«Zuerst trifft es Exportfirmen»

ANGESPANNT ⋅ Der Wirtschaftskonflikt zwischen den USA und China schaukelt sich hoch. Die Angst vor einem Handelskrieg geht um. Wirtschaftsprofessor Peter Moser über die möglichen Folgen für die Schweizer Wirtschaft.
17. April 2018, 05:16
Interview: Stefan A. Schmid

Interview: Stefan A. Schmid

Peter Moser, fast täglich drohen die USA und China mit neuen Strafzöllen auf Importe. Wie gross ist die Gefahr, dass der Streit eskaliert?

Das wahrscheinlichere Szenario – und meine Hoffnung – ist, dass der Konflikt nicht eskaliert. Aus zwei Gründen: Erstens wird sich die amerikanische Wirtschaft ­dagegen wehren. Denn die grossen US-Autobauer oder der Flugzeughersteller Boeing erleiden Nachteile durch die höheren ­Zölle auf Stahl und Aluminium. Zweitens hat auch Peking kein Interesse daran, dass es zu einem globalen Handelskrieg kommt. Die Chinesen sind verletzlicher, da sie mehr exportieren als die Amerikaner. Es gibt denn auch Signale von Chinas Präsident Xi Jinping, dass Peking den USA entgegenkommen und den Zugang zur chinesischen Wirtschaft erleichtern will.

Ist es denn strategisches Kalkül von US-Präsident Trump, die Chinesen mit Drohungen an den Verhandlungstisch zu zwingen?

Ich habe den Eindruck, dass Trump der irrigen Auffassung ist, durch höhere Zölle sein Land vorwärtsbringen zu können. Trump ist sehr schwer einzuschätzen, darum kann auch ein Worst-Case-Szenario nicht ausgeschlossen werden, dass der Streit eskaliert und es zum Handelskrieg kommt.

Mit welchen Folgen für die Weltwirtschaft?

Das hängt davon ab, wie gravierend ein solcher Handelskrieg ausfallen würde. Es gibt Berechnungen von Ökonomen, dass – sollten die Zölle massiv zunehmen und das Niveau der Dreissigerjahre des letzten Jahrhunderts erreichen – sich das weltweite Handelsvolumen in etwa halbieren würde. Das Wachstum würde einbrechen, die Arbeitslosigkeit stark steigen. Im Vergleich dazu wäre die Finanzkrise 2008/09 mit ihren Folgen ein Klacks.

Was genau bezweckt Trump denn mit seiner Politik?

Eine schwierige Frage. Ich vermute, dass er sich von politischen Überlegungen leiten lässt. Trump hat sich im Wahlkampf als Retter der unter Druck geratenen heimischen Stahl- und Aluminiumindustrie positioniert. Nun löst er sein Wahlkampfversprechen ein und macht etwas für die Menschen, die ihn gewählt haben.

Blicken wir auf die Schweiz: Unsere Wirtschaft ist stark vom Aussenhandel abhängig. Inwiefern ist die Schweizer Exportwirtschaft vom Handelskonflikt betroffen?

Bleibt der Streit auf Stahl und Aluminium begrenzt, werden auch die Auswirkungen für die Schweiz begrenzt bleiben. Auch wenn es bereits jetzt einzelne Schweizer Unternehmen gibt, die in die USA liefern und einen deutlich höheren Zoll auf ihre Stahlprodukte bezahlen müssen.

Das wäre das Szenario mit glimpflichem Ausgang. Was wäre der schlimmere Fall?

Wenn alle Drohungen und Ankündigungen, die jetzt im Raum stehen, umgesetzt würden, wäre die Schweiz als kleines aussenhandelsorientiertes Land sehr stark exponiert. Vermutlich noch stärker als die USA und China, die noch einen grossen Binnenmarkt im Rücken haben.

Kann man es denn auf den einfachen Nenner bringen, dass alles, was die Weltwirtschaft in Gefahr bringt, in­direkt auch der Schweizer Wirtschaft schadet?

Definitiv. In einem ersten Schritt trifft es die Exportunternehmen – besonders jene, die noch Tochterfirmen in den USA und in ­China besitzen. Sollten wir später dann tatsächlich in eine Welt­rezession rutschen, was ich nicht hoffe, würden das auch Branchen wie etwa der Tourismus zu spüren bekommen. Durch die sinkenden Einkommen würden die Menschen weniger reisen.

Werden auch wir Konsumenten den Handelsstreit zu spüren bekommen?

In einem ersten Schritt sind primär die Konsumenten in den USA und in China tangiert: Die Amerikaner müssen für Geschirrspüler, Fahrzeuge, Fernseher usw. mehr bezahlen. China plant seinerseits unter anderem höhere Zölle auf Soja. Dadurch würde wiederum das Tierfutter – und im Endeffekt das Schweinefleisch teurer. Was das für die Schweizer Konsumentenpreise im End­effekt bedeutet, ist derzeit schwer abzuschätzen. Ich denke, die ­Risiken für die Schweiz ergeben sich primär durch die Gefährdung von Arbeitsplätzen in der Exportwirtschaft.

Generell hat sich das Klima, neue Freihandelsabkommen abzuschliessen, seit Jahren verschlechtert. Der Trend geht eher in Richtung Protektionismus. Was sind die Gründe?

Diese Opposition gegen die Globalisierung im Allgemeinen und den Freihandel im Speziellen kommt in erster Linie aus gewissen reichen Ländern – weniger aus Schwellenländern wie China. Insbesondere Länder wie die USA und Grossbritannien haben in der Vergangenheit ihr Bildungswesen vernachlässigt. Dort gibt es eine Schicht von Leuten, die aufgrund der Konkurrenz aus Billiglohnländern ihre Jobs verloren haben. Diese Länder haben es versäumt, ein Ausbildungssystem zu entwickeln, in dem diese Menschen ihre Kompetenzen verbessern können, damit sie eine grössere Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.

Zur Person

Peter Moser ist Volkswirtschaftsprofessor an der HTW Chur und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Von 2011 bis 2015 war er Berater im Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung von Bundesrat Johann Schneider-Ammann.


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