein ständiges Zuhause für die Raubkatzen in St.Gallen erfüllten sich jedoch nicht; die Tiere lebten danach im Zoo  Zürich.

 
Die Strafanstalt weicht (1958)
Schon in den 1940er-Jahren war die Rede davon, die Strafanstalt St. Jakob ins Saxerriet im Rheintal zu verlegen und den Platz der Olma zu überlassen. 1958 war es so weit: Das Gefängnis wurde abgerissen und an dessen Stelle ein provisorisches Zelt für die Herbstmesse errichtet. Der Umzug auf das St.-Jakob-Areal markierte einen baulichen Meilenstein: Zuvor war die Olma zur Hauptsache auf dem Brühl beheimatet.
 
Ein Postbüro auf vier Rädern (1965)
Im Jahr 1965 hatte die Olma ihr eigenes Postbüro. Es war in einem umgebauten Bus untergebracht, wie das «Tagblatt» berichtete: «Im Sinne eines Dienstes an den Ausstellern gegenüber den Messebesuchern steht an der diesjährigen Olma erstmals das Automobilpostbüro Nr. 4 im Einsatz. Es findet täglich starke Benützung. (…) Dieses Postbüro stand erstmals an der letztjährigen Landesausstellung in Lausanne zur Verfügung (…) und besitzt vor allem folgende Merkmale: 1. Vier Schalter (…); 2. Zeitgemässer Komfort sowohl für die Postbenützer (Schalterraum) wie auch für das Postpersonal; 3. Geräumig und nach den neuesten Erkenntnissen ausgestattet; 4. Äussere Form modern und ansprechend. (…) Zudem besitzt das Postbüro eine vollautomatische Klimaanlage. (…) Auf Antrag der Kreispostdirektion St.Gallen wurde erstmals seit Bestehen der Olma ein Sonderstempel bewilligt (…). Es kann festgestellt werden, dass recht viele Philatelisten das Automobilpostbüro an der Olma aufsuchen. Es können in ihm alle Postgeschäfte wie Einzahlungen, Geldwechsel usw. getätigt werden wie an jeder Poststelle.»

 
Storchenflüge und Mondraketen (1948/1970)
Für manche sind die Bahnen am Jahrmarkt noch nicht spektakulär genug: Wer an der Olma 1948 besonders hoch hinaus wollte, konnte ein Flugzeug besteigen. Von der Kreuzbleiche aus startete Rudolf Herzig, Direktor des Flugplatzes Altenrhein, mit einem einmotorigen Flugzeug zu Rundflügen über Messegelände und Stadt. Zu den Passagieren in der Maschine vom Typ Fieseler Storch gehörte auch ein Vater mit seinem kleinen Sohn, wie das «Tagblatt» schrieb. Der kleine Fluggast habe sich gefürchtet, aber tapfer durchgehalten – «und Ende gut, alles gut: der Storch trug den Buben heil zu Muttern zurück.» Ein spektakuläres Mitbringsel von oben bot die Olma dann 22 Jahre später: Die Amerikaner waren auf dem Mond gelandet, und die Schweiz erhielt ein Stück Mondgestein von Präsident Nixon geschenkt. 1970 war dieses an einer Olma-Sonderschau ausgestellt, zusammen mit Raketenmodellen und weiteren Exponaten zum Thema Raumfahrt.

 
Ein Flammenmeer (2000)
Die 58. Olma hat ihre Tore erst vor wenigen Stunden geschlossen. Dann, in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 2000, wird die Halle 7 ein Raub der Flammen. Die Feuerwehr verhindert ein Übergreifen des ­Feuers auf andere Gebäude. Doch die beliebteste aller Messehallen brennt vollständig nieder. Menschen oder Tiere kamen keine zu Schaden. Die Brandursache konnte nie geklärt werden. 

Die magistrale Handtasche (2007)
2007 erwies die damalige Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey der Olma die Ehre. Doch der Helikopter aus Sion, der die gebürtige Unterwalliserin nach St. Gallen bringen sollte, liess lange auf sich warten. Dem Vernehmen nach hatte die Bundesrätin ihre Handtasche vergessen und musste diese vor dem Abflug holen lassen. Derweil erklärte der damalige Olma-Direktor Hanspeter Egli an der Eröffnungsfeier: «Wir haben ein Problem. Es ist noch in der Luft.» Erst fünf Minuten vor Beginn ihrer Rede traf die gut gelaunte Magistratin ein.  Hastiger unterwegs – und etwas weniger gut gelaunt – war seinerzeit nur noch Calmy-Reys Partei- und Gremiumskollege Moritz Leuenberger, der sich gleich nach seiner Ansprache vom Acker machte und auf den traditionellen Olma-Rundgang und das Ferkel-Halten verzichtete.

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