86 und nichts für den Schaukelstuhl

Im Dokumentarfilm «Whatever Comes Next» porträtiert Hildegard Elisabeth Keller eine eigenwillige, in Wien geborene US-Künstlerin, die sich vom Alter nicht bremsen lässt. Heute ist Weltpremiere in Wil.
23. November 2014, 02:34
ODILIA HILLER

WIL. Mogeln kommt für sie nicht in Frage. Dafür sei sie zu arrogant. Sagt Annemarie Mahler-Ettinger beim Zubereiten von Bratkartoffeln. Eine stolze, eloquente und selbstironische Frau, die gerne reist. Nie ohne ihren geliebten Hund. Nie ohne ihr Auto.

Im ersten Dokumentarfilm der Autorin und Regisseurin Hildegard Elisabeth Keller wirkt sie manchmal wie ein junges Mädchen. Sie lebt, wie es ihr gefällt, und lässt sich scheinbar von niemandem etwas sagen. Mahler ist im Film 86 Jahre alt. Und «kein gutes Material, um im Schaukelstuhl zu sitzen», sagt sie über sich.

Bis die Nazis kommen

Hildegard Keller hat die amerikanische Künstlerin während Monaten gefilmt und interviewt. Entstanden ist ein feinsinniges Lebensporträt einer Frau, die früh gelernt hat, eigenständig zu denken. 1926 in Wien geboren, verbringt sie mit ihrer Familie eine glückliche Kindheit in der österreichischen Hauptstadt. Bis die Nazis kommen. Es folgt eine Überfahrt im Schiff von Rotterdam nach Hoboken, New Jersey – alleine. Man schreibt das Jahr 1939. Vater und Onkel erwarten sie in New York.

Dort folgt, was viele Frauen dieser Generation kennen: der Kampf um eine gute Ausbildung. Es gilt, nicht als Telefonistin oder Stenotypistin zu enden, während der Bruder hochtrabende Studien verfolgt. Annemarie Mahler erzählt, wie sie es immer wieder geschafft hat, sich an schwierige Lebensumstände anzupassen, ohne sich selber je aufzugeben.

Sie studiert, doktoriert und unterrichtet an verschiedenen US-Universitäten. Im kalifornischen Berkeley verliebt sie sich in das Leben auf dem Uni-Campus. Und in einen österreichischen Naturwissenschafter, mit dem sie das Flüchtlingsschicksal teilt. Er bedeutet für sie Heimat und wird ihr Ehemann und der Vater ihrer drei Kinder – bis zu seinem Tod. Immer wieder betont Annemarie Mahler im Film, dass das Malen für sie nur eine von vielen Möglichkeiten sei, sich auszudrücken. «Ich kann auch schreiben», betont sie.

Bewunderung und Miniaturen

Auch die Autorin, Regisseurin und Produzentin des Films kennt viele Arten, sich mitzuteilen. Hildegard Elisabeth Keller, bekannt als Buchkritikerin des «Literaturclubs» des Schweizer Fernsehens, ist Autorin, Literaturwissenschafterin und Professorin an den Universitäten Zürich und Bloomingdale, Indiana. «Für mich gab es zwei Auslöser, diesen Film zu machen», sagt sie. Einerseits die Bewunderung für diese vitale Frau, die ihre Kreativität selbst im hohen Alter auslebt. Anderseits habe sie etwas mit den Miniaturfiguren machen wollen, die dem Film seine besondere Sprache verleihen. Es handelt sich um millimetergrosse Figürchen, die, in extremen Makroaufnahmen gefilmt, Lebensstationen der Protagonistin illustrieren und sie auf eine andere, innere Ebene verlagern. Sie verleihen den Schilderungen etwas Universales. «Diese Form des Storytelling interessiert mich.»

Premiere in der Heimatstadt Wil

Den Film «Whatever Comes Next» zu drehen und von A bis Z selber zu produzieren, sei eine grosse Freude und eine riesige Entdeckungsreise gewesen. Die Zusammenarbeit mit einer kleinen, professionellen Crew – frisch ab Uni und kurz vor dem Sprung nach Hollywood – ein Glücksfall, sagt Keller. Nun freut sie sich auf die heutige Premiere in ihrer Geburts- und Heimatstadt Wil. Cinewil-Betreiberin Felicitas Zehnder sei sofort bereit gewesen, den Film zu zeigen. Mit anderen Kinos steht die Produzentin noch in Verhandlung. Gut möglich, dass auch das Schweizer Fernsehen auf die Idee kommt, den Doku-Erstling seiner Literaturkritikerin unter seine Fittiche zu nehmen.

Öffentliche Filmpremiere in Anwesenheit der Regisseurin heute um 17 Uhr im Cinewil (inkl. Apéro), www.cinewil.ch.


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