Der Wortaktivist

Renato Werndli kämpft gegen Bratwürste und Elefantennummern – ja gegen jegliche Degradierung von Lebewesen. Für diese Haltung landete schon Speck ohne Absender in seinem Briefkasten. Das bringt ihn aber nicht von seiner Mission ab.
23. Oktober 2016, 02:35
Text: Sebastian Keller Bilder: Ralph Ribi

Leserbrieflesern dieser Zeitung dürfte der Name bekannt sein: Renato Werndli. Er haut in die Computertasten, wenn in der Zeitung über Zirkus oder Ochs am Spiess berichtet wird. Wenn Artikel über Metzgete, Fischer oder Stierkampf erscheinen. Wird eines dieser Themen angesprochen, kann, ja muss die Zeitungsredaktion mit einem Leserbrief von Werndli rechnen. Seine Meinung zieht sich durch alle seine Zuschriften wie der Rhein durchs Rheintal: Er ist dagegen – mehr noch: Er kämpft leidenschaftlich dagegen an.

Wer steckt hinter den Zeilen? Wer ist dieser Mann, den viele für einen Spielverderber halten? Was treibt ihn an? Werndli wohnt und arbeitet in Eichberg im St. Galler Rheintal. Die Gemeinde mit 1500 Einwohnern liegt in der Nähe des Städtchens Altstätten, am Fusse des Hohen Hirschbergs. Die Fläche des Tals geht in die sanfte Hügellandschaft über, wo St. Galler- und Appenzellerland aneinander stossen. Ein Rebberg deutet auf viele Sonnenstunden hin.

Ihm geht es ums grosse Ganze – vor Hunden fürchtet er sich

Werndlis Arbeits- und Wohnhaus steht am Dorfeingang Eichbergs. «Doktor Werndli ist im Sprechzimmer», sagt seine Mitarbeiterin und bedeutet den Gästen, in dieses einzutreten. Die Hausarztpraxis ist am Dienstagnachmittag geschlossen; dafür am Samstagmorgen geöffnet. Medizinische Fachliteratur findet sich in den Regalen, Modelle von Nieren, Lungen und anderen Organen stehen in einer Reihe wie Kunden vor einer Ladenkasse. Durch ein Skelett aus Kunststoff schimmert die Sonne. Die typische Praxis eines Allgemeinmediziners, wie sie im ganzen Land zu finden ist. Weniger typisch ist der Mann, der darin arbeitet.

«Ich bezeichne mich als Tierrechtler», sagt Renato Werndli. Er trägt graue Hosen, graues Hemd, einen schwarzen Gürtel, Glatze. Von der Statur her ist er eher Marathonläufer als Bodybuilder. Im Gespräch zeigt sich rasch: Werndli hat keine emotionale Bindung zu Tieren. Vor Hunden, die ihm auf dem Trottoir begegnen, fürchtet er sich. Ein Haustier hatte er nie, wollte er nie. Den Drang, eine Katze zu streicheln, kennt er nicht. Ihm geht es um das grosse Ganze: «Keine Art soll über die andere bestimmen dürfen», sagt er. Das ist seine Botschaft. Das Fundament all seiner Anstrengungen. Deshalb kämpft er gegen Fleischkonsum, Tierversuche, gegen alles, was seiner Ansicht nach das Tier zu einem Wesen zweiter Klasse degradiert. Den Begriff Nutztier, wie Schweine und Kühe genannt werden, lehnt er ab. «Diese Tiere werden nur gezüchtet, damit die Menschen einen Gaumenkitzel haben», sagt Werndli.

Auf solche Freuden verzichtet er. In eine Bratwurst hat er seit mehr als dreissig Jahren nicht mehr gebissen, seit fünf Jahren verzichtet er auf alle tierischen Produkte, isst also keine Eier und trinkt keine Milch. «Mir mangelt es an nichts», sagt der Arzt. Einzig das Vitamin B12 nimmt er als Tabletten zu sich. Er lässt sich dann aber doch entlocken, dass ihm Fleisch und Käse rein geschmacklich zusagen würden – seine Moralvorstellungen verderben ihm aber den Appetit darauf. Er propagiert den Veganismus weniger aus gesundheitlichen als aus tierethischen Motiven.

Kochen und essen zählt er ohnehin nicht zu seinen Leidenschaften. «Ich habe nicht mal eine Küche», sagt Werndli und zuckt mit den Schultern. Er ernährt sich des öfteren mit Fertigprodukten. Diese kauft er quasi bei sich selber ein. Er hat einen bio-veganen Laden in Werdenberg übernommen. «Hätte ich ihn nicht gekauft, hätte er geschlossen werden müssen», sagt Werndli. Der Laden wirft zu wenig ab. Es ist nicht das erste Mal, dass er Privatvermögen investiert. Im Januar 2013 hatte er ein Lokal im grenznahen Dornbirn eröffnet: Die Charity-Bar wollte mit dem Reingewinn soziale Institutionen auf Schweizer und Vorarlberger Seite des Rheins finanziell unterstützen. Doch die Bar lief schlecht, zu schlecht. Im Sommer 2015 war Lichterlöschen.

Werndli ist ein ruhiger Mensch, er spricht leiser als die meisten. Das zwingt das Gegenüber zum Zuhören. Seine Körperhaltung unterstreicht diese Ruhe noch: Die Hände hält er meist verschränkt vor sich auf dem Tisch. Von aggressivem Poltern – wie von anderen Aktivisten bekannt – ist bei ihm nichts auszumachen. Seine Waffen sind die stillen. Worte, Argumente, Fakten. So sagt er beispielsweise: «Pro Sekunde müssen 5500 Tiere auf der ganzen Welt nur für den Menschen sterben.» Eingerechnet sind Fische. «Aber auch die sind leidensfähige Wesen.»

Seine gesamte Freizeit opfert er für die Sache

Wegen der hohen Anzahl «Opfer» bezeichnet er die Nutztierhaltung als grösstes Problem. Gefolgt von Tierversuchen. Auf Platz drei sind Tiernummern im Zirkus. Dem Kampf für die Rechte der Tiere opfert er seine gesamte Freizeit. 20, 30 Stunden pro Woche. Er verteilt Flyer, demonstriert, sammelt Unterschriften für Petitionen, Referenden, Initiativen. Und eben die Leserbriefe, «die mir leicht von der Hand gehen». Dazu gesellen sich Sitzungen in verschiedenen Organisationen. Seine derzeit wichtigsten sind der Verein Tier im Fokus und die Liga gegen Vivisektion. Letzteres ist der Fachausdruck für den Eingriff am lebenden Tier zu Forschungszwecken.

Im nächsten Jahr wird Renato Werndli wieder Wochenende für Wochenende mit einem Kugelschreiber bewaffnet auf der Strasse sein. Er und seine Mitstreiter wollen Unterschriften für eine nationale Initiative sammeln. Die Forderung: Ein komplettes Tierversuchsverbot in der Schweiz, gekoppelt an ein Importverbot für Produkte, die aufgrund von Tierversuchen hergestellt wurden. 100 000 Unterschriften für eine derart extreme Einschränkung zu sammeln, sind ein ambitioniertes Ziel; eine Partei wird sich kaum für dieses Vorhaben einspannen lassen. Das weiss auch Werndli. «Doch», sagt er, «wir müssen es thematisieren.» Die eidgenössische Volksinitiative «zur Abschaffung der Tierversuche» lehnte das Volk 1993 mit 72,2% Nein-Stimmen wuchtig ab. Der 63-Jährige ist aber überzeugt: «Tierversuche sind schlimm und dazu noch nutzlos.» So schrieb er jüngst in einem Gastkommentar: «Es gibt immer mehr Hinweise, dass durch die meist fehlende Übertragbarkeit der Erkenntnisse von Tieren auf den Menschen die Forschung sehr oft fehlgeleitet wird.» Viel mehr Erkenntnis könne man durch sorgfältige Beobachtung von Kranken, durch Autopsien und durch epidemiologische Studien erfahren. Werndli war selber einmal ein «Versuchstier». Er finanzierte sein Medizinstudium mit der Einnahme verschiedener Medikamente, welche die Pharmaindustrie an ihm testete. «Ich habe Tabletten genommen, und wusste nicht mal wofür», sagt er. Bleibende Schäden glaube er nicht davongetragen zu haben. Dann und wann war ihm schwindlig geworden.

