«Wir müssen aufpassen, dass wir nicht unglaubwürdig werden»

Bevor der St. Galler Bischof Markus Büchel von der Spitze der Bischofskonferenz abtritt, spricht er über Vitus Huonder – und über die Distanz zwischen der kirchlichen Lehre und der Lebensrealität der Menschen.
06. September 2015, 02:35
Tobias Bär

Bischof Markus Büchel, diese Woche ging ein Bild um die Welt. Es zeigt den leblosen Körper eines Buben, der in der Türkei an Land gespült wurde. Was haben Sie beim Betrachten empfunden?

Bischof Markus Büchel: Das Bild hat mich sehr erschüttert. Ich spüre auch Ohnmacht und Überforderung. Es ist unerhört, dass es ein solches Bild braucht, damit die Menschen emotional berührt werden.

Der Bub stammte aus Syrien. Dort tobt seit Jahren ein höllischer Bürgerkrieg – und dies ist nur einer von vielen aktuellen Konfliktherden. Glauben Sie noch an das Gute im Menschen?

Büchel: Ja, daran glaube ich noch. Wir sind aber immer wieder in einer Negativspirale gefangen, aus der wir schwer wieder herauskommen. Doch gerade in Kriegen bricht aus Menschen viel Gutes hervor. Neben dem eigenen Überlebenskampf sorgen sie füreinander, die gegenseitige Hilfe und Solidarität in Flüchtlingslagern ist ungeheuer.

Als direkte Folge der Konflikte strömen Flüchtlinge nach Europa. Die Bischofskonferenz hat die Flüchtlingshilfe diese Woche zur Christenpflicht erklärt. Was heisst das für die Angesprochenen?

Büchel: Für viele Christen ist das eine grosse Herausforderung. Von einem christlichen Standpunkt aus müssten sie eigentlich sagen: «Öffnet die Türen!» Gleichzeitig sagt ihnen ihre politische Verantwortung, dass nur eine begrenzte Anzahl Menschen aufgenommen werden kann.

Wie hilft die katholische Kirche konkret?

Büchel: Es wird viel gespendet. Man kann sagen, dass das für uns Reiche einfach ist. Aber die Hilfswerke sind auf das Geld angewiesen. Es geht auch darum, die Meinungsbildung hierzulande zu beeinflussen, zu schauen, dass keine Fremdenfeindlichkeit aufkommt. Es ist Aufgabe der Kirche, diesen Tendenzen entgegenzuwirken. Zudem haben wir die Pfarreien und Kirchgemeinden aufgefordert, nach Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber zu suchen. Seit Freitag wissen wir, dass kirchliche Institutionen im Bistum aktuell rund 70 zusätzliche Plätze für Flüchtlinge anbieten können. Ob sie sich dafür gut eignen und ob Bedarf besteht, klären wir in den nächsten Tagen mit den Behörden.

Die Bischofskonferenz hatte sich diese Woche auch mit den Äusserungen des Churer Bischofs Vitus Huonder zum Thema Homosexualität zu befassen. Sie haben sich wenige Tage nach Huonders Vortrag in einem öffentlichen Brief von dessen Worten distanziert. Was hat Sie dazu bewogen?

Büchel: Es war Ferienzeit, eine Stellungnahme der Bischofskonferenz war deshalb nicht möglich. Man musste aber auf die einseitige Auslegung der Lehre durch Bischof Huonder reagieren. Ich habe mich dann für einen offenen Brief an unsere Seelsorger entschieden und dabei einen anderen Ansatz und eine andere Tonalität gewählt.

Huonder hat zwei Stellen aus dem Alten Testament zitiert. Welchen Fehler hat er dabei gemacht?

Büchel: Er hat einen schnellen Sprung gemacht vom Buch Levitikus in unsere Zeit. Das war ein Fauxpas, der nicht hätte passieren dürfen. Bischof Huonder ist Alttestamentler – umso unverständlicher ist es, dass er nicht differenziert hat. Was natürlich nicht geholfen hat, ist der Nachsatz, dass die zitierten Stellen genügen würden, um der Frage der Homosexualität aus der Sicht des Glaubens die rechte Wende zu geben. Dann konnte man auf der Videoaufnahme noch sehen, dass die Leute genau an dieser Stelle geklatscht haben. Dadurch wurde deutlich, in welchem Kontext der Vortrag stattgefunden hat.

Die Affäre zeigt ein Dilemma der Kirche. Homosexuelle Handlungen werden von der Lehre nicht gebilligt. Gleichzeitig hält die Bischofskonferenz fest, die Kirche stehe allen Menschen gleichermassen offen, unabhängig von ihrer Sexualität.

Büchel: Da ist eine Spannung drin, das ist richtig. Aber diese Spannung müssen wir aushalten, in vielen Bereichen. Wenn jemand untreu ist, ist das von der Kirche auch nicht zu billigen. Die Anforderungen der Kirche an den Menschen sind hoch. Aber wir können nicht erwarten, dass der Mensch immer auf diesem hohen Level lebt.

Die Kirche lehnt auch sexuelle Handlungen zwischen Unverheirateten ab. Das zeigt die Distanz zwischen der Lebensrealität der Menschen und der Kirche.

Büchel: Es gibt viele Entwicklungen, die sich noch nicht im Katechismus niedergeschlagen haben. Deshalb ist der Umgang mit Wiederverheirateten und Homosexuellen ja auch ein zentrales Thema der anstehenden Bischofssynode. Gesellschaftliche Veränderungen und neue humanwissenschaftliche Erkenntnisse fordern uns heraus. Wir müssen aufpassen, dass wir mit unseren Glaubenssätzen nicht unglaubwürdig werden.

Vitus Huonder hat bereits früher in diesem Jahr für Schlagzeilen gesorgt, als er die Demission eines Pfarrers forderte, der ein lesbisches Paar gesegnet hatte. Wie würden Sie mit einem solchen Pfarrer verfahren?

Büchel: Wenn eine Eheschliessung simuliert wird, dann wird eine Grenze überschritten. Das Ehesakrament ist nach unserer Lehre Mann und Frau vorbehalten. Wenn aber ein Paar sagt, dass es den Weg miteinander gehen und das gemeinsame Leben auch vor Gott verantworten will, dann können wir den Segen nicht verweigern. Nur haben wir noch kein festgeschriebenes Ritual für entsprechende Segnungsformen.

Sie haben eine neue menschen- und sachgerechte Sprache im Umgang mit Homosexualität gefordert. Was meinen Sie damit?

Büchel: Es geht darum, das Wort der Bibel zu übersetzen. Die Lehre ist sehr erratisch formuliert. Gemäss dem Zweiten Vatikanischen Konzil gibt es aber eine Hierarchie der Wahrheiten, ich darf also gewichten und den Wandel berücksichtigen. Daraus ergibt sich eine Flexibilität in der Auslegung der Wahrheit.

Sie sind ein liberaler Kirchenvertreter. Konservative wie Bischof Huonder sehen das anders.

Büchel: Es gibt jene, die sagen, die Kirche müsse ganz rigoristisch ihre Botschaften verkünden. Dann entwickeln wir uns zu einer kleinen Gemeinschaft. Ich habe eine andere Auffassung: Auch wenn wir keine Volkskirche mehr sind, müssen wir immer eine Kirche für das Volk sein. Wir können die Menschen nicht abholen, indem wir Druck auf sie ausüben. Wir müssten wieder viel stärker eine werbende und alle einladende Kirche werden.

Bevor Sie 2013 Präsident der Bischofskonferenz wurden, haben Sie von der Gefahr einer Spaltung der Katholiken gesprochen.

Büchel: Das hat sich seither eher noch verschärft. Ich beobachte ein Bedürfnis einiger Menschen nach klaren Botschaften und Regeln. Gerade bei Jüngeren ist nicht unbedingt der Inhalt wichtig, sondern der Halt in der Gemeinschaft, wie das bei freien religiösen Gruppen der Fall ist, die oft sehr bibeltreu und fundamentalistisch sind. Ob sie dann danach leben, ist eine ganz andere Frage.

Dafür hat die Kirche mit Franziskus einen Papst, der als Erneuerer gilt.

Büchel: Ich bin überzeugt, dass da der Heilige Geist gewirkt hat. Franziskus ist ein Papst, der öffnet und befreit. Er hat eine grosse Wirkung auf jene, die sich gar nicht mit der Doktrin der Kirche auseinandersetzen wollen.

Ende Jahr endet ihre Zeit als Präsident der Bischofskonferenz. Welches Fazit ziehen Sie bereits heute?

Büchel: Das Amt fiel in eine kirchengeschichtlich sehr bedeutende Zeit. Es gab den Rücktritt von Papst Benedikt, und dann kam mit Franziskus ein Papst mit einer ganz neuen Sprache. Es gab innerkirchliche Spannungen, ich denke dabei beispielsweise an die Pfarrei-Initiative. Aber das zeigt mir auch, dass wir eine Basis haben, die mitgeht, mitdenkt und der die Kirche am Herzen liegt.


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