"Eine zweite Chance"

SPAR ⋅ Auf Geheiss des südafrikanischen Mutterkonzerns muss der Lebensmittelhändler Spar Schweiz seine Leistung deutlich verbessern. Weitere Versäumnisse des hiesigen Managements will Spar Südafrika nicht dulden.

01. Dezember 2016, 19:46
Thomas Griesser Kym
"Enttäuschend" – so kommentiert Graham O’Connor die Leistung von Spar Schweiz in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Geschäftsjahres 2016 (per Ende September). O’Connor ist Konzernchef der börsenkotierten Spar Südafrika. Diese hatte per 1. April dieses Jahres für 44,5 Mio. Fr. 60% an Spar Schweiz erworben. Verkäufer waren der Geschäftsleiter und damalige Hauptaktionär Stefan Leuthold sowie die Aspiag, eine Beteiligungsgesellschaft von Spar Österreich.

In diesen ersten sechs Monaten, in denen Spar Schweiz in der Konzernrechnung von Spar Südafrika konsolidiert ist, hat die Lebensmittelhandelskette mit Sitz in St.Gallen einen Umsatz von umgerechnet gut 400 Mio. Fr. und ein Betriebsergebnis von 2,2 Mio. Fr. beigesteuert. Das ergibt eine operative Rendite von 0,55%, was selbst im Lebensmittelhandel, der traditionell mit schmalen Margen operiert, sehr mager ist.

"Was wir brauchen, ist mehr Umsatz"
O’Connor ist damit nicht zufrieden. Laut seinen Angaben ist der Umsatz von Spar Schweiz in der Berichtsperiode im Vorjahresvergleich um 4,1% geschrumpft, während gleichzeitig der Lebensmitteldetailhandel in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik um 0,6% expandiert hat. Spar hat also Marktanteile verloren. Zudem liege das Ergebnis "deutlich unter Budget".

Der Chef von Spar Südafrika identifiziert bei der Schweizer Tochtergesellschaft eine Reihe von Baustellen. Er spricht von relativ hohen Marketing- und Verkaufskosten, einer zu niedrigen betrieblichen Effizienz und einer zu geringen Leistung im Detailhandelskanal (mit TopCC ist Spar Schweiz zudem im Abhol-Grosshandel für Hotels, Restaurants, Kantinen usw. tätig). O’Connor übt auch unverhohlen Kritik am Management von Spar Schweiz. Dieses habe es "im vergangenen Geschäftsjahr versäumt, mehrere Probleme zu lösen", sagte er kürzlich der "Sunday Times" aus Johannesburg. Und weiter: "Wir dachten, sie würden sich dieser Probleme annehmen, aber das taten sie nicht." Es werde "ein paar Jahre brauchen, bis sich das Ganze einpendelt".

Stefan Leuthold, der zusammen mit der Aspiag noch 40% an Spar Schweiz hält und diese weiterhin leitet, will die Aussagen seines obersten Chefs nicht kommentieren. Leuthold sagt aber, Spar Schweiz habe "die Kosten im Griff. Was wir brauchen, ist mehr Umsatz." Auch O’Connor ist dieser Ansicht punkto Verkäufe. Diese zu steigern, sowohl im Detail- als auch im Grosshandel, sei "ein Schlüsselfaktor", um die Leistung von Spar Schweiz zu verbessern und die angepeilten Renditeziele zu erreichen. Leuthold sagt, Spar Schweiz habe für das angelaufene Geschäftsjahr 2017 ein Budget eingereicht, das "sicher ambitiöser ist als die Zahlen von 2016", und Spar Südafrika habe es abgenommen.

Wie will Spar Schweiz wie angestrebt wachsen? Das Unternehmen ist in einem weitgehend gesättigten Markt tätig und wird einerseits bedrängt von den marktmächtigen Grossverteilern Migros und Coop, andererseits von den aufstrebenden Discountern Aldi und Lidl, die Spar zunehmend die Rolle als Nahversorger streitig machen. "Wir haben in einem harten Markt zu kämpfen", räumt Leuthold ein. Man wolle zum einen laufend weitere Spar-Supermärkte eröffnen sowie, an Tankstellen und an anderen Hochfrequenzlagen, zusätzliche Spar Express einrichten. Zum anderen wolle man geografisch expandieren. Spar ist bisher auf die Deutschschweiz beschränkt, doch bald legt man im Tessin los (siehe Text unten). In einem nächsten Schritt könnte Spar auch einen Fuss in die Romandie setzen, doch sei das "weniger konkret" sagt Leuthold.

