Die Wurst macht nicht feiss

Unkommod

05. Mai 2013, 01:34
Lukas Niederberger

Als Mitte April der Kanton St. Gallen als Ehrengast zur heidnischen Zünftlerparade namens Sechseläuten an die Limmat geladen war, las ich erstmals von einem «Senfgraben». Der Ausdruck spielt offensichtlich auf «Röstigraben» an. Geographisch muss diese ominöse Grenze dem Linthkanal, der Töss und der Thur entlang verlaufen. Mit dem kleinen Unterschied, dass hinter diesem Senfgraben keine weitere Landessprache geredet wird, selbst wenn Viktor Giaccobo Albanisch für die Amtssprache von Wil hält. Hinter dem Senfgraben beginnt auch nicht schon Österreich, wie viele Innerschweizer meinen. Der Senfgraben signalisiert vielmehr, dass östlich davon Kalbsbratwürste ohne Senf verspeist werden. Diese Regel habe ich ehrlich gesagt zum ersten Mal vor ein paar Jahren in Luzern vernommen. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Fürstenland und nicht in der Metropole St. Gallen aufgewachsen bin. In Wil haben alle die Kalbsbratwürste mit Senf gegessen. Der Dichter Fridolin Tschudi verfasste einmal eine pathetische Ode an die Bratwurst: «Dein Duft betört mich, knusprig-zartes Wesen. Du Braungebrannte wirst mir bis ans Ende meines Lebens munden!»

Es ist mir natürlich nicht ganz egal, dass meine Heimatregion ausgerechnet durch ihr wurstiges bzw. senfloses Kuriosum bekannt ist. Ein echtes Marketing-Problem. Dass St. Gallen edelste Stickereien exportiert, wissen zwar die Pariser Modeschöpfer. Und manche hegen nach wie vor eine Hassliebe gegenüber Niklaus Meienberg, dem Beinahe-Schwiegersohn von Kurt Furgler. Aber sonst fehlt es neben der Wurst an echt sanggallischen Exportschlagern. Da ich in der Innerschweiz lebe, begegne ich oft Menschen, die in San Francisco und Singapur, Sidney und São Paolo waren, aber noch nie in Sulgen und Schänis, Sargans oder St. Gallen. Für sie hört die Schweiz östlich des Senfäquators auf der Höhe Zürich-Flughafen auf. Die Innerschweizer, ob in Luzern oder Sursee, Weggis oder Meggen, sind felsenfest überzeugt, die schönsten und wichtigsten Orte des Landes und der Welt zu bewohnen. Darum ist es für sie selbstverständlich, dass jede 5.-Primarklassen-Schulreise aus Sommeri, Porrentruy und Martigny sowie jede Europa-in-7-Tagen-Tour die Innerschweiz besucht. Warum aber sollte jemand nach St. Gallen reisen? Bratwürste gibt es auch im Coop von Engelberg, Lungern und Willisau. Bis Innerschweizer in Richtung Bodensee reisen, muss sich Ostschweiz Tourismus echt was einfallen lassen. Conny-Land is ohni Länd. Vielleicht könnte die Ostschweiz den Euro einführen. So würde mancher Zuger in Wil statt Waldshut shoppen. Doch vielleicht entspricht das Wurst-ohne-Senf-Image ja einer listigen Marketing-Strategie der Elite-Uni of St. Gallen, damit die zahllosen Touristen-Busse mit Japanern und Chinesen, Indern und Russen weiterhin Bucherer und Pilatus statt Stiftsbibliothek und Säntis anpeilen. Selbstverständlich ist Lake Lucerne Tourismus nun sehr gespannt, wie sich der neue Botschafter der Stadt Wil, Viktor Giacobbo, auf den Massentourismus aus Afghanistan, Pakistan und Jemen auswirken wird. Vielleicht wird St. Gallen schon bald für seine Biryani, Kebab und Burghul berühmt – selbstverständlich ohne Senf.


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