Wer eine Lehrstelle will, arbeitet zuerst ein Jahr lang gratis

SCHMÄHPREIS DER UNIA ⋅ Die Unia Jugend hat einen jährlichen Schmähpreis für Firmen, die die Rechte von jungen Arbeitnehmenden nicht respektieren, an die Hairstylist Pierre AG verliehen. Bei diesem Unternehmen arbeiten Jugendliche zuerst ein Jahr lang ohne Lohn, bevor sie allenfalls eine Lehrstelle bekommen.
02. Dezember 2017, 11:45
Zur Hairstylist Pierre AG mit Firmensitz im thurgauischen Horn gehören 13 Salons der Hairstylist Pierre AG-Kette, 15 Salons der Kette Cut and Color und die P2 Hairacademy in Winterthur. Diese "Akademie" bildet gemäss Mediencommuniqué der Unia keine Lernenden aus, sondern bietet einjährige Praktika an, die Voraussetzung für eine Lehre bei Hairstylist Pierre AG sind. Der Haken daran: Während des Praktikums arbeiten die Auszubildenden zwei Tage pro Woche in einem Coiffeur-Salon des Unternehmens – gratis.
 

Nicht frei in der Stellenwahl

Die Praktikantinnen und Praktikanten leisten gemäss Unia nicht nur Gratisarbeit, sie müssen auch ihre persönlichen Arbeitsmittel wie Scheren und Bürsten selber bezahlen und für ihre Spesen aufkommen. "Die jungen Menschen haben keine Garantie, bei erfolgreichem Abschluss des Praktikums eine Lehrstelle bei Hairstylist Pierre AG zu erhalten. Und dann sind sie in ihrer Stellenwahl auch nicht frei: Falls sie bei einem anderen Unternehmen einen Lehrvertrag abschliessen, obwohl sie auch ein Angebot von Hairstylist Pierre AG haben, müssen sie der Firma 1500 Franken für die Ausbildung bezahlen."

Auf Blick online winkt der Pierre-Sprecher ab: "Das ist ein erfolgreiches Ausbildungsmodell." Über 60 Prozent der Abgänger würden bei ihnen später fest angestellt. Die Lehrabbruchquote sei zudem 50 Prozent tiefer als im Rest der Branche. "Das Jahr bei der Academy ist kein Praktikumsjahr, sondern ein zusätzliches Ausbildungsjahr." Man sei bei Hairstylist Pierre AG überzeugt, dass die Absolventen deswegen besser ausgebildet seien und bessere Karrieremöglichkeiten hätten. "Wir sehen keinen Bedarf, den Lehrplan der Academy grundsätzlich zu hinterfragen", sagt er. Man sei aber immer offen, wenn es darum gehe, die Ausbildung zu verbessern.
 

Genügend Lehrstellen anbieten

Für die Unia ist indes klar: "Dieses Praktikumsjahr braucht es nicht. Die dreijährige Lehre genügt", sagt Ziltener gegenüber Blick. Nur Pierre profitiere davon: "Nach dem Academy-Jahr können die Lehrlinge vom ersten Tag an voll eingesetzt werden."

Das System aus Praktika, Gratisarbeit und Bedingungen für den Lehrantritt setze die angehenden Berufsleute stark unter Druck, heisst es von seiten der Unia weiter. Gefragt wäre stattdessen ein ausreichendes Angebot an regulären Lehrstellen, die das Unternehmen mit seiner Grösse problemlos anbieten könnte. Die Unia Jugend fordert Hairstylist Pierre AG mit diesem Schmähpreis auf, sein Praktikumsmodell zu überdenken. Sinnbildlich hat sie dem Unternehmen eine Fussmatte mit der Aufschrift "Wir sind keine Fussabtreter" übergeben. (chs)
 

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