Laut O’Connor geht es auch darum, in das bestehende Filialnetz zu investieren, TopCC-Standorte aufzumöbeln sowie das Sortiment an gesunden Convenience- und an Frischprodukten zu forcieren. Im vergangenen Geschäftsjahr hat Spar Schweiz 8,5 Mio. Fr. in die Modernisierung, darunter auch in jene der Technologie, investiert. Für 2017 sind 23 Mio. Fr. für die beiden Absatzkanäle Detailhandel und Abhol-Grosshandel budgetiert. Bei TopCC steht laut Leuthold der Markt in Zuzwil im Fokus, der vollständig renoviert werde und kommenden Juni in neuem Glanz erstrahle. Laut Leuthold wird im Schnitt alle zwei Jahre ein TopCC auf Vordermann gebracht.

Spar Schweiz muss jetzt liefern
"Es wird erwartet, dass die ausländischen Tochtergesellschaften (neben Spar Schweiz gehört Spar Südafrika auch Spar Irland und Südwestengland, Red.) alle Kapitalausgaben aus ihren eigenen Cashflows finanzieren", steckt O’Connor die Spielregeln ab. Im Klartext: Spar Schweiz muss die Mittel, die investiert werden sollen, selbst erarbeiten. Der Konzernchef äussert sich weiterhin "zuversichtlich" über die Beteiligung an Spar Schweiz, wobei in viereinhalb Jahren eine Option zur Übernahme der übrigen 40% fällig wird. O’Conner macht hingegen auch unmissverständlich klar, dass Spar Schweiz jetzt liefern muss. Befragt von der "Sunday Times", ob sich am Horizont eine Ablösung des Schweizer Managementteams in St.Gallen abzeichne, sagte der Südafrikaner: "Nicht gerade jetzt. Wir geben ihnen eine zweite Chance." Doch Spar Schweiz stehe unter strenger Beobachtung und in der Pflicht, die Leistung zu verbessern.

Spar springt im Tessin in die Bresche

Zu den Aufgaben von Spar Schweiz gehört gemäss der südafrikanischen Muttergesellschaft auch eine Ausweitung des Geschäfts auf das Tessin. Stefan Leuthold von Spar Schweiz bestätigt: "In der italienischen Schweiz sehen wir Chancen." Das Unternehmen fährt dabei auf zwei Schienen. Zum einen beginnt Spar Schweiz Anfang 2017 ab der Zentrale in St.Gallen mit der Belieferung unabhängiger Detaillisten im Tessin. Spar ergreift damit eine Gelegenheit, die sich aus der Geschäftsaufgabe des Tessiner Grosshändlers Crai ergeben hat, der im Südkanton 50 Läden beliefert hatte. "Mit diesen Detaillisten sind wir nun im Gespräch. Sie brauchen eine neue Lösung, und wir hoffen, mit möglichst vielen von ihnen ins Geschäft zu kommen", sagt Leuthold. Zum anderen will Spar im Tessin mit Convenience-Läden unter der Marke Spar Express Fuss fassen. Spar bricht damit aus dem Heimmarkt Deutschschweiz aus. Hier hat das Unternehmen bisher 301 Läden, davon 182 Spar-Märkte (Supermärkte und Spar Express) sowie 119 Maxi-Dorfläden. 53 Spar-Märkte werden in Eigenregie geführt. In den anderen 129 Spar-Märkten und in allen Maxi-Läden sind selbständige Franchisenehmer am Werk. Die Schweizer Spar-Gruppe beschäftigt rund 2800 Mitarbeitende, in Vollzeitstellen gerechnet sind es 2150. (T.G.)


Leserkommentare

Anzeige: