Umstrittener Weg für Lebensmüde

Sollen Senioren, die nicht todkrank sind, mit Hilfe der Sterbehilfeorganisation Exit sterben dürfen?

11. Mai 2014, 02:35
Katharina Baumann

All seine mutigen Bücher hat der Kirchenkritiker Hans Küng von Hand geschrieben. Jetzt, mit 86 Jahren, bringt er kaum noch einen lesbaren Buchstaben aufs Papier. Er hat Schwierigkeiten mit den Augen und mit dem Rücken, zudem ist er an Parkinson erkrankt. Wenn die Krankheit ihn zu verändern beginne, wolle er, der Mitglied der Sterbehilfeorganisation Exit ist, aus dem Leben scheiden, sagte er kürzlich in einer Fernsehsendung. «Ich möchte so sterben, dass ich noch Mensch bin und nicht auf mein vegetatives Dasein reduziert bin.»

Der Suizid mit Hilfe von Exit ist nicht einfach. Voraussetzungen sind unter anderem Urteilsfähigkeit, konstanter Sterbewunsch, keine Beeinflussung von Dritten sowie schweres, krankheitsbedingtes Leiden. Verschreibt ein Arzt nach dieser Motivations- und Gesundheitsprüfung das Rezept für Natriumpentobarbital, so kann der Tod durch Trinken des Sterbemittels erfolgen. Ein Exit-Freitodbegleiter ist dabei.

Am 24. Mai findet in Zürich die Generalversammlung des Vereins statt. Ein Traktandum sorgt schon jetzt für Aufsehen: In den Statuten soll verankert werden, dass Exit sich politisch dafür einsetzen soll, dass Sterbehilfe neu auch für ältere Menschen, die nicht todkrank sind, möglich werden könnte. «Immer mehr Alte empfinden es als Zumutung, bei einem weniger lebenserfahrenen Arzt Bittsteller zu sein und sich einer Gewissensprüfung auszusetzen», steht im Vereinsmagazin. Es stelle sich die Frage, ob bei Betagten nicht auch andere Faktoren «wie Verlust des sozialen Netzes, Perspektivelosigkeit, Sinnentleerung sowie drohende Pflegeabhängigkeit und Autonomieverlust» für das Sterben mit Exit reichen dürften. Für einen solchen Bilanzsuizid im hohen Alter – ein Suizid also, der auf einer rationalen Abwägung der Lebensumstände beruht – haben sich in einer Umfrage 95 Prozent von 8000 Exit-Mitgliedern ausgesprochen. Eines schrieb dazu: «Wer das Gefühl hat, seine Lebensuhr sei abgelaufen, soll sie auch anhalten dürfen.»

«Sie wollen nicht zur Last fallen»

Was halten Ostschweizerinnen und Ostschweizer, die beruflich mit Betagten zu tun haben, von diesen Plänen? Regula Rusconi, Vorstandsmitglied der Alzheimervereinigung SG/AI/AR, ist kritisch. Sie befürchtet das negative Signal eines solchen Entscheids: «Die heutige ältere Generation hat sowieso schon Hemmungen, alt und hilfsbedürftig zu sein», sagt sie. «Sie will niemandem zur Last fallen.» Werde dann der Weg von Exit als mögliche Lösung aufgezeigt, könnten sich viele unter Druck fühlen.

Auch in den Pflege- und Altersheimen ist Sterbehilfe ein Thema. Curaviva, der Dachverband der Heime, hat ein Positionspapier zum Umgang mit Sterbehilfeorganisationen in Heimen erarbeitet. Auf dessen Grundlage können die Heime zu eigenen Haltungen kommen. Darin kommt zum Ausdruck, wie umstritten der begleitete Suizid in Heimen auch bei Fachpersonen ist. Einerseits will man die «Selbstbestimmung von Menschen auch im hohen Alter grundsätzlich respektieren». Anderseits tritt man einer «vorbehaltlosen Zustimmung zur Selbsttötung im hohen Alter» entgegen.

In mehreren Heimen des Appenzellerlands sei es, nach umfangreichen Abklärungen, zu Exit-Sterbebegleitungen gekommen, sagt Ilir Selmanaj, Präsident der Curaviva Appenzellerland. Dank der sorgfältigen Vorgehensweise merke man aber auch immer wieder, dass der Sterbewunsch mancher Bewohner nicht nur mit der körperlichen Schwäche, sondern auch mit Vereinsamung zu tun habe, gegen die man vieles unternehmen könne. «So kommt es auch vor, dass der einmal geäusserte Sterbewunsch bald kein Thema mehr ist», so Selmanaj.

