Der Baron, der die Welt verändern wollte

Auch im zwanzigsten Jahr als Theatermacher ist Oliver Kühn seiner Maxime treu geblieben. Er will Geschichten dort zeigen, wo sie stattfanden. Darum führt er in diesem Sommer sein neuestes Stück «Barone Utopia» mit Gilles Tschudi im Puschlav auf.
15. Juni 2014, 02:35
TEXT UND BILDER: MICHAEL HUG

ST. GALLEN/POSCHIAVO. Theater, und zwar jetzt! Wenn Theatermacher Oliver Kühn darauf angesprochen wird, warum er schon zum zweitenmal ausgerechnet im Puschlav eine Theaterproduktion auf die Beine stellt, antwortet er mit seiner Vision: «Man muss die Geschichten dort spielen, wo sie stattgefunden haben.» Darum heisst auch sein Theaterbetrieb ganz einfach: Theater Jetzt! In diesem Jahr feiert er das 20-Jahre-Jubiläum. Nicht in Sirnach, woher er stammt, und nicht in St. Gallen, wo er wohnt, sondern mit dem Stück «Berlingen 14» am Untersee und mit «Barone Utopia» im Puschlav.

Einst der Palazzo Massella

Die Geschichte des Bündner Adligen Tommaso Francesco Maria de Bassus (1742–1815) hat sich im Puschlav des ausgehenden 18. Jahrhunderts abgespielt. Noch heute trifft man in Poschiavo auf den Baron. Zum Beispiel im Hotel Albrici am Dorfplatz, das als Palazzo Massella einst Familienbesitz war. Hier standen die Druckmaschinen, mit deren Erzeugnissen Barone de Bassus die Welt verändern wollte. Kühn spricht von einem Aufklärer: «Er wollte der Menschheit eine Alternative konstruieren.» Überliefert ist, dass in dieser Druckerei, auf Veranlassung des Barons, Goethes «Leiden des jungen Werthers» in der italienischen Fassung gedruckt wurde. Das Buch wurde ein Erfolg, im Gleichschritt stieg auch des Barons Stern. Er wurde Gemeindepräsident und erbte in Bayern ein Schloss. Gestärkt durch Geld und Position, wollte Barone de Bassus mehr – doch er scheiterte tragisch.

Profis und Laien

Seit 20 Jahren inszeniert Oliver Kühn an Originalschauplätzen. Zum zweitenmal nach dem «Bernina Express 65» im Jahr 2006 diesen Sommer wieder im Puschlav. Die Freilichtbühne zu «Barone Utopia» steht nicht auf dem Dorfplatz, sondern eben genau da, wo die Hauptfigur, deren Schicksal nun aufgerollt wird, gelebt hat: im Hof des Hotel Albrici. Doch beim Ensemble zieht Kühn diesmal neue Fäden auf. Er lässt Profis auf Laien treffen. Bei dieser Produktion sind es Simona Hofmann und Gilles Tschudi sowie die Laienschauspielerinnen und -schauspieler des örtlichen Theatervereins Filodrammatica Poschiavina, in deren Reihen auch Laien aus dem benachbarten italienischen Tirano spielen. Gesprochen wird im Stück in beiden Sprachen. Die Zuschauenden hüben wie drüben werden die Handlung jedoch problemlos verstehen, beruhigt der Regisseur. Er erinnert sich gerne an den «Bernina Express 65» im Sommer 2006: «Ich war erstaunt, wie viele Deutschschweizer den Weg ins Puschlav gefunden haben.» Jetzt also die Geschichte des Barons: «Ich mag diese Gegend, und ich bin deshalb immer wieder gekommen. Eines Tages trug mir ein Poschiaviner die Geschichte zu. Es war mir sofort klar, dass ich sie hier spielen lassen muss.»

Türen geöffnet

Doch einfach so fällt eine Theaterproduktion ihm auch nach zwanzig Jahren nicht in den Schoss. Um die finanziellen Grundlagen zu schaffen, musste Kühn richtig ran, sagt er: «Da hängst du dich halt ans Telefon und kämpfst um jeden Beitrag.» Der damalige Erfolg hat ihm gewisse Türen leichter geöffnet. Diesmal konnte er die lokalen Gewerbler und Banken schneller überzeugen. Auch weil die Sponsoren untereinander äusserst eng vernetzt sind und vom positiven Effekt in vielerlei Hinsicht überzeugt waren. Stellvertretend für die Geldgeber aus dem Dorf steht Hotelier Claudio Zanolari: «Es war letztes Mal ein toller Erfolg für unseren Tourismus. Wir können solche Sachen nur begrüssen.» Im 4000-Seelen-Dorf Poschiavo sind 14 ausverkaufte Vorstellungen ein nicht vernachlässigbarer wirtschaftlicher Faktor. Einfach zur Abendvorstellung hin- und danach wieder nach Hause fahren liegt bei fünf bis sechs Stunden Anreisezeit mit dem Zug aus der Ostschweiz nicht drin. Da bleibt man für eine Nacht.

Einen neuen Ort bespielen

Für die Proben zu «Barone Utopia» ist auch der Basler Mime Gilles Tschudi für einige Tage im Puschlav abgestiegen: «Als Schauspieler liebe ich Abenteuer, und ausserdem reizt mich die Idee, einen Ort zu bespielen, der dafür nicht gedacht ist.» Dass das Projekt ihm als bekanntem Schauspieler wahrscheinlich nicht zu weiterem Ruhm verhelfen wird, lässt Tschudi kalt: «Nein, der Ruhm steht nicht im Vordergrund. Es ist so, dass ich vor allem Lust habe, etwas zu machen. Es hat sich halt ergeben, dass das Eine dem äusserlichen Ruhm förderlich war, das Andere weniger. Es gibt auch noch den Spassfaktor, und der ist hier doch sehr gross.»

«Barone Utopia» hat Premiere am 21. Juni in Poschiavo; weitere Vorstellungen: www.theaterjetzt.ch


Leserkommentare

Anzeige: