Schritte über die Brücke ins Leben

OhO hat Charles Troxler auf den richtigen Weg gebracht. Dank eines Brückenangebots fand der 18-Jährige Motivation, für die Prüfung an der Fachmittelschule zu lernen. Weil er sie aber nicht bestanden hat, setzt er jetzt auf die Karte Musik.

SAMUEL KOCH

ST. GALLEN. «OhO hat mir eine Chance gegeben», sagt das 18jährige Musiktalent Charles Troxler. «Charli» nennt er sich. Sein auffälliger Afrohaarschnitt sowie seine legere, aber elegante Bekleidung lassen ihn reifer erscheinen als die Person, die sich hinter der Fassade verbirgt. Wenige Stunden vor einem Live-Auftritt als Double von Michael Jackson ist ihm keine Nervosität anzumerken.

Dabei hat der Sohn eines Filipino und einer Schweizerin aus Rheineck jeden Grund dazu, nervös zu sein. Denn Charli spielt mit seiner Gitarre auch um seine Existenz. Der schlaksige, junge Mann hat bis heute keine Ausbildung im Sack, obwohl er in den vergangenen Monaten nach eigenen Aussagen «grosse Schritte vorwärts gemacht und den richtigen Weg eingeschlagen hat».

«Völlig aus der Bahn geworfen»

Das war nicht immer so. Ein Erlebnis als 13-Jähriger in der Realschule in Rheineck warf den mittelmässigen Schüler aus der Bahn. Als er einmal die Hausaufgaben nicht gemacht hatte, wurde er von seinem Lehrer vor der ganzen Klasse blossgestellt und rassistisch beleidigt. «Das war eine Ausnahmesituation», sagt Charli. Er litt unter den Vorkommnissen und darunter, dass ihm sein Lehrer «Steine in den Weg» gelegt hatte. Seine schulische Motivation habe enorm darunter gelitten. Zudem sei er auch von seinen Mitschülern oft fertig gemacht worden.

Aber Charli wollte sich «durchboxen». Sein Ziel, einen Lehrbetrieb zu finden, behielt er im Auge. Sein damaliger Lehrer sei aber dagegen gewesen. «Er meinte, ich sei nur gut genug für eine Attestausbildung», sagt der Rheinecker. Er sah sich zu einer grösseren Herausforderung berufen und entdeckte in dieser emotional schwierigen Zeit seine neue Leidenschaft – die Musik. Anstatt wie andere in seiner Klasse zu Alkohol oder Drogen griff Charli zu seiner Gitarre.

Nach den Sommerferien 2013 wechselte er als 16-Jähriger ins Brückenangebot «Rheinspringen Bridges» in St. Gallen. Im zehnten Schuljahr und seinem persönlichen Neustart fand er plötzlich Gefallen an der Schule. «Ich merkte, wie ich sie vermisste», sagt er schmunzelnd.

«Lernen wurde zum Hobby»

Seiner Motivation verlieh das einen derartigen Schub, dass seine Noten deutlich besser wurden. Ein Sozialarbeiter der Koosa St. Gallen, der ihm seit der Realschule zusätzlich zur Seite stand, meldete ihn daraufhin bei «Rheinspringen Talent» an. Dort paukte Charli noch mehr und holte in einem halben Jahr so viel Schulstoff wie möglich nach. «Lernen wurde zu meinem Hobby.» Dank der finanziellen Unterstützung von OhO für «Rheinspringen Talent» konnte er sich als Realschüler für die Prüfung der Fachmittelschule (FMS) anmelden. Die Prüfung hat er zwar nicht bestanden. «Mein Französisch war leider nicht gut genug», sagt Charli. Seine Noten und sein Selbstwertgefühl konnte er aber steigern. Er verbesserte sich beispielsweise in Mathe von einer Note 2,5 in der Realschule auf eine Note 4,5 bei der FMS-Prüfung. Und auch bei seinem Hobby geht es seither aufwärts. Seit einer Zufallsbegegnung bei einer Weihnachtsfeier kann er auch auf die moralische Unterstützung des Swiss-Comedy-Award-Gewinners Florian Rexer zählen. «Wir verstehen uns gut und sind immer mal wieder in Kontakt», sagt Charli.

Absage von Dieter Bohlen

Der Schauspieler und Leiter der Schlossfestspiele Hagenwil hat viel Lob übrig: «Als Michael-Jackson-Double auf der Bühne ist Charli perfekt.» Dennoch nimmt er seinen Schützling in die Pflicht. «Er muss sich mit einer normalen Ausbildung ein zweites Standbein sichern.» Denn das Musikbusiness sei knallhart und gnadenlos. «Gute Musiker gibt's wie Sand am Meer», sagt Rexer.

Diese Erfahrung machte Charli auch in der Sendung «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS). Zwei Vorausscheidungen überstand er, doch vor der Jury um Dieter Bohlen und den TV-Kameras in Köln versagten nicht nur seine Nerven, sondern auch die Musikanlage. «Die Qualität der Anlage war schlecht und ich bekam drei Absagen», sagt er. Die Teilnahme bereue er aber nicht.

Im Gegenteil: Heute setzt er voll auf die Karte Musik, feilt an eigenen Liedern und gestaltet seine eigene Homepage. «Ich lebe für die Musik», sagt Charli. Er träume aber auch von einer KV-Lehrstelle. Dank OhO hat Charli eine Chance erhalten. Und dank OhO hat er den Glauben an sich wiedergefunden.


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