Als wären es Papierschiffe

Die Ozeanriesen am Panamakanal lassen sich auch vom Ufer aus beobachten. In den Schleusen werden 100 000 Tonnen Stahl aus dem Wasser gehoben.
22. März 2015, 02:36
TEXT UND BILDER: MICHAEL HUG

«Das Runde muss ins Eckige» heisst's beim Fussball. Auch der Bug der «Hanjin Milano» ist rund und fast scheint es, als würde der mächtige Koloss, 261 Meter lang und 32 Meter breit, nicht durchs Schleusentor passen. Genau 33.53 Meter breit (110 Fuss) ist die Schleuse, vier Fuss schmaler, also 32.31 Meter, darf das breiteste Schiff sein und höchstens 294.13 Meter lang.

Alle Schleusen am Panamakanal weisen diese Masse auf, grössere Schiffe können den Kanal nicht befahren. Im Jargon hat sich dafür die Schiffsklasse «Panamax» durchgesetzt. Schiffe dieser Klasse (sie sind bei weitem nicht die grössten Schiffe) sind im allgemeinen Tanker, Losefracht-, Container- oder Kreuzfahrtschiffe. Das koreanische Containerschiff «Hanjin Milano» gehört zur Panamax-Klasse und passt grad knapp in die Schleusenkammer.

Im Zug direkt dem Kanal entlang

Ausser auf einem Kreuzfahrtschiff oder Frachtschiff gibt es nicht viele Möglichkeiten, den Panamakanal zu durchfahren und damit von innen zu erleben. Linienschiffe fahren nicht auf dem Kanal. Und auf Kreuzfahrt- wie Containerschiffen muss meistens ein Arrangement gebucht werden, zu dem mehrere Hafenanfahrten in Mittelamerika oder gleich noch eine Atlantiküberquerung gehören. Das kann dann eine teure Kanalbesichtigung werden.

Nebenbei bemerkt: Eine Kanalpassage kostet die Reederei bei 74 Dollar pro Container oder 135 Dollar pro Passagier bis zu 400 000 Dollar.

Doch die 100jährige künstliche Wasserstrasse lässt sich auch von aussen erkunden. Eine gute Möglichkeit bietet die Fahrt mit der «Panama Canal Railway». Sie verlässt Panama-City auf der pazifischen Seite am frühen Morgen und kehrt am Abend zurück. Dabei fährt die Bahn auf einem Drittel der Strecke direkt am Kanal entlang.

Mit rund 60 Kilometern pro Stunde tuckert der Dieselzug über die 80 Kilometer breite – schmale! – Verbindung zwischen Nord- und Südamerika. Er fährt dabei durch den Nationalpark «Soberania» und überquert auf etlichen Brücken den Gatúnsee. Dieser Teil der Strecke ist exklusiv der Bahn vorbehalten, sie ist weder zu Fuss noch mit dem Auto zugänglich. Das Vergnügen stellt sich bei der Rückfahrt am Abend noch einmal ein – sofern man wieder den Zug wählt.

Vorsicht angebracht in Colón

Endstation der «Panama Canal Railway», die fast ausschliesslich touristischen Zwecken dient, ist Colón am atlantischen Ufer. Die Zeit bis zur Rückfahrt lässt sich mit Sightseeing in der quirligen Stadt verbringen. Shopping-Fans zieht es ins Dutyfree-Paradies «Zona Libre de Colón», das als zweitgrösste Freihandelszone der Welt gilt und wo es sozusagen alles und noch mehr günstig gibt, auch Dinge, worauf gar kein Zoll erhoben wird.

Colón gilt als einer der wichtigsten Häfen am Atlantik, doch die zunehmende Mechanisierung im Warenumschlag hat die Stadt viele Arbeitsplätze gekostet und die Arbeitslosenrate hochgetrieben. Die Armut – im Gegensatz zur Hauptstadt Panama-City, wo der Reichtum Blüten à la Dubai treibt – hat auch die Kriminalitätsrate steigen lassen. In Colón abends auszugehen, ist nicht zu empfehlen und auch tagsüber ist Vorsicht angebracht.

Doch für Kanal- und Schleusenfans oder für Freunde der Hochseeschifffahrt ist die Stadt ohnehin nur Umkehrpunkt beim Tagesausflug. Dabei bietet sich als Alternative zum Touristenzug ein Mietwagen oder ein Taxi an.

70 Dollar und ein kleiner Lunch

Sie warten geduldig vor jedem Hotel auf Kundschaft, die offiziellen und privaten Taxifahrer. Der Preis für eine zwei- bis dreistündige Fahrt am Kanal ist verhandelbar, 70 Dollar und ein kleiner Lunch für den Fahrer sind angebracht. Dafür kennt er die Kanal-Hot-Spots und hält, wann immer man möchte. Erstmals zugänglich ist der Kanal bei der «Miraflores»-Schleuse. Sie ist mit einer Doppelkammer nicht ganz so spektakulär wie die «Gatún»-Schleuse am anderen Ende des Kanals. Für 8 Dollar gibt es Führungen und sehr viel Information auf der Besucher-Terrasse. In Sichtweite ist auch die Doppelkammer der mittleren Schleuse im Kanalsystem, die «Pedro-Miguel-Lock». Der Verkehr in dieser Schleuse lässt sich sogar von der Strasse aus beobachten. Auch der Zug fährt recht nahe der beiden Schleusen vorbei – doch er hält nicht.

Einen vollständigen Überblick über ein dreistufiges Doppelkammer-Schleusensystem erlaubt die «Gatún»-Schleuse bei Colón. Von einer Tribüne aus lässt sich das spektakuläre Heben und Senken der Hochseeriesen beobachten. Containerschiffe wie die «Hanjin Milano» werden hier in je nur acht Minuten dreimal um je neun Meter angehoben oder abgesenkt als wären es Papierschiffe. Sechs Schiffe können gleichzeitig «verarbeitet» werden – ein beeindruckender Anblick.

Schleusen bereits wieder zu eng

Rund 100 000 Kubikmeter Wasser werden pro Kammer bewegt, zusammen mit einem voll beladenen Schiff der Panamax-Klasse bewältigt so ein Schiff-Lift bis 250 000 Tonnen Masse. Entgegen der landläufigen Meinung, sind es nicht die Elektro-Loks auf beiden Seiten der Kammer, die das Schiff durch die Kammer ziehen. Sie stabilisieren das Schiff, damit es möglichst unzerkratzt an den Betonwänden vorbeikommt. Hinein und und hinaus fährt jedes Schiff mit seinem eigenem Antrieb.

Apropos neuer Panamakanal: Die Inbetriebnahme des erweiterten Kanals und der neuen Schleusen war eigentlich für 2014 – 100 Jahre nach der Eröffnung der Wasserstrasse – vorgesehen. Wegen Schwierigkeiten beim Bau und der Finanzierung dürfte dies jedoch erst in ein paar Jahren der Fall sein. Die neuen Schleusen werden dann für die heute gebauten Containerschiffe der «Maersk-E-Class» (400 × 56 Meter) bereits wieder zu eng sein.


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