Sturm im Weinglas

Ein herbstlicher Abstecher in die Wachau lohnt mit mildem Klima, Delikatessen und einem «Heurigen» beim Weinbauern.
02. November 2014, 02:32
TEXT UND BILDER: MICHAEL HUG

«Sturm» steht mit Kreide geschrieben auf dem Schild neben der Wirtshaustür. «Sturm» steht auch auf der Weinkarte, vom «Sturm» reden sie an den Tischen, vor sich Gläser mit blassgelbgrüner Flüssigkeit. Es ist Oktober und an jeder Ecke in der Wachau gibt es «Sturm». Sturm ist keine herbstliche Wettererscheinung im Donautal Wachau – Sturm im Weinglas ist angegärter Traubensaft. Was hierzulande im Herbst der Sauser, ist in Ostösterreich der Sturm. Mit dem Unterschied, dass der Sturm fast immer aus weissen Trauben gepresst wird. Er ist süss-sauer-kräftig und schmeckt ein wenig wie saurer Most. Er kommt gelblich-grün aus dem Fass, in der Farbe ähnlich wie ein mit Wasser verdünnter Pastis. Wie bei jenem ist auch die Wirkung des Sturms nicht zu unterschätzen. Er kann mitunter zu ganz schönen Stürmen im Kopf führen.

Verbrieft seit 1784

Sturm gibt es in der Wachau am «Heurigen». Der Heurigen ist ein Stück österreichische Wein- und Feierabendkultur, verbrieft seit 1784 durch Kaiser Joseph II. höchstpersönlich. Der Kaiser gab den Weinbauern das Recht, selbst erzeugten Wein, Most und Schnaps direkt auf ihrem Hof auszuschenken oder zu verkaufen. Durchgesetzt und gesetzlich verankert hat sich für die temporären Besenbeizen der Begriff «Buschenschank». Weil überall dort, wo ein Buschenschank zeitweilig geöffnet hat, ein Strohgeflecht – der «Buschen» – vors Haus gehängt wird. «Ausgsteckt is» sagen die Einheimischen. Wo ausgesteckt ist, sieht man beim Vorbeifahren, im gedruckten Heurigenkalender oder im Internet. Heurigen beim Weinbauern ist das ganze Jahr durch, aber nur tageweise, und meistens öffnet der Buschenschank erst am späten Nachmittag.

Kaltes Fleisch und Süsses

Wo Buschenschank draufsteht, ist also Heurigen drin. Aber nicht überall, wo Heurigen angeschrieben ist, ist es der traditionelle Heurigen. Der Buschenschankbetrieb ist gesetzlich den Weinbauern vorbehalten, Gastronomen dürfen diesen Begriff nicht führen. Ihnen bleibt «Heurigenrestaurant» oder eben «Heurigen», doch jeder – ausser Touristen – weiss, dass da alles Mögliche angeboten wird, auch warme Speisen, was im Buschenschank nicht zulässig ist. Da gibt es nur jungen – eben «heurigen» – Wein, kalte Fleischplatten und selbstgemachte Süssspeisen. Dazu eine Reihe von Beilagen wie Gewürzgurken, Brotaufstriche (beispielsweise Grammelschmalz) oder der scharfe «Kren» – der österreichische Begriff für Meerrettich. Zum Abschluss darf's ein «Schnapserl» aus Weintrauben oder aus den in der Wachau besonders beliebten «Marillen» (Aprikosen) sein.

Mäandrierende Donau

Die Wachau ist eine von Österreichs Vorzeigeregionen und ist über das ganze Jahr einen Besuch wert. Dabei ist das Tal zwischen Melk und Krems im Bundesland Niederösterreich nur rund 30 Kilometer lang. Während die Donau vorher und nachher durch relativ ebenes Gelände fliesst, mäandriert sie in der Wachau zwischen zwei Hügelzügen – dem Hochwaldviertel und dem Dunkelsteiner Wald.

Weinbaudörfer wie Aggsbach, Spitz, Weissenkirchen oder Dürnstein säumen das linke Donauufer; Melk, Aggstein, Arnsdorf und Rossatz mit ihren Marillenkulturen das rechte. Eingangs des Geländeeinschnitts steht das Stift Melk, ausgangs das Stift Göttweig, zwei grandiose Barockkloster aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die restaurierten Klöster, dazu die beiden über dem Tal thronenden Ruinen Aggstein und Dürnstein sowie die bemerkenswerte Landschaft halfen der Wachau im Jahr 2000 zur Aufnahme ins Unesco-Weltkulturerbe.

25 000 Jahre alte Venus

Als Siedlungsgebiet entdeckte die Menschheit die Wachau schon viel früher. Daraufhin deutet die «Venus von Willendorf». Die elf Zentimeter grosse Frauenstatuette aus Kalkstein, die 1908 beim Bau der Wachau-Eisenbahn entdeckt wurde, wird auf 25 000 Jahre geschätzt. An ihrer Fundstelle steht heute ein kleines Museum mit einer Venus-Kopie. Das Original wird in einer Hochsicherheitsvitrine im Naturhistorischen Museum in Wien der Öffentlichkeit nicht vorenthalten.

Doch in der Wachau zählen vor allem gegenwärtige Themen: Wein, Marillen und die Donau. Alle Weinbauern bieten ihre Weine spontan zur Verkostung an, zahlreiche Läden verkaufen Marillenschnaps und Marillenkonfitüre. Im Juli werden die reifen Marillen geerntet und gleich an der Strasse verkauft, was Niederösterreicher und Wiener scharenweise in die Wachau lockt. In den Restaurants gibt es dann nebst dem Nationalgericht «Kaiserschmarren» auch süsse Marillenknödel.

Kunstvolles Strohgeflecht

Doch die Highlights der Wachau – siehe oben – sind die Heurigen in den Buschenschanken. Sie zu finden braucht der Individualtourist eine gute Spürnase. Denn Grossspurigkeit ist nicht des Wachauers Eigenschaft. Wegweiser, Werbetafeln und Leuchtreklame sucht man vergebens. Ein kunstvolles Strohgeflecht – mit zunehmender Hängedauer ein Strohgestrüpp – weist auf Buschenschanken hin. Doch die stehen meistens nicht an der Hauptstrasse. Will man seine Zeit nicht mit Recherchen am Tablet vergeuden, fragt man. Man spricht deutsch, und ausserordentlich gastfreundlich sind sie auch, die Einheimischen. Steigen dann Sturm und Wein zu Kopfe, bleibt nur eines: Ein Hotel suchen – in Österreich gilt die 0,5-Promille-Grenze.


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