Eine flotte Hundertjährige

Im Grenzgebiet von Kongo und Tansania warten zwei Reiseabenteuer auf ihre Entdeckung. Das eine ist der mystische Tanganjikasee. Das andere ist ein hundertjähriges Schiff: Die legendenumwobene «Liemba».
23. Februar 2014, 02:34
TEXT UND BILDER: MICHAEL HUG

Die erste Nacht war etwas unruhig. In den Morgenstunden hat ein moderater Sturm den See aufgerieben. Zur Frühstückszeit hat sich der Wind gelegt, nur noch ein leichter Wellengang zeugt von der bewegten Nacht. Die «Liemba» nimmt's gelassen, sie hat schon ganz andere Stürme erlebt. Kapitän Titus drückt zweimal den Knopf für das Schiffshorn. Ein Schmettern von tausend Posaunen zerreisst die Stille. Es ist neun Uhr, am Ufer taucht das Dorf Ilagala auf, der Eingang zum Mahele Mountain National Park. Martin, ein Zürcher Urwaldspezialist, macht sich zum Aussteigen bereit.

Möglichst schnell zur Luke

Es gibt keinen Hafen, kein Quai, die «Liemba» lässt den Anker herunterrasseln und wartet. Vom Ufer her kämpfen ein halbes Dutzend Fischerboote gegen die Wellen. Zuletzt macht sich das Boot des Parkrangers zur «Liemba» auf. Mit seinen zwei Motoren ist es den anderen überlegen. Schneller bei der «Liemba» zu sein, bringt Vorteile. Man kann vor den anderen zahlende Passagiere und Fracht übernehmen. Doch der Ranger nimmt nur den weissen Passagier an Bord und fährt zurück. In den anderen Booten kämpfen die Ruderer um den besten Platz bei der Luke, wo die Aussteigenden schon warten. Aussteigen, einsteigen, ausladen, einladen – alles geschieht gleichzeitig. Bootsführer schreien, Matrosen winken, dirigieren, stossen und schieben. Junge Mütter mit Babies auf dem Rücken staksen in die Boote, Koffer und Taschen werden von Mann zu Mann gereicht und über allem schwebt der Arm des Schiffskrans mit vollen Ölkanistern am Haken. Oben an der Reling stehen Hunderte und schauen teilnahmslos zu.

Zwölf Dörfer in drei Tagen

Rund ein Dutzend Dörfer bedient die «Liemba» auf ihrer dreitägigen Reise von Kigoma im Norden nach Mpulungu im Süden. Nur drei haben einen ausgebauten Hafen. Das Aus- und Einsteigen muss auf dem See erfolgen, auch bei Wellengang. Stürmt's zu stark, fährt die «Liemba» einfach weiter. Die Passagiere müssen dann selber sehen, wie sie nach Hause kommen. Die Fahrt mit diesem Schiff ist eine unkonventionelle Reise, bei der Zeit zur Unwichtigkeit wird. Da kann schon mal ein Problem, ein Maschinenschaden, ein Sturm die Abfahrt im Ausgangshafen um ein paar Stunden verzögern. Oder es kann der Zoll im sambischen Mpulungu schon geschlossen sein – dann muss das Schiff und alle, die darauf sind, eine Nacht im Hafen von Kasanga, dem letzten tansanischen Hafen vor der Grenze verbringen.

Schiff – oder dann Feldwege

Dennoch: Die «Liemba» ist für die 50 000 Einheimischen auf der tansanischen Seite des Lake Tanganjika unverzichtbar. Seit 1927 ist ihr Liniendienst Ersatz für die nicht vorhandenen Verkehrsverbindungen durch das hügelige, undurchdringliche Buschland am See. Strassen existieren nur als Feldwege, die bei Regen zu Bächen werden, Autos besitzen die einfachen Fischer und Bauern nicht. Vor wenigen Jahren wurde die «Liemba» von der UNO sogar für den Transport von Flüchtlingen aus Ruanda eingesetzt. Betrieben wird sie von der staatlichen «Marine Service Company Ltd.», die auch auf dem Viktoriasee Schiffe im Dienst hat.

Ziemlich heruntergekommen

1978 wurde die hundertjährige Schiffslady letztmals umfassend renoviert. Dabei erhielt sie anstelle der schwächlichen Dampfmaschinen zwei Dieselmotoren und einen elektrischen Kochherd. Der Zahn der Zeit nagt aber schon wieder an der Liemba. Generatoren, Steuerung, Küche, Toiletten – einfach alles müsste dringend erneuert werden. Die Betreiberin gibt zu verstehen, dass der Betrieb nicht rentiere. Der Staat als Besitzer hat kein Geld. Zur Diskussion steht ausländische Hilfe. Deutschland will das 800-Tonnen-Schiff zurückholen und würde Tansania dafür ein neues Schiff schenken. Doch noch zögern die Verantwortlichen, der Aufschrei der Liemba-Fans ist nicht zu überhören.

In 1000 Kisten verpackt

Deutschland hat nicht ohne Grund Interesse an der Liemba. Genau vor hundert Jahren gab die Ostafrikanische Eisenbahn-Gesellschaft (eine private Firma zur Entwicklung der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika) einer Werft in Norddeutschland den Auftrag zum Bau eines kombinierten Fracht- und Passagierdampfers namens «Goetzen». Demontiert und in 1000 Kisten verpackt reisten die 800 Tonnen Stahl auf drei Schiffen nach Tansania. 1914 bauten drei deutsche Monteure und ein paar hundert einheimische Handlanger das Schiff in Kigoma zusammen. Doch so richtig zum Einsatz – sie sollte erst die zivile, dann die militärische Versorgung im Westen der Kolonie sicherstellen – kam die Goetzen nicht. 1916 drangen Belgier und Briten in Deutsch-Ostafrika ein und überrannten die deutschen Einheiten. Ihr Kommandant liess noch einen Tag zuvor den nagelneuen Dampfer versenken. 1918 war der Erste Weltkrieg auch in Ostafrika vorbei, drei Jahre später fiel die neue Kolonie Tanganjika am grünen Tisch Grossbritannien zu. 1924 wurde das Schiff gehoben, überholt und in Dienst gestellt. Dabei wurde sie zur «Liemba» umgetauft – der Name, mit dem die südlichen Anwohnenden des Tanganjikasees seit ewigen Zeiten ihren See benannten.

Abenteuer für Robuste

Die Reise auf der «Liemba» ist ein Abenteuer für robuste Touristen. Der Preis für die dreitägige Fahrt beträgt in der 1. Klasse gerade mal 100 Dollar, das Bett in der Doppelkabine inbegriffen. Der Komfort ist dem Preis entsprechend, in der Küche, in den Toiletten und Duschen macht man besser die Augen zu. Die eine oder andere Kakerlake wird einem bestimmt begegnen. Doch was spielt das für eine Rolle. Entschädigt wird man durch die unberührte Landschaft und den stillen, ja mystischen See. Im 25 Grad warmen und glasklaren Wasser wird Baden zur Kontemplation – bis das Schiffshorn posaunt. Das hautnahe Erleben der jungen und alten, fröhlichen und offenen Menschen auf dem gut 70 Meter langen Schiff bietet Unterhaltungen und Erfahrungen der besonderen Art. Warum also unterwegs auf ein schwankendes Fischerboot umsteigen? Lieber gleich durchfahren bis Mpulungu, dem Gewusel beim Entladen zusehen und wieder nach Kigoma zurückschippern.


Leserkommentare

Anzeige: