Das Alltägliche leicht verrückt

Jan Kaeser hat für die Kunsthallen Toggenburg in der einstigen Textilmetropole Wattwil eine Klostermauer zum Flattern gebracht. Die temporäre Installation, die aus rund achtzig Tüchern besteht, überzeugt durch ihre Präzision und ihre Offenheit.
08. November 2015, 02:35
CHRISTINA GENOVA

WATTWIL. Stell dir vor, es ist Vernissage, und es gibt keine Kunst. So geschehen am 19. September bei der Eröffnung der neuen Ausstellung der Kunsthallen Toggenburg in Wattwil. «Das war ein Moment, den ich genossen habe», erzählt Jan Kaeser und schmunzelt. Die Erwartungen der Leute zu unterlaufen, das gefällt dem St. Galler Künstler, dessen subtiles Projekt die Jury aus 17 Eingaben einstimmig auswählte. Es ist die zehnte Ausstellung, welche der Verein Kunsthallen Toggenburg unter dem Namen «arthur» organisiert.

Was die Mauer möchte

In den letzten Jahren ist es Jan Kaeser immer wieder gelungen, sein Publikum zu verblüffen und zu irritieren, doch niemals stösst er es vor den Kopf. Zum Kantonsjubiläum 2003 brachte er die St. Galler Kathedrale als Heissluftballon zum Fliegen; an einer Museumsnacht leuchteten die St. Galler Stadtbusse innen plötzlich rot.

Nach der Eröffnungsfeier in Wattwil hängte Jan Kaeser die ersten acht weissen Tücher seiner Installation «Bewegen» an die Mauer des ehemaligen Klosters St. Maria der Engel, das hoch über Wattwil thront. Das weisse Mauerband ist weitherum sichtbar. Das Publikum konnte das Geschehen vom Bräkerplatz über ein Fernrohr beobachten.

Seither ist dank der Tücher ein Mauerabschnitt nach dem andern merklich weisser geworden. Es ist die Annäherung an einen Zustand, der im Frühling eintreten wird. Dann wird die verwitterte Mauer restauriert; ihre Risse werden verputzt und sie wird frisch geweisselt. Jan Kaesers Intervention steht zwischen dem Vorher und dem Nachher. So dass sich die Mauer bereits ein bisschen mit der anstehenden Veränderung anfreunden kann: «Ich habe versucht, mich in die Mauer hineinzudenken, und mich gefragt, was die Mauer möchte», gab der Künstler dem Toggenburger Tagblatt zu Protokoll. Nun ist die Installation komplett. Am vergangenen Dienstag brachte Jan Kaeser die letzten zehn Tücher an, nachdem er die vergangenen zwei Monate Woche für Woche nach Wattwil gefahren war, um sie etappenweise, etwa zehn Stück pro Mal, an der über hundert Meter langen Mauer zu befestigen: «Wie ein zeitlich organisierter Windhauch», sagt der Künstler. Die flatternden Tücher haben etwas fröhlich Beschwingtes. Man mag sie als Fahnen sehen, Jan Kaeser nennt sie neutral Tücher: «Fahnen sind Botschaftsträger und symbolisch aufgeladen. Das wollte ich nicht.» Weiss sind sie wie ein leeres Blatt Papier – die Tücher dienen als Projektionsfläche. Sie bringen die Gedanken und auch die starre Mauer in Bewegung und vermitteln, dass nichts ewig währt. Das Alltägliche wird leicht verrückt und kann so mit anderen Augen gesehen werden: «Mein Interesse liegt in der Wahrnehmung», sagt der Künstler.

Landebahn für Fliegen

Jan Kaeser, der viele Kunst-am-Bau-Projekte verwirklicht hat, weiss, dass man dafür die Lage vor Ort genau erkunden muss. Der Künstler fragte den Bauern, der unterhalb der Mauer seine Schafe weiden lässt, ob es mit den Tieren Probleme geben könnte: «Sie sind schon neugierig», meint dieser trocken. Weil der Künstler beobachtet hatte, dass die Schafe sich gerne an der Mauer reiben, spannte er die Tücher nicht bis ganz zum Boden. Doch die Schafe liessen sich von der Installation nicht beeindrucken. Dafür benutzen die Fliegen sie gerne als Landebahn. Um die Tücher zu nähen, sass Jan Kaeser stundenlang an der Nähmaschine, damit der Wind sie nicht gleich zum Ausfransen bringt, liess er den Stoff bei Jacob Schlaepfer lasern. Bis im Januar bleiben die Tücher hängen. Danach wird Jan Kaeser sie wieder Woche für Woche abschnittsweise abnehmen: «Auf den Schnee freut es mich.» Im März wird die Mauer wieder nackt dastehen, bereit für eine Auffrischung.

Fr, 22.1.16, 20 Uhr, Atelier A4, Ebnaterstrasse 70, Wattwil: Philosophieren mit Ivo Dörig mit Gedanken zur Mauer.


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