Unkommod

Pädagogischer Sündenfall

11. September 2016, 10:30
Lukas Niederberger

Der Bundesrat will die Kantone zwingen, Frühfranzösisch auf der Primarschulstufe einzuführen. Dass er ein bestimmtes Schulfach höher einstuft als den Föderalismus, überrascht.

Erstens ist es übertrieben, den nationalen Zusammenhalt am Fremdsprachenunterricht aufzuhängen. Die Schweiz wird durch viele andere Elemente zusammengehalten: durch die direkte Demokratie, die hohe lokale Autonomie, eine ausgeprägte Kultur der Kompromissbereitschaft bei der politischen Entscheidungsfindung sowie den hohen Standard der Wirtschaft. Hinzu kommen typisch helvetische Sekundärtugenden wie Fleiss, Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit. Und schliesslich fühlen sich Rheintaler, Engadiner, Waadtländer und Oberwalliser auch durch Henri Dunant, Roger Federer, Heidi, SBB, Cervelat, Käse, Schokolade und Uhren miteinander verbunden.

Zweitens sollten die Schweizer Landessprachen im Hinblick auf die Kohäsion nicht überbewertet und verklärt werden. Deutsch und Italienisch sind für die Philosophie und Literatur sowie für Theater und Oper zweifellos wichtige Sprachen. Und Französisch war wegen der ehemaligen Kolonien eine Weltsprache. Aber echt völkerverbindend ist nun mal Englisch. Wenn Ärztinnen und Ingenieure, Banker und Chemikerinnen aus Zürich, Genf und Lugano miteinander Englisch sprechen, so empfinden das zwar einige als kulturelle Verarmung und andere als Überforderung. Aber es ist ein Faktum, dass seit 20 Jahren ein Grossteil des Lernstoffs an den Unis in englischer Sprache verfasst ist.

Drittens wird der Zusammenhalt in der Schweiz durch andere Mechanismen und Faktoren gefährdet. Die Wahl- und Abstimmungsanalysen haben aufgezeigt, dass nicht mehr der Röstigraben die tiefste Kluft in der helvetischen Gesellschaft bildet, sondern die Unterschiede bezüglich Bildung, Wohlstand und Urbanität.

Viertens ist die Wirksamkeit des Fremdsprachenunterrichts auf der Unterstufe alles andere als erwiesen. Schüler, die erst mit 13 Jahren Englisch lernen, holen Schüler mit Frühenglisch nach kurzer Zeit ein. Nicht der Lernbeginn, sondern die Lernintensität ist matchentscheidend. In der Schule lernt man Sprachen analytisch, indem man Wörter lernt und Grammatik büffelt. Für Kinder unter 12 Jahren sind aber Grammatik- und Syntaxregeln ein Buch mit sieben Siegeln. Kindern auf der Primarstufe eine Sprache analytisch beibringen zu wollen, ist ein pädagogischer Sündenfall. Man kann aber Schüler von 7-12 Jahren generell für andere Länder und Völker sensibilisieren und dabei ein paar Vokabeln vermitteln, was zweifellos sinnvoll wäre.

Und fünftens genügen auch 4 Wochenstunden Französisch bzw. Deutsch auf der Oberstufe nicht, um uns in der anderen Sprachregion souverän bewegen zu können. Erstreben wir echte Fremdsprachenkompetenz, müssen Jugendliche mit 14 Jahren einen Monat und mit 17 Jahren ein halbes Jahr in der je anderen Sprachregion zur Schule gehen. Und selbst dann leckt auch eine mehrsprachig muhende Kuh die Mentalitätsunterschiede zwischen St. Gallen und Genf nicht weg.


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