Eckzahn oder Lichtschloss?

Weltweit beachtet ist Riga wegen seiner Jugendstilarchitektur. Die lettische Hauptstadt ist 2014 auch Kulturhauptstadt Europas.
20. Juli 2014, 02:31
TEXT UND BILDER: MICHAEL HUG

RIGA. Ist es ein Eckzahn oder eine Freestyle-Sprungschanze? Rigaer und Rigaerinnen verbitten sich solche Anlehnungen. Für sie verkörpert die neue Nationalbibliothek «Latvijas Nacionala biblioteka» das, wofür sie von Gunars Birkerts konzipiert wurde: ein Symbol der Freiheit. Tatsächlich liess sich der lettische Architekt vom Märchen «Goldenes Pferd» des lettischen Dichters Janis Rainis inspirieren, wo auf dem Berg aus blauem Glas und grünem Eis die Prinzessin der Freiheit wohnte. Mit seiner Silhouette, dem Volumen und den Baukosten von 230 Millionen Franken ist der «Schloss des Lichts» genannte Kulturtempel aus Glas und Chromstahl zum neuen Nationalsymbol aufgestiegen. Die Eröffnung im Januar dieses Jahres wurde zum Volksanlass: 15 000 Menschen bildeten eine Kette und brachten so die ersten 2000 Bücher vom alten zum neuen Standort auf der gegenüberliegenden Seite der Daugava, Rigas Stadtfluss.

Die Hälfte lebt in der Hauptstadt

Mit der Eröffnung des Lichtschlosses wurde auch das Kulturjahr eingeläutet. Riga ist von der EU zusammen mit dem schwedischen Umea zur Kulturhauptstadt Europas 2014 gewählt worden. Vier Jahre hatten die Städte Zeit, sich vorzubereiten. Dabei hat sich Riga dem, was es über Jahrhunderte gepflegt hat, und dem, was es aus dem Stand heraus zu leisten vermag, gewidmet. Der zweitgenannte Bereich umfasst ein Kulturprogramm mit rund 240 Anlässen und 12 000 Akteuren. Darunter fallen Volksfeste wie das Mittsommerfest «Ligo», Ausstellungen und Führungen, diverse Kleinkulturanlässe auf Freilicht- und Kellerbühnen, eine Orgelkonzertreihe auf der knapp 100jährigen Rigaer Domorgel oder die Welt-Chor-Spiele, zu denen 20 000 Choristen erwartet wurden.

Riga erhielt den Zuschlag 2010, als die europäische Finanzkrise und die Massenabwanderung ihren Höhepunkt erreicht hatten. 910 000 Einwohnende hatte Riga 1990, im Jahr vor der Befreiung aus der sowjetischen Herrschaft. 700 000 sind noch da (1,1 Millionen leben im Metropolitanraum, die Hälfte der Bevölkerung Lettlands). Sie müssen die umgerechnet 29 Millionen Franken für das Kulturjahr stemmen, wobei dies wohl das absolute Minimum ist, um bei den Kulturtouristen aus der ganzen Welt wahrgenommen zu werden. Marseille (850 000 Einwohnende) hatte 2013 110 Millionen Franken ausgegeben, dazu zusammen mit dem Staat Frankreich über 700 Millionen für Kulturbauten.

Boom zur Jahrhundertwende

Sparen und zeigen, was man schon hat, hiess deshalb die Losung. Das 1201 gegründete Riga hat einiges, vorab ein grosses bauhistorisches Erbe aus mehreren Epochen. Zeitzeugen aus Barock, Renaissance, Gotik, Jugendstil, Nationalromantik, Sowjetischer Klassizismus und Moderne finden sich auf engstem Raum. Insbesondere die Jugendstilbauten in der Altstadt finden weltweite Beachtung. Als «aussergewöhnlich und universell wertvoll aufgrund der weltweit einzigartigen Qualität und Quantität der Jugendstilarchitektur bei relativ intakt gebliebenem historischen Stadtgefüge» betrachtet die Unesco Rigas Stadtarchitektur und fügte 1997 gleich die ganze Altstadt zu ihrem Weltkulturerbe hinzu.

Die Jugendstilbauten – die sich nicht auf Stadthäuser in Kunststeinbauweise beschränken, sondern auch zahlreiche Holzhäuser in den Vororten umfassen – sind Ausdruck einer Boomphase während der Belle Époque. Riga war damals Hafen- und Hansestadt, ein Tor zum Osten, die letzte Station vor den Weiten der sibirischen Tundra. Die Wirtschaft florierte, die Bevölkerungszahl explodierte und war zu Beginn des Ersten Weltkriegs viereinhalbmal so hoch als noch 75 Jahre zuvor. Riga war das Dubai von 1900, argwöhnen Zyniker. Die Jugendstilarchitektur ist Ausdruck davon: Man baute ein Haus und setze eine nicht zu kleinliche Summe für die Verzierung der (strassenseitigen) Fassade ein, auf dass das Haus schöner werde als das des Nachbarn.

Auf dem Sprung

Heute ist Riga eine Stadt auf dem Sprung. Leider hat die Stadt eine massive Bevölkerungsabwanderung zu verkraften, was man an den zerfallenden Häusern in den Vororten unschwer sieht. Die öffentliche Infrastruktur stammt aus Zeiten, als Lettland noch Teil der Sowjetunion war. Doch die geschützte Altstadt wurde komplett renoviert, das riesige Hafengelände ist im Umbruch bzw. erlebt die erste Stufe einer Gentrifizierung. Die Gastronomie ist à jour, ebenso Telekommunikation und Flugverkehr, das Preisniveau hat sich europäischem Niveau angenähert. Strassen und Pärke sind bemerkenswert sauber, ebenso Rigas rund 30 Kilometer langer Strand bei Jurmala. Er war in der Belle Époque als Kurdestination heiss begehrt – trotz oder gerade wegen des kühlen Winds über der Ostsee.


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