«Meistens sind die Prognosen gut»

Laut Neurologin Nina Feddermann-Demont ist die Gehirnerschütterung im Fussball eine seltene Verletzung. Die 37-Jährige über Kopfschütze, neue Regeln und Langzeitfolgen.
01. März 2015, 02:36
Patricia Loher

Frau Feddermann, der St. Galler Verteidiger Philippe Montandon ist im Januar zurückgetreten. Er hatte noch versucht, trotz seiner achten Gehirnerschütterung wieder auf den Platz zurückzukehren. War das sinnvoll?

Nina Feddermann-Demont: Es ist sehr schwierig, eine medizinische Diagnose oder Empfehlung aufgrund von Medieninformationen zu machen. Ich habe Herrn Montandon nicht selber untersucht. Im Gegensatz zu anderen Sportarten ist die Gehirnerschütterung im Fussball aber eine eher seltene Verletzung. Ein bis fünf Prozent aller Verletzungen sind Gehirnerschütterungen. Herr Montandon ist der einzige mir bekannte Fussballer, den es so oft traf. Es gibt also keine Erfahrungswerte, und ich wüsste auch von keinen Leitlinien, an denen man sich in so einem Fall orientieren kann. Es ist anzunehmen, dass er vor seinem Rücktritt ausführlich interdisziplinär medizinisch beurteilt, betreut und beraten wurde.

Philippe Montandon litt nach einem halben Jahr Pause schon nach einem ersten Trainingsspiel in der Vorbereitung wieder unter Kopfschmerzen.

Feddermann-Demont: Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Symptomen bei langwierigen Verläufen. Wichtig aber ist: Gehirnerschütterungen haben meistens eine gute Prognose. In 85 Prozent der Fälle bilden sich die Symptome innerhalb von sieben bis zehn Tagen zurück. Im Umgang mit dem posttraumatischem Kopfschmerz gilt zu beachten, dass es viele unterschiedliche Arten von Kopfschmerzen gibt, die durch das Unfallereignis hervorgerufen werden können. Es gibt im Bereich des Kopfes unterschiedliche Strukturen, die einen Schmerz hervorrufen können. Zum Beispiel Hirnnerven, die äusserste Hirnhaut oder Schmerzsensoren und Nerven im Bereich der Halswirbelsäule. Bei «Reizung» dieser Strukturen kann es sein, dass die Schmerzen bei ansteigender Belastung wieder zunehmen.

Was sind weitere Symptome einer Gehirnerschütterung?

Feddermann-Demont: Die Symptome einer Gehirnerschütterung sind sehr heterogen. Typisch sind eine kurzzeitige Gedächtnislücke, Verwirrtheit und Gleichgewichtsstörungen mit und ohne Bewusstseinsverlust. Neben Kopfschmerzen gibt es auch andere unspezifische Symptome wie Schwindelgefühl, Übelkeit, Sehstörungen, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Licht- oder Lärmempfindlichkeit. Diese Symptome können aber alle unterschiedliche Ursachen haben. Deshalb ist eine adäquate Diagnosestellung so wichtig.

In Bezug auf Langzeitschäden von Gehirnerschütterungen steckt die Forschung anscheinend noch in den Kinderschuhen. Weshalb?

Feddermann-Demont: Zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht erwiesen, dass sich nach einer Gehirnerschütterung das Risiko von Langzeitschäden erhöht. Als Langzeitfolgen sind ja zum Beispiel die unterschiedlichen Formen von Demenzen oder psychische Störungen wie Angst oder Depression gemeint. Mein Eindruck ist: Es kommt zur Verunsicherung, weil die Ergebnisse von Studien verbreitet werden, deren Methodik nicht angemessen ist, um einen Zusammenhang zu belegen.

Was heisst das?

Feddermann-Demont: Es ist eine Herausforderung, eine methodisch saubere Studie durchzuführen, da die diskutierten Langzeitschäden erst viele Jahrzehnte nach dem Ereignis beziehungsweise nach Beendigung der Sportkarriere auftreten können. Zu diesem Zeitpunkt können sich die betroffenen Sportler oftmals gar nicht mehr an die Art und Anzahl von Verletzungen erinnern. Zudem birgt diese lange Zeitspanne die Gefahr, dass Verzerrungen wie Depression, Schmerzen, Medikamenteneinnahme, Alkoholprobleme oder Rauchen nicht statistisch kontrolliert werden können. Bei einigen Studien wurden zu wenige Sportler oder nur eine bestimmte Gruppe von Sportlern analysiert. Bei anderen waren die Einschlusskriterien wie beispielsweise Berücksichtigung einer eventuell vorliegenden familiären Veranlagung nicht klar definiert.

