Ein Kunst-Glücksfall am See

Die Kunsthalle Arbon feiert ihr 20-Jahr-Jubiläum. Der weit über die Region hinaus bekannt gewordene Ort für zeitgenössische Kunst befindet sich im 1966 geschlossenen alten Metall-Presswerk von Friedrich August Schädler.
01. September 2013, 02:35
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

ARBON. Die Kunstschaffenden, die seit zwanzig Jahren die alte Industriehalle bespielen, wären vermutlich ins Schwärmen geraten, hätten sie Einblick nehmen können in den Arbeitsalltag des früheren Presswerks. Der 1954 verstorbene Besitzer der Fabrik, Friedrich August Schädler, hatte sich als kreativer Erfindergeist hervorgetan. Sein Flair für moderne Architektur, für Eleganz und Ornamentik zeigt sich auch in der im Originalzustand belassenen, um 1920 in Betrieb genommenen Halle. Schädler stellte Metallteile für Saurer-Stickmaschinen her. Er entwarf und baute aber auch Schränke, Gartenstühle und -tische aus Metall und, wie Hans Geisser, Konservator des Historischen Museums im Schloss Arbon, weiss, sogar den Prototyp eines Fertighauses aus Metallelementen.

Feuerwehrdepot, Wasser- und Elektrizitätswerk, Zivilschutzanlage, Vergnügungszentrum. Alle diese Nutzungsmöglichkeiten waren diskutiert worden, nachdem der Sohn von Friedrich August Schädler die Fabrikgebäude 1966 der Ortsgemeinde verkauft hatte. Einigen konnte man sich nicht. Die Fabrikhalle diente mal als Magazin, mal als Vereinslokal, dann wieder als Baubüro. 1993 gab man dem Verein Kunsthalle Arbon das Zepter in die Hand. Ein Team von Kunstsachverständigen beweist seither einen bemerkenswert differenzierten Umgang mit den nicht gerade einfachen Gegebenheiten der riesigen Halle mit den Oberlichtern, dem asphaltierten Boden, den für die damalige Zeit sehr innovativen Stahl-Torfmull-Wänden, den Rissen und Löchern. Es zeichnete sich bald ab, dass grossräumige Installationen und Skulpturen im experimentellen Bereich den «Groove» des Raumes am besten aufnehmen.

Kunst mit Trennwänden

Vor zehn Jahren fand mit «Fokus» der Rückblick auf die erste Dekade statt. Nun sind in einer zweiten Gesamtschau fast alle 40 Beteiligten der vergangenen zehn Jahre vertreten. Wenn sonst das gesamte Volumen der 600 Quadratmeter grossen Halle zur Verfügung steht, liegt die Herausforderung nun in der Beschränkung: Gerade mal einen Quadratmeter Fläche steht den einzelnen Kunstschaffenden zu. Dafür wurden die einzelnen «Abteilungen» mit einer Holzpaneele bestückt, dessen Verwendungszweck aber allen frei stand. Was in der Vorstellung etwas befremdlich wirkt, weil solche Trennelemente die meist leidigen Accessoire von Messen sind, stellt sich hier als reiner Glücksfall heraus – so vielseitig und mutig werden diese Holzplatten in Beschlag genommen. Die einen brauchen sie tatsächlich als Wand oder als Tisch; andere haben sie zerstückelt, zersägt und als Installation gleich zur Kunst gemacht.

Auf dem wie ein Kreuzworträtsel eingeteilten Plan, der den Weg durch die Ausstellung aufzeigt, begegnet man vielen Bekannten. Andy Storchenegger, der vor zwei Jahren unter dem Titel «Trügerische Inseln» in seiner Videoarbeit der punktsymmetrischen Linie von der Schweiz bis ins Königreich Tonga im Südpazifik folgte, verrammelt seine Holzteile in ein «Shangri-La». Auch das ein fiktiv-paradiesischer Ort; in Arbon, durch ein feines Gitter einsehbar, ist der Kubus bestückt mit Pflanzen und Orangenschnitzen für die lebenden Schmetterlinge, die sich während des Transports teilweise im Raum «verflüchtigten» und sich nun, als wär's ein Omen, auf dem Handrücken der Besucherin niederlassen. Ursula Palla benützt das Holzbrett als Halterung für den Projektor: Ihre Ente watschelt als dunkler Schatten an der Wand gegen die Strasse und den See hin, nur die plastisch geformten Füsse haben den Boden der Halle erreicht – oder sind hier zurückgeblieben.

Gesellschaftskritisch

Der leisen Melancholie dieser beiden Arbeiten setzt das Künstlerduo Bildstein/Glatz «Die grosse Kreuzung» entgegen. Sie bauten aus ihren Holzbrettern ein Floss und bestückten es mit dem helvetischen Banner. «Soweit das Budget reicht», hiess ihre vor vier Jahren am Seeufer konstruierte Holzskulptur – eine von Witz und Ironie strotzende Persiflage auf Bauwut und Fernweh.

Das Künstlerduo ganzblum hatte im Jahr 2010 die Halle mit grünen Gemüsekisten bis unters Dach zum Tempel umgebaut. Für die Jubiläumsausstellung schnitzten sie «Fratzen» aus verdorrten Ananas – auch dies ein Wink an die (un-)heilige Verbrauchergesellschaft. Daneben steht das gezimmerte Plumpsklo, das «Klosett» von Reto Leibundgut mit ins Holz geschnitzten Kontaktanzeigen obszönen Inhalts, wie man sie in heutigen öffentlichen Toiletten bisweilen liest. Vielleicht schauen die drei Mädels «Me, Myself an I» des Künstlerkollektivs Mickry 3 deshalb etwas verdattert in die Welt...

Bis 22.9.; öffentliche Führung: 14. 9.,

16 Uhr; offen Mi bis Fr 17 bis 19 Uhr; Sa und So 14 bis 17 Uhr, Kunsthalle Arbon


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