Bratislava – der andere Städtezwilling

Gerne werden Wien und Bratislava auch als Zwillingsstädte bezeichnet. Ein touristisch ungleiches Zwillingspaar. Doch Bratislava holt auf und bietet einiges.
04. Januar 2015, 02:34
TEXT UND BILDER: MICHAEL HUG

Der Blick könnte erhebender nicht sein – wenn nicht gerade tiefhängende Wolken die ganze Aussicht verderben würden. Dabei braucht man sich auf dem Fernsehturm von Bratislava für einen Rundumblick nicht einmal zu bewegen. Das 360°-Panorama wird dem Gast beim gediegenen Dinner im Drehrestaurant Altitude als kostenlose Beilage an den Tisch geliefert. Gewiss, der 200 Meter hohe Turm aus sozialistischen Zeiten (1975) ist keine architektonische Schönheit. Das höchste Gebäude der Slowakei bietet allenfalls Bauphysikern Anschauungsunterricht. Sein wahres Geheimnis gibt die «gläserne Speerspitze» auf 68 Meter Höhe preis. Bei klarer Sicht liegt dem Betrachtenden die Stadt vor den Füssen, dahinter der Donaubogen, Wien im Westen, die Wälder Tschechiens im Norden, die Karpaten im Osten, die Pannonische Tiefebene (Ungarn) im Süden.

Die Anfahrt zum Fernsehturm auf dem 433 Meter hohen Hügel «Kamzik» kennt das «Navi» nicht. Für den TV-Turm findet sich kein Wegweiser, für das «Altitude» jedoch schon. Nur müsste man dazu vorher wissen, wie das Restaurant heisst. Passanten nach dem Weg zu fragen, ist schwierig – man spricht nicht deutsch. Oder will es nicht, die Slowaken kommen anscheinend gut mit sich selbst zurecht. Damit ist für einen Trip nach Bratislava schon recht viel gesagt: Man muss sich auf eigene Faust durchschlagen, wenn man Dinge sehen will, die nicht im Reiseführer stehen.

Jahrhundertelang Pressburg

Solche «Dinge» hat Bratislava auch zu bieten: Häuserzeilen aus dem 16. Jahrhundert, Sakral- und Repräsentativbauten aus Barock (Burg Bratislava), Rokoko (Grassalkovich-Palais/Präsidentenpalast), Renaissance (Nationaltheater) sowie aus der sozialistischen Moderne wie die auf dem Kopf stehende «Radio-Pyramide» des Slowakischen Hörfunks. Wie bei ihrer Zwillingsstadt Wien reichen auch Bratislavas Spuren bis in die Altsteinzeit zurück. Wie in Wien stand auch in Bratislava einst ein «Oppidum», eine befestigte römische Stadt. Und wie Wien spielte auch Bratislava eine Rolle während den Zeiten der Kaiser und Könige des Österreichisch-Ungarischen und des Deutschen Reichs. Schon viel früher aber, wahrscheinlich um das Jahr 900, bekam die Stadt einen deutschen Namen: Pressburg.

Die Wege Pressburgs und Wiens trennten sich nach dem Ersten Weltkrieg. Der Name Pressburg wurde gelöscht, die Stadt hiess nun Bratislava und wurde 1968 zur Hauptstadt des Teilstaates Slowakische Sozialistische Republik in der Tschechoslowakei. Der Eiserne Vorhang trennte ab 1950 die beiden nur 60 Kilometer auseinanderliegenden Zwillingsstädte auch materiell. Was über Jahrhunderte wirtschaftlich zusammenarbeitete und kulturell zusammengewachsen war, driftete nun als zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme auseinander. Das «Hinüber» wurde bisweilen mit dem Tod bezahlt, herüber kam fast niemand mehr.

Donau verbindendes Band

Seit Ende 1989 gibt es die «Todeszone» durch Äcker, Wiesen und Wälder zwischen Österreich und der Slowakei sowie Ungarn im Süden nicht mehr. Seit der Aufnahme aller drei Länder in die EU gibt es überhaupt keine Grenzzäune und -kontrollen mehr. Die ehemaligen Checkpoints sind im Verrotten begriffen und wurden auf den Autobahnen durch Kioske für den Vignettenverkauf ersetzt. Was in Bratislava blieb, ist die völlige Absenz der deutschen Sprache. Die radikale Vertreibung der Deutschen und Deportierung der Juden hat (keine) Spuren in Bratislava hinterlassen. Man spricht Englisch als Zweitsprache oder von Touristen aufgeschnapptes Alltagsdeutsch.

420 000 Einwohnende zählt Bratislava heute. Die Donau ist seit 1989 wieder das verbindende Band zwischen den «Twin Cities». Die grössere Schwester (Wien: 1,1 Millionen Einwohnende) ist dabei die Zubringerin der Touristen nach Bratislava. Auf den Tagesplänen Hunderttausender Pauschaltouristen steht der Abstecher in die slowakische Hauptstadt mit Reisebus, einem beschaulichem Donauschiff oder dem schnellen Katamaran «Twin City Liner», der die Strecke auf der Donau in 75 Minuten schafft, aber meist ausgebucht ist. Doch Bratislava kann auch ein Ferien- oder Wochenendziel sein. Englische Billigfluglinien sprechen von zunehmendem Interesse von Heiratswilligen, die ihre Polterabende in Bratislavas Kneipen feiern.

Inklusive Innereien

Womit das Nachtleben Bratislavas angesprochen ist. Das Angebot ist qualitativ und quantitativ auf gewohntem «westlichem» Niveau, die Gastfreundlichkeit ist es genauso, aber die Preise sind bedeutend tiefer als 60 Kilometer westlich. Bier war für die Slowakei schon immer eine Art nationale Idee und nicht nur ein Getränk. Die Brautradition ist eine der ältesten in Europa. Einige Traditionsmarken wehren sich bis heute erfolgreich gegen die internationalen Brauriesen im Westen. Wein ist in Bratislava kein grosses Thema. Mit Verlaub, zu den deftigen und stets umfangreichen Speisegängen passt ein Pils viel besser als ein ausländischer Wein.

Apropos deftig: Vegetarier werden wie Weinliebhaber in Bratislava eventuell zu kurz kommen. Ein typisches slowakisches Menu enthält gegartes, geräuchtes, gebratenes oder verwurstetes Schweinefleisch vom Kopf bis zum Haxen, inklusive Innereien. Dazu gibt's Semmelknödel und reichlich Sauerkraut. Das von Bäuerinnen selbst angesetzte Sauerkraut wird in Holzfässern am Zentralmarkt «Mileticova» im Stadtteil «Nové Mesto» oder an jedem anderen Strassenmarkt angeboten. Selbstverständlich gibt es auch in Bratislava Restaurants, die sich der internationalen Küche verschrieben haben. So auch das noble «Altitude» im TV-Tower hoch über der Stadt. Wem das «Konfierte Kalbsbäckchen mit Savoykohl, Semmelknödel und Foie-gras-Sauce» zu abgehoben vorkommt, lässt sich vom Aufzug in die «Brasseria» über dem «Altitude» hieven. Dort gibt es für ein frisch gezapftes Bier dieselbe grossartige Aussicht. Nur muss man sich da um sich selbst drehen um ebendiese zu sehen.


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