Marathon auf dem Höhenkamm

Ihre Auftritte werden seltener, als Belcanto-Spitzenreiterin ist Edita Gruberova nicht mehr unantastbar – umso erstaunlicher ihr Galakonzert im ausverkauften Theater St. Gallen.
01. November 2015, 02:35
BETTINA KUGLER

ST. GALLEN. «Wollen Sie noch einmal Linda hören?» Leise, geradezu scheu fragt Edita Gruberova in den bis zum letzten Platz besetzten Saal hinein; wie ein junges Mädchen beim ersten Vorsingen. Als sei sie überrumpelt vom anhaltenden Applaus, den stehenden Ovationen, den Bravo!-Rufen. Als habe sie nicht schon einen wahren Langstreckenlauf an Koloraturen hinter sich, in Höhenlagen, wo die Luft auch dann schwindelerregend dünn wird, wenn man dreissig Jahre jünger ist als sie. Einen Parcours durch fünf Belcanto-Opern mit Heldinnen ganz unterschiedlicher Bauart, plus Zugabe. Die Liù aus Puccinis «Turandot» gelingt Edita Gruberova nach allem, was sie zuvor hingelegt hat, herzergreifend schön.

Am Ende ist sie warmgesungen

Eine rhetorische Frage also! Zumal eine jahrzehntelang für ihre unschlagbare Perfektion gefeierte Koloraturenkönigin wie die Gruberova sich mit der ersten Version der Arie aus Donizettis «Linda di Chamounix», die sie zum Auftakt ihres Galakonzerts im Grossen Haus des Theaters St. Gallen gesungen hat, schwerlich zufrieden geben kann. Angespannt wirkte sie da, beherrscht und hochkonzentriert – jede Phrase kontrolliert, ein Seiltanz auf Stimmbändern. Was fehlte, war die Gelöstheit, mit der Edita Gruberova ihre beseelte Artistik immer noch zu entfalten vermag. Die zweite «Linda», die Zugabe, sang sie so, als sei alles zuvor eigentlich nur Warming-up gewesen.

Mut zum Scheitern

Zur Erinnerung: Edita Gruberova ist 68. Doch von ihrem Leib- und Seelenrepertoire, den Opern von Donizetti und Bellini, mag sie nicht lassen. Was ihr an müheloser Technik und Brillanz abhanden kommt, macht sie mit Ausstrahlung und Mut zum Scheitern wett. Das ist überaus sympathisch in einer hochtourig laufenden, auf Jugend fixierten Opernwelt. Also verzeiht man ihr gelegentliche Schärfen bei den Spitzentönen, staunt darüber, wie souverän sie damit umgehen kann, wenn ihre absolute Treffsicherheit sie stellenweise im Stich lässt. Sie weiss sich getragen vom Sinfonieorchester St. Gallen, zumal am Pult der ihr bestens vertraute Slowake Peter Valentovic steht. Und sie kennt Wonnen und Fallstricke ihrer Partien durch und durch. Allein die Titelrolle von Donizettis «Lucia di Lammermoor» hat sie Hunderte Male gesungen. Eine blutjunge Frau, die dem Wahnsinn verfällt: bei Edita Gruberova sieht man die geisterhafte Szene aus dem 3. Akt wie im Rückspiegel. Wie an zwei Orten zugleich ist sie: mimisch und mit jeder Faser auf der Opernbühne, wo sie in dieser Rolle Triumphe gefeiert hat, und im Konzertsaal – das Zwiegespräch mit Soloflötist Marc Fournel wird da delikate Kammermusik auf Augenhöhe.

Fünfmal hebt sich der imaginäre Vorhang, fünfmal rollt das Sinfonieorchester St. Gallen Edita Gruberova den roten Teppich aus, und schon ist sie in einer anderen Geschichte, verkörpert eine andere tragische Frauenfigur. Ihnen aus dem Nichts ein Gesicht zu geben, ihre emotionalen Erschütterungen aus dem Gesang zu meisseln und damit das Publikum von der Momentaufnahme in eine Geschichte zu ziehen, ist grosse Kunst – und Ausdauersport.

Thaïs, schlank und innig

Dazwischen reihen sich Ouverturen wie Perlen einer Kette: von Rossinis auf Zehenspitzen tänzelnden «Barbiere» über Donizettis «Don Pasquale» mit schönen Bläserfarben, über «Roberto Devereux» bis hin zu Bellinis «Norma», deren tragisches Ende sich nicht ahnen lässt, so sanglich leicht entfaltet Valentovic das Vorspiel. Nicht zu vergessen die «Méditation» aus Massenets «Thaïs», schwebend, ohne Schwulst: Konzertmeister Igor Keller verbindet im Violinsolo Innigkeit mit schlankem Ton, während Edita Gruberova noch einmal durchatmen kann. Vor ihrem ausgedehnten Endspurt.


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