Sie leiten ein Projekt, bei dem Spielerinnen und Spieler von Teams der höchsten Fussballligen der Schweiz vor Beginn dieser Saison einer Untersuchung unterzogen wurden. Erleiden Spieler eine Kopfverletzung, werden diese erneut untersucht und die Resultate mit jenen der Basisuntersuchung verglichen. Was ist das Ziel?

Feddermann-Demont: Das primäre Ziel unseres Projektes ist es, die Rückkehr zum Spiel nach sportassoziierter Kopfverletzung zu verbessern, so dass die verletzten Fussballerinnen und Fussballer möglichst rasch und ohne erhöhtes gesundheitliches Risiko wieder auf den Rasen zurückkehren können. Ein weiteres Ziel ist es, Spieler, bei denen das Risiko eines längeren Verlaufes höher ist – wie beispielsweise bei Herrn Montandon aufgrund der bereits erlittenen Gehirnerschütterungen –, frühzeitig zu identifizieren, um ihnen eine optimierte Therapie anzubieten. Dabei geht es vor allem auch darum, Spieler zu erkennen, bei denen nicht die Gehirnerschütterung Ursache der Symptome ist, sondern andere Faktoren wie eine Störung im Gleichgewichtsorgan.

Hilft ein Kopfschutz, wie ihn Philippe Montandon trug?

Feddermann-Demont: Nach meiner Kenntnis ist der aktuelle Stand der Wissenschaft, dass ein Kopf- oder Gesichtsschutz im Fussball vor Riss-Quetschwunden, Zahnverletzungen oder Knochenfrakturen schützt, jedoch gibt es bisher keinen eindeutigen Beweis für den Schutz vor einer Gehirnerschütterung. Dies liegt im Verletzungsmechanismus begründet, der im Fussball anders ist als zum Beispiel beim Skifahren oder Reiten.

Was kann unternommen werden, um einer Gehirnerschütterung vorzubeugen?

Feddermann-Demont: Wichtig ist, dass der Verletzungsmechanismus analysiert wird, wie das beispielsweise die Fifa zwischen 2001 und 2005 gemacht und dabei festgestellt hat, dass mehr als die Hälfte aller Kopfverletzungen – sechzig Prozent – im Fussball Folge von Luftduellen sind, vor allem von Schlägen «Ellenbogen gegen Kopf» und «Kopf gegen Kopf». Aufgrund dieser Ergebnisse wurde 2006 eine Regeländerung eingeführt, dass der bewusste Schlag mit dem Ellbogen gegen den gegnerischen Kopf mit einer roten Karte geahndet wird. Dadurch wurde an Weltmeisterschaften die Zahl schwerer Kopfverletzungen auf die Hälfte reduziert.

Gehirnerschütterungen sind schwierig auszumachen. Der Deutsche Christoph Kramer spielte im WM-Final gegen Argentinien trotz einer Gehirnerschütterung einige Zeit weiter.

Feddermann-Demont: Eine der Herausforderungen für den Teamarzt ist die fehlende Möglichkeit, die Schwere der Verletzung am Spielfeldrand zu beurteilen, da es sich um eine dynamische Verletzung handelt, deren Verlauf sich unerwartet und plötzlich verändern kann. Symptome können erst später auftreten; das ist leider so. Im vergangenen Herbst wurde beschlossen, dass im Fall einer möglichen Kopfverletzung das Fussballspiel für bis zu drei Minuten unterbrochen werden kann, damit der Teamarzt mehr Zeit hat, den Spieler zu untersuchen. Es gibt immer eindeutige Fälle; manchmal aber ist es nicht so einfach.

Der Teamarzt sieht sich also in der Zwickmühle: Holt er den Spieler in einem Champions-League-Final vom Platz und leidet dieser dann doch nicht unter einer Kopfverletzung, hat der Arzt möglicherweise ein Problem mit dem Trainer.

Feddermann-Demont: Natürlich, das sind die grossen Herausforderungen, denen sich ein Teamarzt in seiner Funktion stellen muss. Im Zweifel gilt jedoch sportartübergreifend: «When in doubt, keep her/him out», das heisst, im Zweifel oder bei Unsicherheit ist der Spieler unmittelbar vom Platz zu nehmen und von einer medizinischen Fachperson zu untersuchen. Aus diesem Grund ist eine gute Schulung von Teamärzten und medizinischen Betreuern sehr wichtig. Uns wurden zum Beispiel im Rahmen unseres Projektes auch schon zwei Fussballspieler mit Verdacht auf Gehirnerschütterung zugewiesen. Die Spieler litten aber unter einer Migräneattacke, die der Aufprall des Balles gegen den Kopf hervorgerufen hatte. Diese Spieler waren natürlich schnell wieder fit, als die Migräneattacke nach entsprechender Therapie vorbei war.


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