Unedle Stücke des Schweins sollen nach China

NAHRUNGSMITTEL ⋅ Die Schweizer Fleischbranche will die Stücke des Schweins, die hierzulande nicht als Festtagsschmaus gelten, als Delikatesse nach China verkaufen. Offen ist, ob das klappt. Der Ball liegt bei den Chinesen.
31. Dezember 2017, 09:00

Sie nämlich müssen trotz des Freihandelsabkommens Anfang 2018 in Eigenregie entscheiden, ob sie die Importe zulassen. In der Schweiz wurden schon Millioneninvestitionen getätigt.

Bei vielen Schweizer Familien kommt in den Feiertagen bis Neujahr Schinken oder Schweinefilet im Teig auf den Tisch. Was dabei vergessen geht: Bei jedem gemetzgeten Schwein fallen vier Füsse, ein Schwänzli, ein Schnörrli und andere Fleischteile an, für die sich in der Schweiz fast niemand interessiert. Doch diese Teile, die hier nicht mehr als lecker gelten, sind für die Chinesen Delikatessen, für die sie gerne teuer bezahlen.

Die Fleischverarbeiter erwarteten, dass das 2014 in Kraft getretene Freihandelsabkommen mit China die Exporte solcher Schlachtnebenprodukte beflügelt. Doch bisher wurde aus der Schweiz kein Fleisch nach China exportiert, wie das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auf Anfrage bestätigte.

Veredelung von Schnäuzli und Schwänzli

An der Nachfragte liegt es nicht. Die zur Migros gehörenden Fleischverarbeiterin Micarna erhielt bereits etliche Anfragen aus China. "Die Hauptnachfrage richtet sich nach Schweinefüssen, Schweineohren, Schweinebrustrippen sowie Moon- and Soft-Bones", sagt Roland Pfister, Sprecher von Micarna, auf Anfrage.

Micarna schlachtet jährlich 722‘000 Schweine, das sind 27 Prozent aller in der Schweiz verarbeiteten Schweine. "Wir sind der Meinung, dass man so viele Teilstücke wie möglich als Lebensmittel nutzen sollte", erklärt Pfister.

Im Direktexport dieser Fleischstücke nach China sieht auch die Centravo Holding ein Geschäft. Das Unternehmen verarbeitet Schlachtnebenprodukte von Fleischverarbeitern wie Micarna, Bell, Sutter und weiteren - und deckt hierzulande rund drei Viertel dieses Marktes ab.

Die Firma hatte deshalb 20 Millionen Franken in die neue Tochtergesellschaft Swiss Nutrivalor AG in Oensingen SO investiert, welche Schlacht- und Zerlegereiprodukte für den Export aufbereitet. Der Betrieb startete letzten Sommer. Eigentlich wäre Nutrivalor bereit für den Direktexport nach China.

Beanstandungen der Chinesen

Doch die Chinesen haben die Ausfuhren bisher verhindert. Bei einem Audit bei fünf Schlachtbetrieben im Jahr 2012, als es Nutrivalor noch nicht gab, hatten die Chinesen noch diverse Beanstandungen. Ihnen fehlte vor allem die Kontrolle der ganzen Kette - vom Stall, Transport, Aufbereitung bis zur Verpackung und dem Tieffrieren.

"Nicht zuletzt dank dem neuen Betrieb von Nutrivalor konnten die erwünschten Verbesserungen inzwischen umgesetzt werden", sagt Georg Herriger, Sprecher von Centravo. Die Zulassung für China beurteilt er als ausserordentlich anspruchsvoll.

Für die Ausfuhr von Lebensmitteln tierischer Herkunft nach China ist eine Einzelbetriebsbewilligung der chinesischen Behörden notwendig. Laut BLW haben chinesische Behörden Ende Oktober erneut sieben am Export nach China interessierte Schweizer Fleischbetriebe inspiziert.

Schweineteile dienen als Futtermittel

Auch bei Nutrivalor in Oensigen haben die Chinesen ein Audit durchgeführt. "Die Entscheidung erwarten wir im ersten Quartal 2018", sagt Herriger. Durch die Investition wurden 50 Arbeitsplätze geschaffen. Diese soll sich dereinst amortisieren, weil mit einem lukrativen Direktexport nach China wieder Wertschöpfung in die Schweiz geholt werden könne. Bis anhin wurden die Fleischteile deklassiert und grösstenteils zu Futtermittel verarbeitet oder über eine Exportaufbereitung in Deutschland in Länder wie China verkauft.

Bei den Fleischausfuhren machen in der Schweiz "nicht geniessbare" Fleisch- und Schlachtnebenprodukte bereits 80 Prozent des Exportvolumens von 22‘000 Tonnen aus - allerdings bei geringem Wert.

Die Mehreinnahmen aus den höherwertigen Direktexporten wollten Centravo und Nutrivalor nicht dazu nutzen, um die eigene Kasse zu füllen, sondern um den Lieferanten, die im Wesentlichen auch Aktionäre der Centravo sind, höhere Preise zahlen zu können, sagt Herriger. (sda)


Leserkommentare

Anzeige: