Vier Rationen Morphium täglich

GOLDACH. Sonja Stivanello hat derartige Schmerzen, dass ihr nur noch Morphium hilft. Die 61jährige Goldacherin ist pflegebedürftig. OhO ermöglicht ihr den Umzug in ein kleineres Appartement und verhilft ihr zu neuen Möbeln.

SAMUEL KOCH

Mehr als ein Dutzend Tabletten schluckt sie jeden Tag. Der farbige Pillencocktail beinhaltet nicht nur das starke Schmerzmittel Morphium. Sie braucht auch Medikamente gegen zu hohen Blutdruck, einen Magenschoner und solche gegen die ständigen Nebenwirkungen. «Mein Arzt sagte, dass ich die Schmerzen ohne Morphium nicht aushalten würde», sagt Sonja Stivanello.

Die 61-Jährige leidet seit 15 Jahren an einer sehr seltenen und unheilbaren Krankheit. «Ich habe immer weniger Kraft und jede Hausarbeit ist für mich mit doppeltem Aufwand verbunden», sagt sie. Die Krankheit im Beckenbereich zeigt sich dadurch, dass sie mehrmals ohne Fremdeinwirkung Brüche am Becken oder am Schambein erlitt. Bei der Diagnose hätten ihr die Ärzte des Universitätsspitals Zürich gesagt, dass nur noch wenig andere Menschen in Europa davon betroffen seien.

«Dann wirst du zum Tier»

Der tägliche Konsum von Morphium über Jahre machte Stivanello abhängig. Nimmt sie keines, leidet sie unter Entzugserscheinungen. «Dann wirst du zum Tier, schreist und zitterst», sagt sie. Das sei einfach nur grauenhaft und das wünscht sie niemandem. Seither ist sie zum Nichtstun verdammt. «Laut den Ärzten darf ich nichts machen und auch nichts lupfen – auch wegen der fünf versteiften Rückenwirbel.» Heute könne sie nicht mehr als drei Kilo Gewicht tragen, sagt Stivanello. Das war früher anders gewesen.

Aufgewachsen ist Stivanello in Gommiswald. Als jüngste Tochter mit sechs Geschwistern musste sie schon als Mädchen im Käsereibetrieb der Eltern mithelfen. Das Käseschleppen von damals ist ihrem Körper nicht gut bekommen. «Das war aber eine tolle und unvergessliche Zeit», sagt sie heute. Bereits im Alter von zarten 16 Jahren zog sie von zu Hause weg. Mit Putzen verdiente sie ihren ersten Lohn und arbeitete sich im Gastgewerbe hoch.

Kleine Augenblicke des Glücks

Schon als junge Frau kämpfte Stivanello gegen ihr Schicksal. «Ich hatte schon immer irgendein Leiden, habe mich aber immer irgendwie durchgebissen», sagt sie. Mit 18 Jahren erkrankte sie am Guillain-Barré-Syndrom. «Ich konnte nicht mal mehr eine brennende Kerze ausblasen.» Sie überwand die meist tödlich endende Nervenkrankheit und genas, musste aber wegen Lähmungserscheinungen wieder laufen lernen. Später kamen Knieprobleme dazu und vor 15 Jahren wurde sie wegen der Beckenkrankheit ganz zum Sozialfall.

Heute lebt Stivanello von Ergänzungsleistungen, der Invalidenversicherung und der kleinen Hilflosenentschädigung. Einmal wöchentlich helfe ihr die Spitex, «damit ich mich wenigstens einmal richtig waschen kann». Es gehe ihr den Umständen entsprechend gut und eines betont sie aber immer wieder: «Ich will nicht jammern und wie viele andere Mitleid erwecken.» Sie freue sich vermehrt über kleine Glücksmomente im Leben. «Kürzlich hat mich ein Freund nach Amriswil gefahren und ich konnte abends das Lichtermeer sehen», sagt Stivanello mit funkelnden Augen und einem Lächeln. Der Kontakt zu Freunden und ihrem Sohn hält die 61-Jährige auf Trab. Er lässt sie zeitweise sogar ihre schlimme Situation vergessen. Zu Fuss seien grossen Sprünge zwar unmöglich geworden. «Wenn ich aber draussen bin, bleibt meine Krankheit zu Hause.» Dann wolle sie mit ihren Bekannten über andere Dinge im Leben sprechen.

Am meisten freut sie sich jetzt aber auf ihr neues Heim. Denn in ihrer Wohnung mit viereinhalb Zimmern wohnt sie nur noch bis Ende Februar. Dann zieht sie nach Rorschach in eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. «Ich habe mich total in die neue Wohnung verliebt», sagt Stivanello. Das neue Appartement ist etwas kleiner, dafür behindertengerecht. OhO ermöglicht ihr nicht nur den Umzug, sondern bezahlt ihr auch neue Möbel. Zudem sei sie näher bei ihrem behinderten Sohn, der in einer Einrichtung in Rorschach lebt. «Ich bin den Spenderinnen und Spendern von OhO sehr dankbar», sagt Stivanello.

«Peinlicher» Flüchtigkeitsfehler

Den Humor hat sie trotz ihrer Situation nicht verloren. Beim Ausfüllen des Spendenantrags bei OhO unterlief Stivanello nämlich ein Fehler. Sie war derart aufgewühlt und nervös, dass sie aus dem gewünschten Betrag von 900 Franken mit einer Null zu viel 9000 Franken gemacht hatte. «Das war total peinlich», sagt sie verlegen. Jetzt freut sie sich dank des Umzugs mit Hilfe der Sozialfirma «Läbe Plus» auf einen neuen Abschnitt im Leben. «Irgendwie geht es weiter», sagt sie.


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