Renato Werndli ist ein Freund der Legalität. Er schreibt lieber in hohem Takt Leserbriefe, im Schnitt zwei pro Woche, als in Versuchslabors einzubrechen. Solche illegalen Aktionen verteufelt er aber nicht. «Sonst kämen die Missstände nie ans Licht», sagt er.

Unlängst kam er dennoch mit den Gesetzeshütern in Konflikt. Ungewollt. Als er mit Gleichgesinnten auf dem Flughafen Basel-Mulhouse gegen die Air France demonstrierte. Die Aktivisten kreiden der französischen Fluggesellschaft an, dass diese nach wie vor Affen zu Versuchslabors fliege – und somit Tierversuche unterstütze. Die Behörden hatten keine Bewilligung für die Protestaktion ausgestellt, doch die Gruppe demonstrierte trotzdem – rief Parolen und hielt Plakate in die Luft. «Dann hat uns die Polizei aufs Revier gebracht», erzählt Werndli. In der Einvernahme drohten die Polizisten, dass er vor Gericht geladen werde. «Davor habe ich schon etwas Angst», sagt Werndli und zuckt leicht zusammen. Ihm graut vor einem französischen Gefängnis. Eine Busse würde er bezahlen – sofort. «Obwohl ich finde, dass wir nichts Unrechtes getan haben.» Sein Engagement für die Tiere hat während seines Medizinstudiums begonnen. Die Organisation Ärzte gegen Tierversuche hat er mitbegründet. Der Kampf für die Tierrechte liess ihn nicht mehr los. Sein Engagement wuchs über die Jahre. In seinem Elternhaus, im aargauischen Wohlen, waren Tierrechte kein Thema, Fleisch kam auf den Teller, so selbstverständlich wie in den meisten Schweizer Haushalten. Der Vater war kaufmännischer Angestellter, die Mutter Hausfrau.

«Ich weiss, dass manche mich als Spielverderber bezeichnen»

Jüngst tauchte sein Name ausserhalb der Leserbriefspalten in der der Zeitung auf: «Renato Werndli, SP (neu)», war im «Rheintaler» zu lesen. Er wurde in die Geschäftsprüfungskommission der Primarschule Eichberg gewählt. Werndli sagt, es sei wichtig, dass er auch in einer politischen Partei mitarbeite. So präsidiert er die SP des Wahlkreises Rheintal. Doch auch in der Partei setze er sich primär dafür ein, dass die Tiere mehr Rechte erhalten. «Das geht in der SP am besten», sagt er. Seit rund vier Jahrzehnten ist er Sozialdemokrat.

Bei der Wahl erzielte er kein Glanzresultat, er bekam die wenigsten Stimmen aller Kandidaten. Das deutet darauf hin, dass mit seinen Ansichten nicht alle in Eichberg etwas anzufangen wissen. «Ich weiss, dass manche mich als Spielverderber bezeichnen», sagt Werndli und fügt mit einem gequälten Lachen an: «Das tue ich manchmal auch selber.» Es hätten auch schon Bauern ihre Krankenakten abgeholt, weil sie sich nicht mehr von ihm behandeln lassen wollten. Damit könne er leben. Andere schickten ihm anonym Speck und andere Fleischstücke per Post zu. Wieder andere schrieben ihm, er solle Ruhe geben. «Aber das hält mich nicht davon ab, weil ich glaube, im Recht zu sein», sagt Werndli. Er ist sich bewusst, dass er sich mit seinen Aktivitäten fast nur Nachteile schafft. Doch das nimmt er für seinen Kampf für mehr Tierrechte in Kauf. Dafür schreibt er weiterhin in hohem Takt Leserbriefe.


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