Angehörige erkundigen sich nach Exit

Im Kanton St. Gallen findet im Juni eine Weiterbildung für Heimleiter statt, in der es um begleitete Suizide in Heimen geht. «Viele unserer 120 Heime sind noch zu keiner Haltung gekommen, mir scheint aber wichtig, dass jede Institution einen Meinungsprozess in Gang bringt und entscheidet – und zwar, bevor der erste konkrete Fall auftaucht», sagt Markus Brändle, Vorstandsmitglied von Curaviva St. Gallen. Er selbst leitet das Seniorenzentrum Solino im Toggenburger Bütschwil. Hier hat noch kein Bewohner einen Suizidwunsch geäussert. «Das könnte auch mit dem ländlichen, mehrheitlich katholischen Hintergrund unserer Bewohner zu tun haben, in anderen Gebieten kann der Wunsch vielleicht eher aufkommen», sagt Brändle. Er höre von Angehörigen, die sich um den finalen Zustand ihrer Verwandten Sorgen machen und sich unverbindlich nach Exit erkundigen.

Die Heime der Curaviva Thurgau stünden der Exit-Sterbehilfe eher kritisch-ablehnend gegenüber, sagt Geschäftsführerin Julia Käppeler. «In den letzten Jahren haben wir in den Heimen das Wissen über die Palliativmedizin verstärkt, und seither haben noch weniger Bewohner nach einem Exit-Suizid gefragt als zuvor», sagt sie. In zwei Heimen habe Exit Zugang. «Eines davon wird keine solche Sterbebegleitung mehr zulassen, weil sie für Mitarbeiter und Mitbewohner sehr belastend war.»

Gefahr der unerkannten Depressionen

Auch die Ärztinnen und Ärzte bewegen sich im Spannungsfeld zwischen dem Selbstbestimmungsrecht ihrer Patienten und ihrer Verpflichtung, zu heilen und zu lindern. Jacqueline Minder ist Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Alterspsychiatrie und Alterspsychotherapie. Sie ist als Chefärztin des Bereichs Alterspsychiatrie der Integrierten Psychiatrie Winterthur und Zürcher Unterland tätig. Heikel sei, dass es unter den älteren Menschen einen hohen Anteil nicht diagnostizierter Depressionen gebe, sagt sie: «Symptome einer Depression wie Rückzug und Passivität entsprechen unserem Altersbild.» Deswegen werde diese Krankheit, welche die Hauptursache für Suizide sei, oft nicht erkannt – und das könne gefährliche Folgen haben. «Bei solchen Fällen droht die Gefahr, dass Exit den Suizidwunsch als freien Willen beurteilt, er aber eigentlich ein Krankheitssymptom ist.»

Kritisch sieht Minder auch die Bedingung, wonach der Suizidwunsch ohne äusseren Druck entstehen soll. «Jeder Mensch ist als soziales Wesen Teil eines <Rudels>, das ihn beeinflusst und das auch er beeinflusst», sagt sie. Das Bild des alten Menschen sei heute negativ besetzt. «Mit der steigenden Lebenserwartung geht Angst vor Überalterung einher, vor deren Hintergrund die alten Menschen häufig als Kostenverursacher, die keine Gegenleistung mehr bringen, entwertet werden.» So entstehe ein subtiler Druck auf die alte Generation, der auch bei Gesprächen mit Angehörigen zum Ausdruck komme. «Es kommt vor, dass Angehörige ihren betagten Eltern zum Suizid raten.» Sterbewünsche, die so entstehen, seien keine freien Entscheidungen mehr, betont Minder.

Woher kommt der Sterbewunsch?

Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Instituts Dialog Ethik, sieht nicht nur die geplante Statutenänderung kritisch, sondern bereits die Diskussion darüber. «Hochproblematisch ist, dass man nun darüber zu diskutieren beginnt, wessen Leben noch lebenswert ist und wessen nicht», sagt sie. Dies widerspreche dem menschenrechtlich verbrieften Anspruch jedes Menschen auf Würde, unabhängig von seinen Eigenschaften und Fähigkeiten.

Sie fragt, mit welcher Berechtigung private Sterbehilfeorganisationen Kriterien formulieren dürften, mit denen jemand Suizidbeihilfe in Anspruch nehmen könne. «In der Schweiz ist die Selbsttötung kein staatlich garantiertes Anspruchsrecht, sondern eine individuelle, kriterienlose Freiheit urteilsfähiger Menschen.» Damit soll vermieden werden, dass das Leben von Menschen mit Einschränkungen als nicht lebenswert betrachtet würde.

Problematisch sei auch, dass Menschen mit Vorbildcharakter für die Suizidbeihilfe werben – wie Hans Küng. «Dabei beschreiben sie öffentlich Lebenssituationen, in denen sie lieber tot als lebendig sind», so Baumann. «Schon jetzt erleben wir bei unserer Arbeit in Pflegeheimen und Rehabilitationskliniken, dass Menschen, die sich bereits in einer solchen Situation befinden, innerlich unter Druck geraten.» Angesichts der steigenden Kosten im Altersbereich sei der Schritt vom inneren zum äusseren Druck, vom sogenannten «Freitod» zum «Zwangstod», klein.


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