«Das Üben ist Sache der Schule»

Stefan Stirnemann, Kantonsschullehrer und Gründungsmitglied der Schweizer Orthographischen Konferenz, zum «groben Unsinn» des Schreibens nach Gehör.
02. November 2014, 02:32
ODILIA HILLER

Herr Stirnemann, was halten Sie von der gängigen Methode, Primarschulkinder anfangs phonetisch, also nach Gehör, schreiben zu lassen?

Stefan Stirnemann: Ich halte das für groben Unsinn. Das Stichwort lautet beim Schreiben «Übung». Nur mit Ausdauer und Wiederholung können Kinder sich Schreibweisen einprägen. Dem wird in der Primarschule viel zu wenig Rechnung getragen. Es ist eine Bevormundung, Kindern Informationen vorzuenthalten unter dem Vorwand, sie müssten sich entwickeln.

Sie würden also schon von Anfang an Fehler korrigieren?

Stirnemann: Das Problem ist, dass man mit dem Schreiben nach Gehör erst einmal eine künstliche Welt schafft. Eine Art Paralleluniversum, wo es nicht darauf ankommt, wie etwas geschrieben wird. Ich halte es für wichtig, dass die Schule von Anfang an sagt, was richtig und was falsch ist. Das heisst ja nicht, dass man einen Schüler k. o. schlägt, wenn er einen Fehler macht. Es geht heute zu oft vergessen, dass es den Kindern Sicherheit gibt, zu wissen, wie etwas richtig ist.

Sehen Sie eine Gefahr, dass Fehler sich eingraben?

Stirnemann: Natürlich. Und wenn Fehler, wie bei extremen Formen dieses Vorgehens, erst ab der dritten Klasse korrigiert werden, führt das bei den Schülern zu noch grösserer Verunsicherung. Plötzlich ist alles falsch, was sie zuvor richtig gemacht haben.

Verfechter der Methode des freien Schreibens sagen, im Sport oder Zeichnen erwarte man auch nicht von Anfang an Meisterleistungen. Genauso müsse der Schreibprozess reifen.

Stirnemann: Ja, das muss er. Aber in der Mathematik hört man auch nicht auf mit dem Korrigieren falscher Rechnungen, weil der Schüler sich erst entwickeln muss. Falsch ist falsch. In der Rechtschreibung gilt das gleiche.

Hat sich die Rechtschreibkompetenz in den letzten Jahren verschlechtert?

Stirnemann: Als Leser beobachte ich eine gewisse Verwahrlosung. Viele Zeitungen und Verlage investieren nicht mehr wie früher in diesen Bereich. Als Lehrer sehe ich, dass mehr Schüler Mühe haben mit der Gross- und Kleinschreibung. Die verunglückte Rechtschreibreform verunsichert zudem nicht nur die Schüler, sondern beispielsweise auch mich.

Ist es nicht pingelig und altmodisch, wenn man auf korrektem Deutsch beharrt?

Stirnemann: Die deutsche Sprache, und damit auch die Orthographie, ist ein Weltkulturerbe, das es zu erhalten gilt. Die Rechtschreibung wurde ja nicht erfunden, um Schüler damit zu belästigen, sondern damit die Menschen sich gegenseitig verstehen. Man schreibt immer für den Empfänger, nicht für sich selbst.

Öffentliche Tagung der Schweizer Orthographischen Konferenz zum Thema «Sprache der Zeit – Sprache der Zeitung», Freitag 7. 11. um 16 Uhr im Druckzentrum Winkeln, Information und Anmeldung: www.sok.ch.


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