Zwischen Schlammlawinen

OHO ⋅ Ein Unwetter zerstörte 2015 den Gnadenhof Luna im Weisstannental. Die Aktion Ostschweizer helfen Ostschweizern unterstützte den Wiederaufbau. Dieser war fast abgeschlossen, als das nächste Unglück folgte.

Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Als Sophie noch ein Ferkel war, rannte sie schnell. So schnell, dass sie das Neujahrsrennen in Klosters gewann. «Das hat Tradition und jedes Säuli einen Sponsor», sagt Theresia Seyffert. Sie wohnt mit ihrem Mann Géza Kercho in einem alten Bauernhaus im St.Gallischen Schwendi im Weisstannental. Das Ehepaar betreibt auf 7000 Quadratmetern Fläche den Gnadenhof Luna. Dort lebt auch Sophie. «Eigentlich wäre sie als schnellstes Säuli geschlachtet worden», sagt Seyffert. Doch die Sponsoren hätten Mitleid mit ihr gehabt. Statt auf die Schlachtbank brachten sie Sophie auf den Gnadenhof. Dass sie mal klein war, ist beim Anblick der ausgewachsenen Sau schwer vorstellbar. Grunzend geht sie an Seyfferts Seite hinab zu den Ställen.

Der Zaun ist mit einer Plane abgedeckt. «Wir sind immer noch mit dem Wiederaufbau beschäftigt», sagt Seyffert. Sie zeigt den Berg hinauf. «Von dort kam die Schlammlawine.» Im August 2015 führte ein Unwetter im Weisstannental zu Erdrutschen. Seyffert und ihr Mann konnten die Tiere gerade noch rechtzeitig in den Stall bringen, bevor der angrenzende Bergbach über die Ufer trat. Geröll, Schlamm, Zäune und Bäume wurden gegen das Haus gedrängt. «Wir hatten Angst um unser Leben», sagt Seyffert. Das Haus hielt dem Druck stand, das Ehepaar und die Tiere blieben unversehrt. Doch der Gnadenhof war zerstört und mit ihm 20 Jahre Arbeit. Mit Hilfe von Spendengeldern haben ihn Seyf­fert und ihr Mann wieder aufgebaut. Ihre Tochter reichte vergangenes Jahr ein Gesuch bei der Spendenaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern (OhO) ein. Es wurde vom Beirat bewilligt, und Theresia Seyffert und ihr Mann erhielten 10 000 Franken für den Wiederaufbau des Gnadenhofs. «Wir waren sehr dankbar und unendlich froh über diese Hilfe», sagt Seyffert.

Ein benachbarter Bauer hat die Tiere gerettet

Nach dem Unglück musste Seyffert ihre Tätigkeit als Seminarleiterin und Dozentin aufgeben, um sich ganz dem Wiederaufbau widmen zu können. Dieser war nahezu abgeschlossen, als es im Juli dieses Jahres wieder heftig zu regnen begann im Weisstannental. Seyfferts Mann, ein Grafiker, war bei der Arbeit, sie beim Einkaufen. «Als das Unwetter aufzog, bin ich sofort nach Hause gefahren», sagt die 59-Jährige. Ein benachbarter Bauer hatte die Tiere bereits in Sicherheit gebracht. Gerade rechtzeitig, bevor eine weitere Schlammlawine den Berg herabkam. Sie war nicht so schlimm wie die im Jahr zuvor. Doch bei vielem musste das Ehepaar wieder von vorne anfangen. «Wir waren so frustriert. Es war zum Verzweifeln.» Heute trennt ein Holzwall das Gelände vom Bach, der Zaun auf dieser Seite ragt weit in den Boden hinab. Eigentlich seien sie jetzt abgesichert. «Aber eine gewisse Angst bleibt trotzdem.»

Momentan leben 70 Tiere auf dem Gnadenhof. «Zwischen 5000 und 7000 Franken kosten Futter und Unterhalt jeden Monat», sagt Seyffert. Der Gnadenhof sei seit dem Unglück auf Spenden angewiesen, da eines der beiden Einkommen wegfalle. Die Tiere sind hier, weil sie krank oder alt sind oder nicht die Leistung bringen, die ihre Besitzer von ihnen erwartet haben. «Linda ist hier, weil sie blind ist», sagt Seyffert und tätschelt die Minikuh, die ihr bis zur Hüfte reicht. Eine Katze schleicht um Lindas Beine, weiter unten auf dem Gelände beschnuppert ein Pferd eine Ziege. Nur einmal sei eine Kuh mit Hörnern auf die Schafe losgegangen, erinnert sich Seyffert. «Sonst haben wir in all den Jahren nie Probleme gehabt.»

Seit 30 Jahren betreiben Seyffert und ihr Mann einen Gnadenhof, seit 21 Jahren im Weisstannental. «Anfangs haben wir nur Tiere aufgenommen, welche von Bekannten oder Verwandten kamen und nicht mehr erwünscht waren.» Später seien Anfragen von Fremden hinzu gekommen. Die Idee für den Gnadenhof war entstanden. Erst nahm das Ehepaar nur Haustiere auf, seit ein paar Jahren sind auch Nutztiere dabei.

Der Raum mit den Vögeln ist für Katzen wie Kino

Das Paar hat sein Leben ganz auf die Tiere ausgerichtet. Wo in anderen Wohnstuben ein Sofa steht, stehen hier Kratzbäume. 20 Katzen leben auf dem Gnadenhof. Im ersten Stock stehen Körbchen. Eines gehört dem Kater Finki. Er hüpft mehr als dass er geht. Seine Hinterpfoten sind entzündet. Die Bandagen sehen aus wie Finken. Neben der Entzündung leidet Finki an Inkontinenz. Mehrmals täglich putzt Theresia Seyffert den Raum. Halb hoppelnd bewegt sich der Kater zur Glastür, die in den nächsten Raum führt. «Die Katzen sind oft vor dieser Tür. Für sie ist es wie Kino», sagt Seyffert. Auf einem grossen Ast sitzen dahinter Vögel. Seyffert zeigt auf zwei zwitschernde Nymphensittiche: «Sie sind hier, weil die Nachbarn ihrer Besitzer über Lärmbelästigung geklagt hatten.» Selbst wenn Seyffert und ihr Mann in der Küche essen, sind die Tiere bei ihnen. Auf einem Bildschirm sehen sie Aufnahmen von draussen. An mehreren Stellen auf dem Gelände hat das Ehepaar Kameras installiert. Würde der Sau Sophie einmal etwas fehlen, Theresia Seyffert wüsste es sofort.


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