«Die Menschen hier sind nicht so übersättigt»

Der Theatermann Jonas Knecht ist in St. Gallen aufgewachsen. 20 Jahre war er Leiter der freien Theaterplattform Konstellationen in Berlin. Ab der nächsten Spielzeit wird er der neue Schauspielchef am Theater St. Gallen.
13. März 2016, 02:35
DAS GESPRÄCH FÜHRTEN BRIGITTE SCHMID-GUGLER UND HANSRUEDI KUGLER, BILDER: RALPH RIBI

Jonas Knecht, Sie haben für dieses Gespräch einen Ort gewählt, der für Sie in der Vergangenheit ein konstantes Reizthema darstellte: Die Theaterräume in der St. Galler Lokremise sind für die freie Szene, zu der Sie selber über zwanzig Jahren gehörten, nur schwer zu haben. Das sorgt oft für Ärger.

Jonas Knecht: Ja, das war tatsächlich oft schwierig. Als freie Truppe, die ihre Produktionen jeweils auch in St. Gallen zeigte, dachten wir: «Wow, so tolle Räume!» Aber wir wussten, es wird teuer, man muss Miete und für die Technik bezahlen. Jetzt bin ich plötzlich auf der anderen Seite. Gleichzeitig schwingt das Problem mit, das mir sehr vertraut ist: Es fehlt nach wie vor an bezahlbaren Aufführungsräumen für die freie Theaterszene.

Wie werden Sie als neuer Leiter des Schauspiels mit diesem Problem umgehen?

Knecht: Momentan ist noch alles offen. Wir diskutieren intensiv über Möglichkeiten, denn mein Herz wird weiterhin auch für die freie Szene schlagen. Es kommen – nicht nur aus dem Kanton St. Gallen – viele Anfragen von Gruppen, die wissen, dass einer aus der freien Szene Schauspielleiter wird. Das weckt Begehrlichkeiten. Sie wollen beispielsweise wissen, ob sie die Lokremise für ein Gastspiel oder für die Endproben bekommen können. Dafür sind wir nicht die richtigen Ansprechpartner.

Das heisst, die Strukturen bleiben die gleichen, die freie Szene bleibt weiterhin aussen vor?

Knecht: Die Frage muss an die Stadt und an den Kanton weitergegeben werden. Es kann nicht sein, dass ich, weil ich als früherer freier Theaterschaffender hier das Schauspiel leiten werde, das alles auszubaden habe. Aber ich werde die Diskussion um ein Haus für die freie Szene weiter anschieben. Begründet auch durch die unzähligen Anfragen. Für mich stellt sich eher die Frage, wie wir neue Plattformen schaffen könnten. Was mich interessieren würde, wäre eine künstlerische und inhaltliche Auseinandersetzung mit der freien Szene im Rahmen von Co-Produktionen, an denen auch Schauspielerinnen und Schauspieler sowie die Dramaturgie des Ensembles beteiligt wären.

Könnte das für das Haus mit einem festen Ensemble nicht auf eine Konkurrenz hinauslaufen?

Knecht: Ich empfinde Co-Produktionen nicht als Konkurrenz, sondern als extrem spannend, und zwar für beide Seiten. Wir sind am Nachdenken, welche Formen es künftig geben könnte. Plädieren würde ich auch für ein kleines Festival, das wir als Theater quasi kuratieren. Wir könnten Produktionen einladen, von denen wir denken, dass das St. Galler Publikum die Chance bekommen sollte, sie hier bei uns sehen zu können. Die Welt in St. Gallen!

Wie kamen Sie eigentlich zum Theater?

Knecht: Ich hatte als Jugendlicher grosses technisches Interesse und wollte eigentlich Beleuchter werden. Auf meine schriftliche Anfrage bei Tobias Ryser vom Figurentheater erhielt ich eine sehr freundliche Einladung, einmal vorbeizuschauen. So fing ich dort als circa 15-Jähriger als Techniker an. Am Stadttheater, wie es damals noch hiess, absolvierte ich Jugendtheaterkurse, schaute mir viele Stücke an und fand es wahnsinnig aufregend, als ich einmal in der Theaterkantine am gleichen Tisch sitzen durfte wie Regine Weingart, die damals eines meiner Idole war. Sie spielte in Maria Stuart. In einer Szene musste sie in einem sehr hohen Türrahmen stehen und sagen: «Man soll mich bitte mir selbst überlassen.» Dann drehte sie sich um, knallte die Türe zu und ging ab. Die Faszination für den hermetischen Raum, wo Dinge behauptet werden, liess mich nie los. Da geht ein Vorhang auf und Leute spielen dir etwas vor. Zu dieser Welt wollte ich immer gehören und ich merkte, dass ich eine gewisse Melancholie verspürte, wenn ich nicht dazugehörte.

Sie gingen später nach Berlin.

Knecht: Sehr viel später. Ich machte eine Lehre als Elektroniker und studierte danach am Technikum in Rapperswil. Doch den Traum vom Theater gab ich nicht auf, machte endlich die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule Zürich und an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, wo ich aufgenommen wurde. Es waren die frühen 90er-Jahre im ehemaligen Ostberlin. Wenn man die Schule betrat, stank es nach WC, alles war heruntergekommen, in den Proberäumen durfte man wegen Asbestgefahr keine Nägel einschlagen. Ein Kulturschock, aber für mich war es genau das Richtige. Ich kam nochmals auf die Welt.

Das klingt fast wie eine Initiation.

Knecht: Ja durchaus – auch ganz persönlich im Sinne meines Coming-outs. Es ging einher mit dem ganzen Prozess des schlummernden, gärenden Theatertraums, den ich lange verdrängt hatte, der aber immer brodelte.

Wie wird Ihr Ensemble in St. Gallen zusammengestellt sein?

Knecht: Das Leitungsteam wird aus den beiden Dramaturgen Anja Horst und Armin Breidenbach und der Hausregisseurin Barbara-David Brüesch bestehen, eine Position die es bisher in St. Gallen nicht gab. Barbara-David Brüesch ist eine spannende junge Frau, die Oper und Schauspiel inszeniert.

Wie viele vom Ensemble haben Sie behalten?

Knecht: Sieben Leute bleiben, neun neue kommen dazu.

Was waren die Kriterien für Sie, ob jemand bleiben darf oder gekündigt wird?

Knecht: Vorauszuschicken ist, dass es bei jedem Wechsel eines künstlerischen Leiters oder einer Leiterin Wechsel gibt im Ensemble. Das gehört zum Beruf, und das wissen auch alle Theaterschaffenden.

Anders gefragt: Was macht einen guten Schauspieler, eine gute Schauspielerin aus?

Knecht: Es gibt keine gültige Antwort darauf, wie man heutzutage «zeitgenössisch» auf der Bühne stehen muss. Doch diese Frage muss immer auch im Zentrum unserer Arbeit stehen. Ich wünsche mir von heutigen Schauspielerinnen und Schauspielern eine sehr offene Bereitschaft für alle Formen der Darstellung. Mit einer gesunden Distanz zu dem, was sie oder er auf der Bühne macht. Dies vielleicht sogar, ohne sprechtechnisch absolut brillant zu sein. Aber ausgehend von einem Nullniveau und auf diesem die Rolle aufbauend. Inhaltlich müssen wir ganz stark an der Frage dranbleiben, wie die Welt da draussen ist, und adäquate Darstellungsformen finden, um diese abzubilden.

Von welcher Welt sprechen Sie?

Knecht: Ich glaube, es ist zuerst diese Welt, die hier ganz unmittelbar um uns herum ist. Oder anders formuliert, mich interessiert, was eine Welt, eine Gemeinschaft im Kleinen wie im Grossen zusammenhält, als Gesellschaft, als Familie, als Paar, aber auch, was es ist, was mich als einzelnen Mensch zusammenhält, damit ich nicht auseinanderfalle.

Was finden Sie an Ihrer alten Heimatstadt St. Gallen spannend?

Knecht: Das, was oft gleichzeitig ein Problem darstellt: das Kleinstädtische. Die Menschen sind hier bei weitem nicht so übersättigt, wie in Berlin oder Zürich. In Berlin geht es um Relevanz, es ist wie auf einem Festival, auf dem alle tanzen, lauter, verrückter, krasser, damit man überhaupt wahrgenommen wird.

Was ist in der Ostschweiz relevant?

Knecht: Das Wort Relevanz bedeutet ja auch, dass etwas eine Bedeutung für die Menschen auch ausserhalb des Theaters, für einen Ort, für eine Region hat. Ich ging vor mehr als zwanzig Jahren nach Berlin. Es ist lustig festzustellen, dass hier heute gewisse Sachen immer noch genau gleich sind, ein sehr wohlgeordneter Betrieb. Bis heute gibt es in der Stadt der Bratwürste keinen Stand, an dem man noch um 22 Uhr eine Bratwurst kaufen kann. Ein anderes Beispiel: Die acht Parkplätze hinter dem Café Blumenmarkt. Man hat es immer noch nicht geschafft, diese zu eliminieren. An solchen Orten würde ich gerne mit einer theatralen Aktion intervenieren.

Wenn man Ihrem Vorgänger Tim Kramer zuhört, hat man das Gefühl, er habe resigniert gerade vor diesem Ansinnen, die behäbige Stadt und ihre Bewohner ein bisschen aufzumischen. Was wollen Sie anders, besser machen?

Knecht: Ob ich etwas anders oder besser kann, weiss ich nicht. Es mag ein Vorteil sein, dass St. Gallen meine Heimat ist, dass ich die Stadt gut kenne und eine Identifikationsmöglichkeit habe, eine Art Hassliebe empfinde. Ich fühle mich einheimisch, auch wenn das teilweise problematisch ist. Würde ich in der deutschen Stadt Hof das Stadttheater übernehmen, ich hätte keine Ahnung, ob sich irgendwo eine schlüpfrige Wand finden liesse, an der ich ausrutschen könnte. Hier rege ich mich auf und an. Es wäre phantastisch, wir könnten mit unserem Theater ein Stücklein zu einem Selbstbewusstsein oder zum Stolz der Bevölkerung beitragen.

Ist die Schliessung des Theaters wegen der bevorstehenden Sanierung ein Kriterium für Ihren Mut?

Knecht: Nein, die Renovation des Theaters, während der das grosse Haus geschlossen sein wird, fällt nicht in meine dreijährige Vertragszeit. Ich habe andere Pläne.

Die da wären?

Knecht: Wir werden – neben den Klassikern, neuen Stücken und dem Autorentheater im grossen Haus und in der Lokremise – eine mobile Bühne einrichten, die überall in der Stadt auftauchen kann. Ein Ort also, der ganz nah an den Menschen dran sein und sich immer wieder verändern wird. Mal bietet er Raum für kleine Inszenierungen, dann wieder wird er temporär als Büro der Schauspielleitung benutzt. Auch ein Barbetrieb oder kleine Mittagskonzerte sind denkbar. Im Idealfall wird die mobile Bühne an verschiedenen Standorten im Kanton auftauchen.

Was werden Sie selbst auf der grossen Bühne inszenieren?

Knecht: Nichts, ausser einer Wiederaufnahme. Ich werde mich ganz auf die Lokremise und die mobile Bühne konzentrieren.


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