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Tagblatt Online
11. Juni 2014, 02:35 Uhr

Auch am Nordpol gut schlafen

Mit einem Zelt, das gleichzeitig Matte und Schlafsack ist, will Walter Krummenachers und Marcel Schubigers Start-up Polarmond den Outdoor-Markt erobern. Deshalb sind sie für den Jungunternehmerpreis «Startfeld Diamant» nominiert.

KASPAR ENZ

ST. GALLEN. Auch wenn es draussen sommerlich warm ist, die «arktische Klimakammer» im Keller der Empa betritt man besser mit Winterjacke. 30 Grad unter null ist die Temperatur in dem isolierten und verschlossenen Raum. Ein knapp kniehohes, tunnelförmiges Zelt ist in der Klimakammer aufgestellt. Da drin sei es wohlig warm, sagt Walter Krummenacher. Zumindest, wenn man selber drin liege.

Körperwärme heizt den Raum

Rund vier Jahre dauerte es, bis aus Walter Krummenachers Idee der Prototyp wurde, der jetzt in der Kältekammer steht. «In den kalten Monaten hört man immer wieder von Flüchtlingen und Obdachlosen, die erfrieren», sagt er. Ein Zelt, das die Funktionen eines Schlafsacks und einer Isomatte integriert, könnte da helfen, glaubte er: Es spart Platz, es ist leichter, und es spart Energie. Denn der Innenraum des Zeltes sollte allein durch die Körperwärme aufgeheizt werden.

Als Krummenacher die Idee hatte, arbeitete er noch bei der Belimo in Hinwil. Das Unternehmen baut Antriebe und Ventile zur Steuerung von Lüftungen, Heizungen und Klimaanlagen. Dort fand er auch seinen Geschäftspartner, Marcel Schubiger. «Dass sich ein Raum durch Körperwärme aufwärmt, ist nicht überraschend», sagt Schubiger. Herkömmliche Schlafsäcke funktionieren nach dem gleichen Prinzip. «Aber sie liegen enger am Körper an. Die Frage ist, wie gross so ein Raum bei optimaler Isolation sein kann.»

Erste Antworten kamen Ende 2011. Walter Krummenacher hatte seine Idee patentieren lassen, und eine Studentin der Hochschule für Technik in Rapperswil hatte die Frage untersucht. «Die Resultate waren vielversprechend», sagt Krummenacher. Schon im Innern des rudimentären Vorläufers des heutigen Prototyps war es über 25 Grad wärmer als draussen. Die beiden Jungunternehmer traten damit an die Empa in St. Gallen heran. «Die fanden das interessant.» Aus der Idee wurde Ende 2012 ein Forschungsprojekt, mitfinanziert von der Kommission für Technologie und Innovation des Bundes (KTI), an dem neben den Gründern auch die Empa, das Ipek-Institut der HSR und die Schweizerische Textilfachschule beteiligt waren.

Doch schon Mitte 2011 war Walter Krummenacher klar, dass sein Zelt nicht so bald Flüchtlinge und Obdachlose vor der Kälte schützen dürfte. «Dafür müssten wir unsere Produkte in grossen Stückzahlen und zu tiefen Preisen herstellen können», sagt er. Für die erste Phase würde Polarmond eine zahlungskräftigere Kundschaft brauchen. Krummenacher will deshalb erst den Outdoor-Markt erobern. «Bergsteiger und Trekker erbringen Höchstleistungen. Sie müssen optimal schlafen können», sagt er. Denn sein Produkt ist nicht nur leicht und spart Platz: «Man hat darin mehr Beinfreiheit, man fühlt sich wohler als in einem normalen Schlafsack», sagt Krummenacher. Ausserdem liesse sich mit einem Reissverschluss die Temperatur regeln, und es biete Platz zum Trocknen von Kleidern oder Schuhen.

Erster Investor gefunden

Zu Testzwecken sind beide Polarmond-Gründer schon mehrere Stunden am Stück im Prototyp in der Kältekammer gelegen. «Angenehm» sei es, sagt Krummenacher. «Nur im Fussbereich fühlt es sich etwas kühl an.» Das liesse sich jedoch einfach verbessern. Das von den Empa-Forschern entwickelte Isolationsmaterial tut seinen Dienst. Zu kaufen gibt es das neuartige Zelt aber noch lange nicht. Polarmond gleist schon das nächste KTI-Projekt auf. Das Zelt muss serienmässig hergestellt werden können. Einen Investor hat Polarmond bereits gefunden, der wertvolle Erfahrungen aus der Textilindustrie mitbringt. So ist Krummenacher überzeugt, dass Polarmond bis 2016 durchhält, wenn das Produkt auf den Markt kommen soll. «Wir sind mit weiteren Investoren im Gespräch», sagt er. Und auch mit Herstellern und Händlern aus dem Outdoor-Bereich hat er schon gesprochen. «Das hat mein Konzept bestätigt.»

Vision finanzieren

Doch die Pläne von Polarmond gehen weit darüber hinaus. Der Witterungsschutz, der im Prototyp das Gesicht schützt, könnte vergrössert werden. So wären Zweier-, Dreier- oder Viererzelte möglich. Und, so hofft Krummenacher, nicht nur Expeditionsteilnehmer, Polarforscher, Bergsteiger und Trekker könnten sein Zelt brauchen. Auch das Militär sieht er in Zukunft als möglichen Abnehmer. Die ursprüngliche Idee hat er aber nicht vergessen. Ab 2020 könnte das Polarmond-Zelt tatsächlich einmal Flüchtlinge oder Obdachlose vor dem Erfrieren bewahren. «Aber wir können nicht alles auf einmal. Erst müssen wir das Geld verdienen, um unsere langfristige Vision finanzieren zu können.»



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