Olga allein im Kunstdschungel

Olga Titus stammt aus Sulgen und macht sich in ihrer Einzelausstellung in Arbon Gedanken darüber, wie man eine ideale Künstlerin wird. Sie tut das mit viel Witz, Selbstironie und einer guten Prise Kitsch.
09. Juni 2013, 01:35
CHRISTINA GENOVA

Die dunkeln Kulleraugen von Olga Titus blicken treuherzig, ja flehentlich; ihr Augenaufschlag ist herzzerreissend. «Bitte, bitte kauf mich», scheint sie mit jedem ihrer Blicke sagen zu wollen. Als Videoporträt steckt die Künstlerin in einem goldenen Rahmen und hat sich mit Hütchen und Kleid schick gemacht. Aus dem Bild heraus betreibt sie aktive Verkaufsförderung – denn jeder Betrachter ist schliesslich ein potenzieller Käufer.

Zwei Brotjobs

In ihrer neuen Videoarbeit, die neben dem Eingang der Kunsthalle Arbon hängt, beschäftigt sich Olga Titus selbstironisch mit den Mechanismen des Kunstbetriebs. Wie der Titel ihrer dort gestern eröffneten Einzelausstellung «Ideal Artist» andeutet, geht es dabei unter anderem um die durchaus ernsthafte Frage, wie sehr man sich als Künstlerin zu Markte tragen muss, um Erfolg zu haben.

Wohl wünscht sich jeder Künstler, von seiner Kunst leben zu können – doch nur den wenigsten gelingt es. Auch Olga Titus hat es noch nicht geschafft, obwohl sie eine rege Ausstellungstätigkeit vorweisen kann und immer wieder mal Preise und Stipendien einheimst. Im Jahr 2009 bekam sie den Adolf-Dietrich-Förderpreis der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Die 1977 geborene Künstlerin hat zwei Brotjobs. Am Flughafen Zürich ist sie für die Begleitung von Passagieren zuständig, ausserdem arbeitet sie im Malatelier einer Kindertagesstätte.

Auf dem Weg vom Bahnhof Arbon zur Kunsthalle begrüsst Olga Titus alle Passanten mit einem freundlichen «Grüezi» und erklärt: «Das macht man so hier auf dem Land.» Zwar wohnt Olga Titus seit sechs Jahren in der Stadt Winterthur, zuvor hat sie vier Jahre in Luzern an der Hochschule Kunst studiert – aber gelernt ist gelernt: Die quirlige Künstlerin mit Jahrgang 1977 ist in Sulgen aufgewachsen. Sie hat eine Schweizer Mutter, einen malaysischen Vater und indische Grosseltern. Deren Heimat übt eine grosse Faszination auf Olga Titus aus – dreimal lebte sie schon für längere Zeit in Indien; im März ist sie von einem dreimonatigen Atelieraufenthalt in Varanasi zurückgekehrt. Viele indische Anklänge finden sich auch in der Arboner Kunsthalle-Ausstellung.

Bollywood und Wunderland

Olga Titus geht in ihrer künstlerischen Arbeit stark von der eigenen Biographie aus, in zahlreichen Werken setzt sie sich mit ihrer multikulturellen Identität auseinander. Es entstanden Videos wie «Bollywood und Trachtentanz» von 2005, wo in sich überlagernden Bildern und Klängen zwei Bollywood-Schauspieler und ein Paar in Tracht gegeneinander antanzen – ein «Clash of Civilisations» der anderen Art. Oder ihre Arbeit «Chuchichäschtli», die aus einem mit Krimskrams aus aller Welt angefüllten Küchenschrank besteht. Vor Kitsch und Trash zeigt die Künstlerin keine Scheu, sondern pflegt einen äusserst lustvollen Umgang damit.

In den letzten Jahren hat Olga Titus ihre Selbstbefragung ausgedehnt auf ihre Identität als Künstlerin. In der Ausstellung stellt sie die verschiedenen Rollen, in welche sie als Künstlerin schlüpft, mit überlebensgrossen Pappfiguren ihrer selbst dar: Mal ist sie Abenteurerin, mal Intellektuelle, mal das naive Mädchen, mal Bohémienne.

Olga Titus, die in ihren Videos viel Witz und beachtliches schauspielerisches Talent zeigt, liebt die Selbstinszenierung. Das zeigt sich auch bei ihrer neuen Videoarbeit «Wild Artist». Sie nimmt darin lustvoll die Gattung des «Homo artifex» auf die Schippe und spielt mit dem Klischee des Künstlers. Das typische Weibchen des «Homo artifex» bleibe morgens gerne etwas länger liegen, heisst es etwa darin. Danach mache es sich auf, «willige Kuratoren zu bezirzen». Wie immer in ihren Videos ist Olga Titus die Hauptdarstellerin: «Ich filme mich immer selbst, weil ich mich sonst geniere.»

Das Video ist voll mit Anspielungen auf den Dschungel des Kunstbetriebs, mit all seinen ungeschriebenen Gesetzen. Zu den grössten Todsünden gehöre es zum Beispiel, sein Dossier ungefragt an eine Galerie zu senden, erklärt Olga Titus: «Aber ich habe es auch schon getan.»

Olga Titus zeigt in Arbon, dass sie als Künstlerin mit verschiedenen Medien umgehen kann. Collage-, Video- und Soundarbeiten sind dort zu finden. Gerne würde sie demnächst eine raumgreifende Arbeit entwickeln – einen Raum wie bei «Alice im Wunderland», der die Menschen zum Staunen bringt: «Am liebsten möchte ich sie mit meiner Kunst ummanteln.»

Ideal Artist – Olga Titus, Kunsthalle Arbon bis 14. Juli 2013, www.kunsthallearbon.ch


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